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Rezension: Sachbuch : Delphine sind ja so klug

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Mann, wer hätte das gedacht, daß so was von so was kommt! Malcolm Gladwell berichtet von seinen Lieblingsparadoxien

          Warum gibt es im deutschen Sprachraum keine Zeitschrift wie den "New Yorker"? Wenn ein solches Blatt in den barbarischen Vereinigten Staaten gedeihen kann, dann sollte das auch bei uns möglich sein.

          Eine der vornehmsten Aufgaben des "New Yorker" ist es, die gebildeten Stände in den Staaten über die Entwicklungen in den Wissenschaften zu informieren. Dabei geht es weniger wie im "Scientific American" um langweilige naturwissenschaftliche Grundlagenforschung vom Typ "Die prähistorische Kultur der Rharbarberpflanze", sondern mehr um Dinge, die Körper und Geist des Menschen betreffen wie etwa die unvergessene Geschichte von dem Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte.

          Diese Artikel sind mitunter so aufwendig recherchiert und so sorgfältig geschrieben, daß die Autoren gleich ein Buch daraus machen. Und wenn so ein Buch ins Deutsche übersetzt wird, dann erreicht uns doch noch ein schwacher Abglanz des Lichtes aus dem Okzident.

          "Der Tipping Point" von Malcolm Gladwell ist so ein Werk. (Heutzutage muß es ja Englisch sein, auch wenn einem in fünf Minuten zehn adäquate Übersetzungen einfallen.) Der Tipping Point ist der Punkt, an dem eine Entwicklung umkippt, der Punkt, an dem der Luftballon platzt, das Fieber rasend steigt, der Punkt, an dem der neunjährige Legastheniker Erasmus plötzlich beginnt, Tag und Nach Harry-Potter-Bücher zu lesen.

          Das Phänomen an sich ist uns natürlich vertraut. Die Paradigmen Evolution und Revolution haben beide ihren festen Platz in unserem Verständnis der Welt. Manchmal verblüfft uns aber eine Entwicklung, weil sie unerwartet vom Bereich Evolution in den Bereich Revolution wechselt. Wenn wir ehrlich sind, hat keiner von uns die Geschwindigkeit vorhergesehen, mit der der Ostblock zerbrechen würde. Und - nebenbei bemerkt - auch nicht, welche Länder übriggeblieben sind: Kuba und Nordkorea.

          Gladwells Buch ist eine Sammlung von Fallstudien, von unerhörten Begebenheiten. Eine Eigenschaft, die die meisten der geschilderten Fälle gemeinsam haben, ist, daß es sich um nichtlineare Prozesse handelt. Der Terminus "linear" beschreibt immer Situationen, in denen der Input proportional zum Output ist. Zwei Kirschen auf der Schlagsahne sind doppelt so teuer wie eine. Und nichtlinear ist eben alles, was nicht linear ist.

          "Hush Puppies", die klassischen amerikanischen Wildlederschuhe, waren 1994 als Marke so gut wie erledigt. Dann wurden sie plötzlich zum Geheimtip. Die Verkaufszahlen wuchsen wie die Zahl der Erkrankten bei einer Grippeepidemie. Niemand hatte das vorhergesehen, niemand konnte es nachträglich überzeugend begründen, am allerwenigsten die Herstellerfirma.

          Die Verbrechensquote in New York entwickelte sich in den neunziger Jahren rapide nach unten. Erklärungen dafür gab es viele. Die Polizei griff härter durch. Es gab weniger Crack-Süchtige und weniger Arbeitslose. Aber insgesamt war die Wirkung nicht proportional zu den vermuteten Ursachen. Man hatte zehn Kirschen zum Preis von zweien bekommen.

          Unser Verhalten wird zum großen Teil von unserer Umwelt bestimmt. Die Verbrechen in den U-Bahnen von New York gingen schon deshalb zurück, weil diese gründlicher gereinigt wurden. Aber Umwelt ist nicht gleich Umwelt. Kinder werden zum Beispiel viel mehr von ihren gleichaltrigen Freunden als von ihren Eltern geprägt. Ich sage nur: Pokémon. Dieser Effekt wird allerdings dadurch verschleiert, daß die Kinder und Eltern genetisch ähnlich sind und deshalb ähnliche Interessen entwickeln. Bei adoptierten Kindern läßt er sich besser studieren.

          Die Hutterer sind eine christliche Gruppe ähnlich wie die Amischen und Mennoniten. Sie treiben Landwirtschaft und lehnen unsere moderne Industriegesellschaft ab. Wenn eine von ihren Gemeinden eine Mitgliederzahl von 150 überschreitet, teilt sie sich. Diese magische Grenze ist der Tipping Point, bei dem das Gemeinschaftsgefühl verlorengeht. Die Firma Gore Associates - bekannt durch den Stoff für die wasserfesten Windjacken - ist im High-Tech-Bereich sehr erfolgreich. Sie verwendet das gleiche Prinzip wie die Hutterer: kleine Einheiten mit maximal 150 Mitgliedern und flachen Hierarchien.

          Auch bei anderen Primaten gibt es jeweils eine Größe, die eine gutfunktionierende Gruppe nicht überschreiten darf. Diese Grenzen sind aber kleiner als bei Homo sapiens. Das liegt an Unterschieden in der Ausbildung des Gehirns. Das Verhältnis des Neocortex zur gesamten Gehirnmasse scheint hier der relevante Wert zu sein.

          Wir Menschen sehen die Welt nicht so objektiv, wie wir uns einbilden. Unsere Evolution ist im wesentlichen noch auf dem Stand von vor der Erfindung des Ackerbaus. Unser Wahrnehmungsvermögen ist optimiert für das Leben in einer Steinzeithorde.

          Wenn die vorhergehenden Zeilen ein wenig den roten Faden vermissen lassen, dann spiegelt das auch Gladwells Buch wider. Es ist ein Gemischtwarenladen. Es enthält keine Patentrezepte. Wir lernen weder erfolgreich Schuhe zu verkaufen, noch wie wir Verbrecher von ihren ruchlosen Taten abhalten können. Wir lernen aber, nicht zu naiv zu sein. Unsere Kultur ist komplizierter, als wir denken. Und sie verdankt unseren Genen mehr als dem kategorischen Imperativ. Ein Delphin kann lernen, auf Befehl durch einen Reifen zu springen und das auch noch zu genießen. Aber nur, weil er in Fischwährung bezahlt wird.

          ERNST HORST

          Malcolm Gladwell: "Der Tipping Point". Wie kleine Dinge Großes bewirken können. Aus dem Amerikanischen von Malte Friedrich. Berlin Verlag, Berlin 2000. 280 S., geb. 39,80 DM.

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