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Rezension: Sachbuch : Das wohltemperierte Wörterbuch

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Einfach weise: Theodor Icklers sanft reformierte Orthographie

          Fast vier Jahre währt nun der Protest gegen die überfallartig verordnete Rechtschreibreform: Schriftsteller und Wissenschaftler, Journalisten, Lehrer und Eltern, die einfach kundige Leser und Schreiber des Deutschen sind, wehren sich gegen diesen Oktroi voller Verschlimmbesserungen der vertrauten Schreibnorm. In ihrem eigenen Schreibgebrauch vertrauen sie auf ihr orthographisches Wissen und ihre sprachliche Institution - notfalls nehmen sie einen alten Duden zur Hand. Denn alle Rechtschreibwörterbücher seit 1996 versuchen, die neuen Regeln anzuwenden - wie bekannt mit unterschiedlichen Ergebnissen. Nur eines gab es nicht mehr: eine Darstellung der bewährten Rechtschreibung. Die angestrebte Bewahrung der seit hundert Jahren geltenden deutschen Einheitsorthographie drohte an einer Banalität zu scheitern: dem Fehlen eines entsprechenden Wörterbuches, das jeder kaufen kann.

          Hier ist es endlich: von Theodor Ickler, dem schärfsten Kritiker der Rechtschreibreform. Aber man darf sich wundern: Nicht der gewandte Polemiker führt hier das Wort, sondern der sorgfältige Philologe. Ickler beginnt mit einer leichtverständlichen "Kurzen Anleitung zum rechten Schreiben". Dann folgt auf dreißig Seiten eine genauere Beschreibung der "Hauptregeln der deutschen Orthographie". Wer einmal versucht hat, jenes Regelwerk der Rechtschreibkommissionen von 110 Seiten Umfang zu verstehen, darf erleichtert aufatmen. Ickler ist ein Meister leserfreundlicher Darlegung sprachlicher Sachverhalte. Allerdings meidet er das Unterholz von Detailregelungen, und zwar aus Überzeugung: Ein Regelsystem müsse flexibel bleiben für den Sprachwandel und für unterschiedliche Interpretationen der Textverfasser. Sprache ist kein starres, sondern ein wandlungsfähiges System. Dem müssen auch die Regeln der Rechtschreibung entsprechen.

          Kann einem einzelnen überhaupt eine Neudarstellung der Rechtschreibung gelingen, wo dies eine vielköpfige Kommission in zehn Jahren nicht geschafft hat? Ein Blick in die Vergangenheit gibt die Antwort: Es waren wenige bedeutende Germanisten, denen die Kodifizierung der deutschen Rechtschreibung zu danken ist: zunächst der Grammatiker und Lexikograph Johann Christoph Adelung, an dessen Darstellung sich die Klassiker orientierten; sodann Rudolf von Raumer, der im Auftrag des preußischen Kultusministers Falk 1875 die Beratungsgrundlage für die erste Berliner Rechtschreibkonferenz (1876) schuf; nach deren Scheitern prägte Wilhelm Wilmanns auf von Raumers Vorarbeiten die nächste Etappe: die preußische Schulorthographie. Und schließlich Konrad Duden: Er hat 1880 auf dieser Grundlage sein "Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache" erarbeitet und damit die wichtigste Voraussetzung für die Einheitsorthographie vom Jahre 1901 geliefert. In dieser Reihe könnte einmal Theodor Ickler genannt werden. Denn sein Rechtschreibwörterbuch leistet Vergleichbares für die Wiederherstellung der bewährten deutschen Orthographie.

          Methodisch knüpft Ickler unmittelbar an Konrad Duden an: Sein Rechtschreibwörterbuch ist ebendies und nicht mehr. In gut sechzigtausend Stichwörtern wird alles erfaßt, was man zur Rechtschreibung benötigt. Darum findet man darin weder Ableitungen wie zum Beispiel "Arbeiterin" neben "Arbeiter" noch die unzähligen Zusammensetzungen wie zum Beispiel Admiralitätsinseln, Advokaturskanzlei oder Ahnungslosigkeit, mit denen der Rechtschreibduden angefüllt ist.

          Der Duden war demgegenüber nach dem Tod seines Begründers zu einem Allzweckwörterbuch ausgebaut worden: mit Bedeutungsangaben der Fremdwörter, Herkunftsangaben, Informationen zu Grammatik und Aussprache und schließlich einer Ausweitung der Stichwörter um aktuelle Neuprägungen und Entlehnungen. Überdies hat die Dudenredaktion in schöpferischer Interpretation der Regeln von 1901 Tausende von Einzelfallentscheidungen getroffen und damit eine Überregulierung zur Norm erhoben, die zum Auslöser der Rechtschreibreform geworden ist.

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