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Rezension: Sachbuch : Der hundertjährige Glockenkrieg

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Alain Corbin lauscht einem Kapitel der französischen Geschichte nach / Von Michael Jeismann

          Hier gibt es Geschichten wie die von Don Camillo und Peppone. Der Schauplatz ist freilich nicht Italien, sondern Frankreich. Mit gutem Grund spielte bei der Verfilmung des Romans von Guareschi der Franzose Fernandel die Hauptrolle des listigen und lebensfrohen Pfarrers. Die italienische Assoziation hat insofern ihre historische Berechtigung, als mit der Revolution in Frankreich ein erbitterter Streit zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt um Kirchturm und Glocken mit wechselnden Parteien und Koalitionen entbrannte. Es ging um lokale Identitäten und Machtansprüche der Zentralgewalt in Paris, um die Einrahmung und Rhythmisierung des Alltags. Und es ging um die Befugnis, Bedeutendes von weniger Bedeutendem zu unterscheiden.

          Der Streit um die Glockenhoheit kam erst mit dem Ersten Weltkrieg zum Erliegen. Gabriel Chevallier konnte in seinem Roman "Clochemerle", der direkt nach dem Krieg geschrieben wurde, diesen Konflikten bereits einen humoristischen Anstrich geben. Die Wunden des Jahrhundertstreits waren verheilt, aus einer wahren Volksangelegenheit war im Rückblick Folklore geworden.

          Die Literatur bietet uns Idylle dörflichen Streits, wo tatsächlich Dramen sich abspielten, deren Vehemenz die Zentralgewalt erbeben ließ. Alain Corbin hat in seinem Buch den Grundtext dieser Dramen aus einer gewaltigen Menge an Beschwerdeschriften und Korrespondenzen vom Innenministerium über die Präfekten bis zu den Bürgermeistern, vom Bischof bis zum Pfarrer entziffert. Wer glaubt, daß die "Sprache der Glocken" in der Zeit der "Modernisierung" ein Randphänomen sei, wird rasch eines Besseren belehrt. Corbin zeigt, wie im Streit um das Geläut der Glocken politische, soziale und kulturelle Kardinalprobleme des neunzehnten Jahrhunderts berührt werden. Er konzentriert sich auf die ländlichen Gebiete. Die Vorstellung des Städters von der "Ruhe auf dem Land" war immer schon falsch. Am Vorabend der Revolution muß ein Schwall von Glockengeläut die Landschaft in eine Art Klangteppich verwandelt haben. Kleine und große Glocken, wohl- und mißtönende, schwingende und geschlagene - man kann sich heute schwer eine Vorstellung davon machen.

          Das alles gehörte in ein System der Sinneskultur, das einer ganzen Reihe profaner und geistlicher Bedürfnisse diente. Geläutet wurde nicht nur nach dem liturgischen Kalender, sondern auch zu besonderen Vorkommnissen in der Gemeinde. Die Glocke rief die Arbeiter auf dem Feld, sie erklang bei Geburt, Taufe und Tod, jedes Ereignis hatte seine eigene Klangfarbe, seinen eigenen Ton. Corbin spricht in diesem Zusammenhang von der "Textur der sensorischen Umwelt" und gibt einige Hinweise auf deren Dimensionen.

          Michelet meinte, allein Rouen habe über fünfhundert Glocken besessen, eine Übertreibung mit historischem Wahrheitsgehalt. Denn die Klanggewalt, die von den Glockentürmen selbst kleinerer Gemeinden ausging, stand in keinem Verhältnis zur Einwohnerzahl. Ein Fachmann aus dem neunzehnten Jahrhundert schätzte, daß man in einem Umkreis von sechs Kilometern einer kleineren Gemeinde "fünfzig Glocken gleichzeitig hören konnte, die sich auf neunzehn Pfarreien verteilten". In den Jahrzehnten vor der Revolution war ein Glockenehrgeiz mit entsprechender Konkurrenz zwischen den Gemeinden entstanden, die zu einer Art klanglicher Aufrüstung führten.

          Diese hypertroph anmutende Glockenvermehrung kam mit der Französischen Revolution zum Erliegen. Hundert Jahre Glockenstreit sollten folgen. Hier hatten Klerikalismus und Laizismus ebenso ihr Schlachtfeld wie konkurrierende soziale Repräsentationsansprüche. Es ging aber auch um praktische Bedürfnisse der Kommunikation. Zunächst waren es die Revolutionäre, die die Selbstverständlichkeit des Läutens in Frage stellten. Die Glocken wurden inventarisiert, "überflüssige" Glocken in Depots gelagert und zum Teil für Kriegszwecke eingeschmolzen. Das Läuten wurde in mehreren Phasen immer strenger reglementiert und war schließlich nur noch zu nichtreligiösen Zwecken erlaubt. Die Revolutionäre wollten dem Klang der Glocken das Sakrale nehmen und insgesamt, wie Corbin sagt, das "System der Sinneskultur" ändern.

          Erfolg war dieser Reglementierungspolitik indessen nicht beschieden. Die Widerstände auf dem Land waren stark und oft ohne Waffengewalt nicht zu überwinden. Die Intensität der Auseinandersetzungen hing weniger von der Frömmigkeit als von dem Willen ab, lokale Bräuche zu verteidigen. Es ist nicht zu spät, diese historische Einsicht auf die aktuelle Debatte um das "Kruzifix" in Schulen auszuweiten. Denn auch hier scheint es mehr um bayrische Bräuche als um das Verhältnis von Kirche und Staat zu gehen.

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