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Rezension: Sachbuch : Das Nein zur Natur

  • Aktualisiert am

Klaus P. Hansen führt in die Kulturwissenschaft ein

          Als vor sechzig Jahren Repräsentanten der damaligen deutschen Führungsschicht versicherten, bei dem Begriff "Kultur" entsicherten sie ihren Browning, verstanden sie unter Kultur noch etwas anderes als wir heute, nämlich ausschließlich die Produkte eines Geisteslebens, dem die Nazis weder etwas abgewinnen konnten noch wollten. Was den Verächtern des Kulturbegriffs nie klar wurde, ist, daß sie selbst einer neuen Kultur den Weg bereiteten, einem way of life, für den sie die Bezeichnung "gesundes Volksempfinden" geprägt hatten.

          So hinterhältig rächt sich der Kulturbegriff an seinen Verächtern, denn er bezeichnet zumindest viererlei: die Gesamtheit der Künste, den zivilisierten Lebensstil, die Gewohnheiten einer Gruppe und die Ergebnisse ackerbäuerlicher Arbeit. Mit dieser Differenzierung beginnt denn auch der Passauer Amerikanist Klaus P. Hansen seine Einführung in die Kulturwissenschaft, mit der er angesichts der Vielzahl von neugeschaffenen Studiengängen dieser Disziplin ein Desiderat befriedigt.

          Entstanden ist das vorzügliche Buch, das hoffentlich unter Studenten weite Verbreitung finden wird, aus einer Einführungslehrveranstaltung des Autors für die angehenden Diplomkulturwirte an der Universität Passau. Es leistet jedoch viel mehr als eine bloße Vermittlung von Basiswissen, es entwirft auch das Programm einer modernen Kulturwissenschaft, die sich von den tradierten Deutungen löst, um die aktuellen semiotischen und strukturalistischen Konzeptionen anderer Fachgebiete für das eigene Fach fruchtbar zu machen. Vorbereitet wird dieser Versuch durch eine Definition, die "Kultur" entscheidend weiter faßt als bislang üblich: "Neben den materiellen wie geistigen Leistungen eines Kollektivs umfaßt Kultur die Standardisierungen, die in ihm gelten."

          Diese Einbeziehung der Standardisierungen von Kommunikation, Denken, Empfinden und Handeln der Angehörigen einer Gruppe läßt der Bedeutung von "Kultur" als Summe der Gewohnheiten von Menschen Gerechtigkeit widerfahren. Die Semiotik beispielsweise stellt dann das Instrumentarium bereit, um das Funktionieren von Kommunikation mittels standardisierter Zeichen verständlich zu machen. Gleichzeitig aber warnt Hansen alle Vertreter des interkulturellen Diskurses vor übertriebenen Hoffnungen: "Es gibt keine allgemeinen oder natürlichen oder aus sich selbst heraus verständlichen Zeichen, die im gesamten Universum Geltung besäßen." Die Gestalter der der Raumsonde "Voyager II" eingravierten Botschaft an fremde Intelligenzen werden dies ungern hören.

          Für Hansens Konzeption ist aber gerade der Akzent auf der willkürlichen Aneignung jeglicher Kultur durch den Menschen entscheidend. Gegen die Apologeten eines instrumentellen oder eines substantiellen Kulturbegriffs führt er den Luxus ins Feld, den Kultur bedeutet. Erst wenn die Bedürfnisbefriedigung das elementare Niveau erreicht hat, wird sich ein Mensch mit Gegenständen befassen, die sein Überleben verschönern. Er kann dann den Naturzustand verlassen, und "dieses Nein (zur Natur), diesen Triumph der Kultur, so unvernünftig er sein mag, führt uns jeder Drachenflieger, jeder Motorradfahrer oder Raucher vor Augen, die alle ihr Leben aufs Spiel setzen und auch noch Spaß daran haben".

          Hansen kann lebendig und witzig schreiben, was gerade einer Abhandlung, die nicht auf hochtheoretische Passagen verzichten kann, zugute kommt. Allerdings entlarvt sich der Verfasser auch als Vertreter einer besonders eigenwilligen Kultur: Seine Germanophobie artikuliert sich in einer eher gezwungen lustigen Konfrontation von fünf deutschen "Typen" mit einem flotten Amerikaner und in der unablässigen Geißelung des deutschen Autowahns. Fünf oder sechs Erwähnungen auf zweihundert Seiten hätten es da auch getan.

          Ansonsten aber vertritt das Buch erfrischend unkonventionelle Positionen, die in Clifford Geertz' "dichter Beschreibung" die Basis finden, von der aus der "semiotische Kulturbegriff" verfochten wird: Ein undogmatisches, auf Symbolen beruhendes Verständnis von Kultur, das die Freiheit des Menschen bei der Herausbildung seines Charakters und beim Anschluß an unterschiedliche Kulturen betont; keine Spur mehr von der Trennung zwischen Verstand und Natur, die die Philosophen der Aufklärung entzweite. Die Natur wird bei Hansen zum Steigbügel, ohne den der kultivierte Mensch niemals in den Sattel käme. Die Orientierung des Autors an der Hermeneutik sorgt zudem dafür, daß er im "Verlust der Fraglosigkeit der gewohnten Normalität" sein Ideal einer modernen Kulturwissenschaft formulieren kann. Die Infragestellung der eigenen Kultur gestattet dann wieder klare Urteile über andere Lebensstile, die den Ethnologen nach den rassistischen Exzessen dieses Jahrhunderts so fraglich geworden waren. Am Ende könnte dann zum Beispiel ein gut begründetes Verdikt stehen, das Voltaire und Rousseau versöhnen würde: Wilde sind eben vernünftiger. ANDREAS PLATTHAUS

          Klaus P. Hansen: "Kultur und Kulturwissenschaft". Eine Einführung. UTB/ Francke Verlag, Tübingen 1995. 221 S., Abb., br., 24,80 DM.

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