04.12.1997 · Dem Meeresboden gleichgemacht: Heinz Kaminski kartographiert einen Kontinent der Theorien
"Wahrlich, ein Trefflicher, o Xymmachos, bist du in bezug auf die Erkenntnis!" So spricht Sokrates in dem apokryphen platonischen Dialog, den uns Robert Neumann überliefert hat. In zwei anderen Dialogen, "Timaios" und "Kritias", hat Platon von der Insel, nein dem Kontinent, Atlantis berichtet. Seitdem staunen die Laien, und die Fachleute wundern sich. Schon immer waren die Meinungen geteilt, ob Platon (oder ein anderer in der Kette seiner Gewährsleute) sich Atlantis selbst ausgedacht habe oder ob es einen wahren Kern der Geschichte, ungefähr wie im Falle Trojas, gibt. Auch Heinz Kaminskis "Atlantis - Die Realität" wird diesen Streit nicht beenden. Allenfalls markiert seine Publikation ein weiteres Scharmützel im Kampf der Gläubigen gegen die Skeptiker.
In einem vorhergehenden Buch ("Sternstraßen der Vorzeit", 1995) hat Kaminski, der als langjähriger Direktor der Volkssternwarte Bochum wohl bekannter ist denn als Atlantisforscher, die Theorie vorgestellt, daß megalithische Geodäten seinerzeit Westeuropa mit einem verblüffend präzisen Gitter von Längen- und Breitenkreisen überzogen haben, den Sternstraßen. Eine Sternstraße ging zum Beispiel durch das englische Stonehenge, das astronomischen Messungen diente. Keine damalige Kultur außer Atlantis wäre zu diesen Meisterleistungen in der Lage gewesen, also seien die antiken Feldmesser aus einem notwendig realen Atlantis gekommen, das wiederum bestätigte die Existenz der Sternstraßen. In der jetzigen Veröffentlichung geht es aber hauptsächlich um Atlantis, und die immer wieder erwähnten Sternstraßen werden nur am Schluß mit Atlantis in Verbindung gebracht. Die Grundidee ist ebenso originell wie einleuchtend. Mit schulwissenschaftlichen Methoden wie der Bestimmung von Radiokarbon-Werten der Jahresringe von Bäumen gelingt es uns nur, einen kleinen Teil der Vergangenheit zu enträtseln, also müssen wir die Geisteswissenschaftler zu Rate ziehen. Dabei darf man den Begriff der Geisteswissenschaft nicht zu eng fassen; es gibt einfach zuviel zwischen Himmel und Erde, was wir sonst nie ergründen würden.
Das Buch ist auch für den Neuling zugänglich. Am Anfang erfährt man einiges über Platon und über den athenischen Staatsmann Solon, auf den er sich beruft. Kaminski hält sich dabei konsequent an seine Prinzipien: "Erst durch die Hinzuziehung geisteswissenschaftlicher Methoden und ihrer Erkenntnisse wird uns eine ganzheitliche Betrachtung und Bewertung des Menschen und Philosophen Platon möglich, erst dann kann eine abgerundete Beurteilung entstehen." Anschließend werden die beiden relevanten Dialoge ausführlich exzerpiert. Vor unserem geistigen Auge entsteht eine unbekannte Welt, die von den Göttern mit Goldkupfererz und Elefanten gut versorgt war. Geographie und Architektur, Schule und Politik, Kunst und Wissenschaft, in allen Einzelheiten wird uns das Gemeinwesen vorgestellt. Und dann kommt der dramatische Höhepunkt: Die Atlanter, die ursprünglich vom Gott Poseidon abstammten, degenerierten, weil sie sich mit normalen Sterblichen vermischten. Worin sich diese Degeneration genau äußert, wird nicht ganz klar, der Göttervater ist jedenfalls erzürnt und macht Atlantis im Laufe eines Tages und einer schlimmen Nacht durch Erdbeben und Überschwemmungen dem Meeresboden gleich.
Dies alles hat sich laut Platon und Solon etwa 8500 Jahre vor der Zeitenwende abgespielt. Was macht man, wenn man die Realität eines solchen Ereignisses beweisen will? Man sucht nach gleichzeitigen, besser dokumentierten Katastrophen! An Kandidaten gibt es da einiges. Zum Beispiel gab es am 5. Juni - 8498 (Gregorianischer Kalender) eine Konjunktion von Erde, Mond, Venus und Sonne. Man kann vermuten, daß diese ungewöhnliche astronomische Konstellation dazu geführt hat, daß ein Planetoid auf die Erde stürzte und Atlantis zerstörte. Dieses Datum ist obendrein der Nullpunkt des Kalenders der Maya. Weitere Untersuchungen beschäftigen sich mit Meteoriten in Australien und Vietnam, mit Bohrkernen aus dem Eis Grönlands, mit tiefgefrorenen Mammuts in Sibirien und mit dem Isotopengemisch des Kohlenstoffs in datierbaren Jahresringen von fossilen Bäumen. Jedesmal zeigt sich, daß es etwa zu dem angegebenen Zeitpunkt (plus minus tausend Jahre) auffällige Ereignisse gab.
