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Rezension: Sachbuch : Der indiskrete Kaufreiz des Privaten

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Nichts, was man vor sich hinpfeifend erledigen kann: Der Historienmaler Nicolas Poussin entwarf seine Briefe als beste Werbemittel

          Trotz des vielfach verkündeten "Todes des Autors" und allumfassender Diskursanalyse hat es doch immer wieder etwas Unerlaubtes, in den privaten Korrespondenzen von Künstlerpersönlichkeiten nach Aufschluß für die Deutung ihrer Werke zu suchen. Es erscheint geradezu als ein kleinlicher Akt der Profanierung, als wolle man den großen Geistern an ihrer empfindlichsten Stelle, im Bereich des Privaten, begegnen. Derartige Skrupel sind jedoch bei keinem Künstler der frühen Neuzeit weniger angebracht als bei Nicolas Poussin (1594 bis 1665), der als eine der eigenwilligsten Malerpersönlichkeiten und als bedeutender Briefautor der Barockzeit gelten darf. Der Kunsthistoriker Matthias Bruhn legt nun dar, daß Briefe sogar ein integraler Bestandteil von Poussins Verkaufsstrategie waren und den Bildern als Kommunikationsmittel zur Seite standen. Trotz vorgetäuschter Innigkeit und scheinbar hemmungsloser Nutzbarmachung des zeitgenössischen Freundschaftsdiskurses waren Poussins Briefe geradezu für ein öffentliches Publikum bestimmt.

          Allein der Umfang der epistolarischen Hinterlassenschaft sucht in der Kunstgeschichte des siebzehnten Jahrhunderts seinesgleichen: Mehrere hundert Briefe Poussins haben sich im Original oder in Abschriften erhalten und wurden als sprechende Psychogramme des malenden Stoikers offenbar schon von ihren Empfängern wie ein Schatz gehütet. Die Antwortschreiben der Briefpartner sind dagegen in der Regel verloren. Eine gut getroffene Auswahl von Poussins Briefen findet sich in deutscher Übersetzung des Autors im Anhang des vorliegenden Bandes. Bezeichnenderweise stammen die meisten der erhaltenen Briefe aus den umfangreichen Korrespondenzen mit dem römischen Archäologen Cassiano dal Lozzo und dem französischen Edelmann Paul Fréart de Chantelou: Diese beiden Sammler waren die wohl wichtigsten privaten Gönner des Malers und gaben zahlreiche Gemälde und Bilderserien direkt bei ihm in Auftrag.

          Nicolas Poussin ist der Prototyp des gebildeten Künstlers, des pictor eruditus. Er war der unbestrittene Meister der mit kleinen Figuren angefüllten Ideallandschaft, die komplexe Stoffe der antiken Dichtung oder biblische Sujets im klassischen Gewand zur Anschauung bringen konnte. Bis zu ihrer Auflösung im neunzehnten Jahrhundert sollte Poussin die Gattung des Historienbildes für zwei Jahrhunderte nachhaltig prägen.

          Die erhaltenen Briefe spiegeln vor allem die Empfindlichkeiten, die zwischen Maler und Auftraggeber der Barockzeit entstehen konnten: Ein feingesponnenes und hochsensibles Netz menschlicher Beziehungen scheint hier hinter dem europäischen Kunstmarkt des siebzehnten Jahrhunderts durch, dessen professionelle Organisation Francis Haskell so eindringlich beschrieben hat. Fühlt sich Chantelou einmal gegenüber einem konkurrierenden Auftraggeber zurückgesetzt, so beschwichtigt Poussin den empfindlichen Geldgeber, indem er ihn seiner einzigen und wahren Freundschaft versichert. Wieviel hier Rhetorik ist, bleibt letztlich dem Ermessen des Lesers überlassen, doch wäre von philologischer Seite mehr Aufschluß über die brieflichen Konventionen der Zeit wünschenswert gewesen.

          Bruhn untersucht die Argumentationsmuster und Strategien, mit deren Hilfe sich der Maler seiner Auftraggeber versichert. Worum es in den Briefen eigentlich geht, läßt sich am besten aus seinem Gegenteil erschließen: Außer den für laufende Geschäftsbeziehungen notwendigen Angaben wird vom Maler selten Privates enthüllt noch ein fortlaufender Kommentar zum wechselhaften politischen Zeitgeschehen abgegeben. Es geht, vereinfacht gesagt, also vornehmlich um Geld und Anerkennung. Selbst die Darlegung von Krankheit und Melancholie dient weniger dazu, den angeschriebenen "Freund" über einen Seelenzustand zu informieren, als den Verzug bei der Ausführung eines Gemäldes mit dem ungünstigen Wirken des Fatums zu rechtfertigen. Die Bezahlung, die bei Poussin im höfischen Gewand der angemessenen "Entschädigung" (recompense) für eine eigentlich unbezahlbare geistige Arbeit erscheint, kommt durchgehend zur Sprache. Die genaue Figurenzahl auf dem Gemälde wird dabei zum festen Bewertungskriterium für die Entlohnung des Malers und die Ausführungsdauer.

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