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Rezension: Sachbuch : Das freudige Wedeln der Bewußtlosigkeit

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Das Leben des Freiherrn von Eichendorff / Von Hermann Kurzke

          Eichendorff war Beamter, Familienvater, Kirchgänger. Aber er träumte von Freiheit und Faulheit, von Mädchen und hüteschwenkenden Studenten in der Morgensonne. Er verspottete die Seßhaften und schwärmte von den Taugenichtsen. Aber war er nicht in Wirklichkeit ein Philister? Er dichtete das Lied von den zwei Gesellen, deren einer ein Liebchen fand und ein Haus bezog; er "wiegte bald ein Bübchen, / Und sah aus dem heimlichen Stübchen / behaglich ins Feld hinaus". Dem zweiten Gesellen aber "sangen und logen / die tausend Stimmen im Grund, / verlockend' Sirenen, und zogen / ihn in der buhlenden Wogen / farbig klingenden Schlund". Eichendorff hatte seine Entscheidung getroffen. Er ist drei Jahre verheiratet, als er das schreibt, und hat zwei Kinder. Er hat sich gegen die Romantik entschieden und vor dem farbig klingenden Schlund gehütet.

          Günther Schiwy verzichtet darauf, das Leben kritisch gegen das Werk zu wenden. Seine überaus sorgfältige Biographie stellt die Eichendorff-Legende zwar in vieler Hinsicht in Frage. Sie zerstört viele Mythen durch penible Genauigkeit, aber sie stellt sich dem nicht, was sie damit anrichtet. Sie ist von Liebe zu Eichendorff erfüllt und will einen großen Deutschen zeigen, eine Vorbildfigur; aber etwas ähnlich Starkes wie die frühere Glorifizierung vermag sie nicht zu entwickeln, der wissenschaftlich geprüfte Eichendorff gerät ziemlich gewöhnlich. Das alte deutschnationale Bild vom fröhlich dahinsprengenden Lützower Jäger, vom idealistischen Taugenichts mit seiner Violine, dem deutschen Menschen par excellence, wie noch Thomas Mann ihn sah - die Gegenfigur zum französischen Rationalismus und zum britischen Ökonomismus; dieses Bild will Schiwy zwar bekämpfen, aber indem er uns statt dessen einen bemühten Beamten, guten Familienvater und gemäßigten Liberalen präsentiert, geht die Romantik zugrunde. Mit Erschrecken fast nimmt man wahr, wie viele Gedichte Eichendorffs sich autobiographisch lesen lassen und wie banal sie dann werden. Diese Biographie erklärt uns den Philister Eichendorff, nicht den Romantiker.

          So genau wie nie können wir nun seine unauffällige Juristenausbildung, seine ruhmlose Offizierskarriere und seine bescheidene Beamtenlaufbahn verfolgen. So genau wie nie werden wir auch über die Vermögensverhältnisse der Familie informiert. Wer noch glaubte, es seien Folgen der Revolution gewesen, die das Kindheitsparadies Schloß Lubowitz verlorengehen ließen, der hat zur Kenntnis zu nehmen, daß die Spekulationssucht des Vaters dafür verantwortlich ist, daß eine ursprünglich reiche Familie durch ungeschickte Finanzoperationen zugrunde gerichtet wurde. Der Vorgang währte Jahrzehnte; bis 1818 konnte das Konkursverfahren hinausgezögert werden. Eichendorff mußte den preußischen Staatsdienst wählen, weil er seine Familie sonst nicht hätte ernähren können.

          Eine wirklich einflußreiche, gutbesoldete Stellung hat er jedoch nie erreicht. Die Lubowitz-Nostalgie seines dichterischen Werkes entsteht vor dem Hintergrund eines frustrierenden Brotberufs. Zwar gestattete man dem Beamten, sich mit "romantischen" Themen zu befassen, mit der Geschichte der Marienburg oder mit dem Kölner Dombau, doch waren das Ämter jenseits der wirklichen Macht. Eichendorff war nie ein Machtmensch. Bereits mit 56 Jahren verlor er das Interesse an seinem Beruf und ging in Pension.

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