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Rezension: Sachbuch Der Charme der Baufuge

 ·  Gotische Träume: Matthias Donath entschlüsselt die Baugeschichte des Doms zu Meißen

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Touristenführer und Kunstdenkmälerhandbücher preisen ihn in standardisiert pathetischen Formulierungen als "Perle Sachsens" und Höhepunkt mittelalterlicher Architekturgestaltung: Wie kaum ein Ort in Deutschland weckt der Meißner Burgberg, der mit der Bautengruppe des Doms, der Albrechtsburg und des Bischofsschlosses das Elbtal und die Altstadt überragt, die Sehnsucht nach einem idealen Mittelalter. Vor allem die Kathedrale, die nicht zu den größten, wohl aber zu den erlesensten Sakralbauten der Gotik in Deutschland zählt, begeistert die Besucher als steingewordenes Zeugnis einstigen Glaubens und Schönheitsempfindens, das die Erschütterungen der Neuzeit auf wundersame Weise überdauert hat; als "ein ewiges Gebet aus Stein" glorifizierte sie gar ein Autor im Zeitalter der Romantik.

Die gotischen Kirchen waren für die Ewigkeit gebaut. Die Bücher, die über sie geschrieben werden, sind indes meist ausgesprochen ephemere Erzeugnisse: Schon zwanzig bis dreißig Jahre nach der letzten wissenschaftlichen Bearbeitung, so lautet die Regel unter den stets auf Themensuche befindlichen Kunsthistorikern, sei ein Bauwerk allmählich wieder reif für eine neue Monographie. All jene, die sich künftig an die Baugeschichte des Meißner Doms heranwagen, seien allerdings schon jetzt nachdrücklich gewarnt: Finger weg von dem Thema. Denn die neue, aus einer Freiburger Dissertation hervorgegangene "Baugeschichte des Doms zu Meißen 1250-1400" von Matthias Donath ist akribisch gearbeitet wie ein gotisches Kreuzrippengewölbe und fußt methodisch auf Fundamenten, die so solide sind wie die der Kathedralpfeiler. Einzig die spätgotischen und neuzeitlichen Teile des Baus sowie seine kostbaren Bildwerke, die aus der Untersuchung - leider - ausgeklammert wurden, bleiben weiterhin ein Betätigungsfeld für künftige Forschergenerationen. Donath nutzte die Chance, die sich ihm durch die 1992 begonnene umfassende Restaurierung darbot: Jahrelang zog er "mit den wandernden Gerüsten von Raumabschnitt zu Raumabschnitt, von Kapelle zu Kapelle" und untersuchte minuziös das von grauen Farbschichten befreite Gemäuer - Stein für Stein, Fuge für Fuge. Eine Gelegenheit zu so profunden Befunduntersuchungen wird sich am Dom zu Meißen lange nicht mehr bieten.

Seine herausragende Qualität verdankt das Buch jedoch nicht nur dieser Gunst der Stunde, sondern vor allem dem Forscherethos und der Hingabe des Verfassers. Daß die Liebe zum Gegenstand indes auch Anfechtungen bereithält, zeigt sich im Vorwort, in dem Donath die gotische Kathedrale in einem eigentümlichen Rückfall in eine naiv-romantische Mittelalterrezeption als "Traum einer anderen, besseren, christlichen Welt" dem Zustand unserer Gesellschaft gegenüberstellt, "in der die moralischen Fundamente zunehmend ins Schwanken geraten, in der man die eigene Kultur bedenkenlos einem multikulturellen Ideal opfert, in der Liebe zum Heimatland als ,rechtsradikal' beschimpft wird". Glücklicherweise bleiben derlei wohlfeile, in ihrer Mißverständlichkeit fatale kulturpessimistische Betrachtungen dem Leser im folgenden erspart. Von diesem Fehlgriff abgesehen, besticht das Buch durch eine gleichbleibend nüchterne, anschauliche Darlegung komplizierter Sachverhalte unter Verzicht auf effektvolles Wortgeklingel und forcierte, originalitätssüchtige Thesenbildung. Damit hebt es sich wohltuend von jenem prätentiösen Duktus ab, den die heutige Kunstwissenschaft in zunehmendem Maße von ihren Nachbardisziplinen übernimmt.