Diese naturwissenschaftlichen Fakten werden in der Folge durch geisteswissenschaftliche Belege ergänzt. Kaminski stellt zuerst die Forschungen von William Scott-Elliot ("Atlantis nach okkulten Quellen") vor. Dieser konnte mit einem Team von Sehern, die sich gegenseitig kontrollierten, Erstaunliches herausfinden. In seinem Buch schildert er die Geschichte von Atlantis über den Zeitraum von etwa einer Million Jahren vor dem Untergang. Besonders interessant ist die Beschreibung der atlantischen Luftwaffe, die für ihre Flugobjekte eine "von der Wissenschaft noch nicht entdeckte Kraft" gezähmt hatte. Man darf allerdings nicht unerwähnt lassen, daß Rudolf Steiner Scott-Elliots Datierungen für ungenau gehalten hat, weil dieser mit astralen und nicht mit devanchanischen Bildern arbeitete.
Nach Scott-Elliot kam Edgar Cayce. Er war die Reinkarnation eines Ägypters, der etwa zur Zeit der Zerstörung von Atlantis lebte. Man wundert sich deshalb nicht, daß er sich besonders gut auskannte. Von ihm erfahren wir Näheres über jene geheimnisvolle Energiequelle. Es handelte sich um den Tuaoi-Stein, der die Form einer sechsseitigen Figur hatte, "in der das Licht als Kommunikationsmittel zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen erschien". Nur ein Böotier könnte dawider Einspruch erheben. Cayce schildert unter anderem, wie atlantische Sendboten den Ägyptern das Pyramidenbauen beibrachten. Der Führer der atlantischen Delegation wurde in der ägyptischen Mythologie zum Gott Thot mit dem Ibiskopf. Kaminski vergleicht diesen Besuch von "weit voraus entwickelten Menschen" treffend mit den Entdeckungsreisen von James Cook zu den Südseebewohnern. Es folgen einige esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge von Rudolf Steiner, die der Nichtanthroposoph wohl einige Lustra lang studieren müßte, bis er sie völlig verstünde. Immerhin nimmt man zur Kenntnis, daß die Artusritter auch von Atlantis kamen. Offenbar muß man die orthodoxe Geschichtsschreibung, die davon ausgeht, daß Artus etwa um das Jahr 500 lebte, etwas korrigieren. Oder sollte sich der Einfluß der Atlanter bis in diese Zeit erhalten haben?
Leider geht das vorliegende Buch nur auf einen Teil der relevanten geisteswissenschaftlichen Literatur ein. Besonders hinweisen möchte der Rezensent deshalb noch auf die neueren Beiträge von Carl Barks ("The Secret of Atlantis", 1954) und Donavan Leitch ("Atlantis", 1969). Mit den Steiner-Texten ist der geisteswissenschaftliche Teil im wesentlichen beendet. Der Rest des Buchs faßt dann die weitgehend bekannten Argumente für die Existenz von Atlantis noch einmal zusammen. Man liest von den Mythen und Sagen der Völker, in denen sich vielleicht manchmal eine Erinnerung an Atlantis erhalten hat (Garten Eden, Sintflut, Gilgamesch-Epos, Raumfahrt im alten Indien, der aus dem "fernen Osten" gekommene mexikanische Gott Quetzalcoatl und so weiter und so fort). Alles, was es auf der Welt so an Pyramiden gibt, wird auf Atlantis zurückgeführt. Die Geowissenschaften kommen zu Wort. Es scheint einen gewissen Konsensus unter den heutigen Atlantis-Forschern zu geben, daß der Kontinent durch den Einschlag eines Himmelskörpers zerstört wurde und daß es sich bei den Azoren um seine Überreste handelt. (Man erinnert sich an ähnliche Theorien über den Grund des Aussterbens der Dinosaurier, die allerdings derzeit wieder stärker umstritten sind.) Dr. Paul Schliemann, der Enkel von Heinrich Schliemann, hatte von seinem Großvater eindeutige Beweise für die Existenz von Atlantis geerbt. Er ergänzte dieses Material durch eigene Untersuchungen, verschwand aber spurlos, ehe er sein Buch veröffentlichen konnte. Im Laufe der Jahrhunderte ist etliches mit Atlantis in Verbindung gebracht worden.
Karl Kraus machte sich einmal Sorgen, eine Zeitungsredaktion könnte bei dem Wort "kosmisch" in seinem Leserbrief einen Buchstaben auslassen. Solche Sorgen sind berechtigt. Bei der Suche nach der trefflichen Erkenntnis ist es leichter, dabeizusein, als zu siegen. Oder wie Sokrates so richtig sagte: "Er irre getrost, mein Xymmachos. Wenn er nur lächelt!" ERNST HORST
Heinz Kaminski: "Atlantis - Die Realität". Bettendorf'sche Verlagsanstalt, München 1997. 286 S., Abb., geb., 24,80 DM.