Einleitend beleuchtet Donath den politischen Kontext des kurz vor 1250 begonnenen Kathedralbaus: den Machtkampf zwischen den Markgrafen von Meißen und den Bischöfen, die späteren Auseinandersetzungen zwischen den Wettinern und dem deutschen Königtum um die Landesherrschaft, von denen das Bistum als lachender Dritter profitierte, die geschickte Machtpolitik Kaiser Karls IV., der sich die Markgrafschaft im vierzehnten Jahrhundert ausgesetzt sah, und die Schwächung der bischöflichen Position gegen Ende der Baukampagne. Der unmittelbare Einfluß der politischen Auseinandersetzungen auf den Dombau hielt sich jedoch nach Donaths Einschätzung in Grenzen. Eher geringen Aussagewert für die Baugeschichte bescheinigt er auch den nachfolgend vorgestellten Urkunden des Meißner Hochstifts. Einige Indizien für die Datierung einzelner Bauabschnitte erbrachten dagegen die Untersuchungen zur Abfolge der Altarweihen und Bestattungen in der im Bau befindlichen Kathedrale.

Die wichtigste Quelle des Bauhistorikers ist jedoch der Baubefund selbst. So ist denn auch der Hauptteil des Buches ein Hohelied auf dessen Überzeugungskraft. Schon im Vorwort läßt Donath den Leser darüber nicht im Zweifel, daß die Befunde "der Fülle der Erkenntnisse angemessen", das heißt "sehr ausführlich", geschildert werden. Angesichts der notorischen Leserfeindlichkeit der Literaturgattung Baumonographie haftet einer solchen Ankündigung etwas von einer Drohung an. Auch Donaths detaillierte Baufugenanalysen sind nicht durchgehend eine beschwingte Lektüre. Es gelingt ihm aber, die Fülle der Befunde und die daraus abgeleiteten insgesamt elf Bauphasen der auf den ersten Blick sehr einheitlichen Kathedrale auch für den Laien anschaulich darzustellen - von der Errichtung der östlichen Chorpartien um 1250 über die Fertigstellung von Querhaus und Hallen-Langhaus bei schrittweisem Abbruch des romanischen Vorgängerbaus bis zur Anlage der erst in späteren Jahrhunderten vollendeten Doppelturmfassade um 1400.

Zu diesem didaktischen Erfolg tragen auch die zahlreichen eigens angefertigten Zeichnungen bei, die, übersichtlich gestaltet und geschickt in den Text integriert, dem Leser die Orientierung erleichtern. Genauigkeit und Anschaulichkeit zeichnen ebenso die stilgeschichtliche Einordnung der Bauglieder aus, in der die für das gotische Bauen charakteristischen paneuropäischen Verbindungen, etwa zu Frankreich, England und Böhmen, aufgezeigt werden.

Natürlich sind nicht alle Ergebnisse Donaths neu, war doch der Forschungsstand zum Meißner Dom bereits vor Erscheinen des Buches recht fortgeschritten. Aber die Souveränität, mit der er frühere Erkenntnisse mit eigenen Befunden verknüpft und in einen breiten kunsthistorischen Kontext einbettet, ist beeindruckend. Weit entfernt von stupider Steinezählerei, zu der architekturgeschichtliche Untersuchungen bisweilen ausarten, ist das Werk nicht nur ein Kompendium zur Baugeschichte des Meißner Doms, sondern zugleich auch eine exemplarische Einführung in die Methoden der Bauforschung: Immer wieder untermauert Donath seine Erkenntnisse mit konzisen Exkursen zu vertrackten Problemen der Forschung wie Bauorganisation und Bautechnik oder Funktion und Aussagewert von Steinmetzzeichen.

Als Lektüre für einen breiteren Leserkreis ist diese Monographie auch durch ihre Gestaltung prädestiniert. Denn im Unterschied zur großen Mehrheit kunsthistorischer Dissertationen ist sie ein ausgesprochen schönes, mit viel Liebe gemachtes Buch - ein Zugeständnis an die Bibliophilie, mit dem sich der kleine, bislang auf sächsische Regionalia spezialisierte Sax-Verlag aus Beucha bei Leipzig für anspruchsvolle Publikationen empfiehlt.

ARNOLD BARTETZKY

Matthias Donath: "Die Baugeschichte des Doms zu Meißen 1250-1400". Sax-Verlag, Beucha 2000. 336 S., 328 Farb- und S/W-Abb., Grund- und Aufrisse, Isometrien, br., 168,- DM.

Die Baugeschichte des Doms zu Meißen 1250-1400

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2001, Nr. 100 / Seite 56
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