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Rezension: Sachbuch : Da muss er durch

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Märchen oder Schulfunkstunde: Goethe für Kinder

          Man blickt durch ein Rundbogenfenster in Gelb und Blau. Die Augenhöhlen der zwei weißen Totenköpfe in den oberen Winkeln sind rot wie der kleine König mit der ausgestreckten Hand auf der Balustrade vor dem Schloss. Ein goldener Becher schwebt rot gesprenkelt zwischen dem Mond und seiner Lichtspur im Wasser. Das ist eine der wunderbaren Goethe-Illustrationen, mit denen Hans Traxler auf verschmitzt moderne Weise an die Bilderwelt alter Märchenbücher anknüpft. Sein König von Thule, sein Zauberlehrling und sein Erlkönig entschädigen für den falschen Märchenton, den Peter Härtling in dem handschriftlich unterzeichneten Brief an die jungen Leser seiner Gedichtanthologie anschlägt. Zum Reiz der Illustrationen Traxlers gehört, dass sie, bis in ihre Unterschriften, ganz Bild sind.

          Sein junger Kollege Christoph Hirsch hatte es schwerer. Er durfte den ersten Band der Comic-Biographie zeichnen, für die das Goethe-Institut als Mitherausgeber auftritt. Aber in seine sorgfältig komponierten Illustrationen drängt mit Macht die Schrift hinein. Neben die angestammten Comic-Sprechblasen, die hier zu ruhigeren Rechtecken geworden sind, sind ganze Textblöcke einer Erzählerstimme gerückt, die über das Bild die informative Lebenschronik legt und, zum Beispiel, nach der Trennung von Friederike Brion kundtut: "Er weiß, er muss da durch." Der Parforceritt durch die Lebensstationen endet im ersten Band mit der Begegnung zwischen dem Geheimrat und Christiane Vulpius im Park. So wie hier ist es oft in diesem Buch: Der Text der Lebenschronik, die den Dichter "Gefallen an der munteren Kleinen" finden lässt, ist flacher als das Bild, das den verjüngt aus Rom zurückgekehrten entlaufenen Beamten vor seinem Gartenhaus in eine Jugendstilszene setzt.

          Rafik Schami ist in Damaskus geboren, lebt seit langem in Deutschland und hat hier zahlreiche Märchenbücher veröffentlicht. Zusammen mit Uwe-Michael Gutzschhahn hat er jetzt dem deutschen Dichter Goethe seine Orient-Tauglichkeit bescheinigt. Dies Buch ist unbebildert, es ist ganz an die Einbildungskraft adressiert und leider etwas überkonstruiert. In einer umständlichen Rahmenhandlung, die am arabischen Golf angesiedelt ist, wird allerlei Kolonialgeschichte untergebracht. Natürlich spielt der "West-östliche Divan" die krönende Schlüsselrolle. Aber der "geheime Bericht", in dem am Ende Goethes Werk insgesamt als ideale Brücke zwischen Orient und Okzident gepriesen wird, erstreckt sich über mehrere Nächte. Von Werther, Reineke Fuchs, Faust und der Farbenlehre wird wie von fernen Wundern berichtet. Aber hinter der Märchenmaske lugt oft in langen Paraphrasen und geistesgeschichtlichen Abbreviaturen die Schulfunkstunde hervor. Obwohl an "Tausendundeiner Nacht" orientiert, findet hier das Erzählen aus lauter Ehrfurcht vor dem Stoff nicht zu sich selbst.

          Das ist in dem eigentümlichsten der hier anzuzeigenden Bücher ganz anders. Es trifft den Ton, den Peter Härtlings forcierte Naivität verfehlt. Es erzählt Goethes Leben für sehr junge Leser oder, besser, für Zuhörer. Und es gibt ihm die Form einer Geschichte aus alter Zeit, bei der man einiges erklären muss. Aber es erweckt nicht die Illusion, daß jeder alles verstehen muss. Die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger läßt vieles aus, und wenn sie auf Goethes Werk zu sprechen kommt, versteckt sie sparsame Kommentare in der einfachen Nacherzählung. Sie holt Goethe nicht in die Gegenwart. Es herrschen das epische Imperfekt und das historische Präsens. Und ein Blick, dem kein sprechendes Detail entgeht. Herder ist der Freund mit den kranken Augen. Statt mit Goethes Geburt beginnt dieses Buch wie eine Kalendergeschichte mit dem Erdbeben von Lissabon. Kriege, Soldaten und die Revolution sind immer anwesend. Und wenn es einen Sprung macht, dann beginnt das nächste Kapitel mit dem Satz: "Die Jahre vergingen." So kommt diese Erzählung früh genug beim alten Goethe an. Man möchte wünschen, dass Hans Traxlers Junge mit dem Skateboard und das Mädchen mit den Inline-Skatern nach einigem Stutzen an diesem Buch Gefallen finden.

          LOTHAR MÜLLER.

          "Ich bin so guter Dinge. Goethe für Kinder". Ausgewählt von Peter Härtling. Illustriert von Hans Traxler. Insel Verlag, Frankfurt/M. 1998. 96 S., geb., 28,- DM. Ab 8 J.

          Friedemann Bedürftig (Text) / Christoph Kirsch (Zeichnungen): "Goethe. Zum Sehen geboren". Egmont Ehapa Verlag und Goethe Institut, Stuttgart 1999. 52 S., geb., 19,80 DM. Ab 8 J.

          Rafik Schami und Uwe-Michael Gutzschhahn: "Der geheime Bericht über den Dichter Goethe, der eine Prüfung auf einer arabischen Insel bestand". Carl Hanser Verlag, München 1999. 189 S., geb., 29,80 DM. Ab 14 J.

          Gertrud Fussenegger: "Goethe. Sein Leben für Kinder erzählt". Lentz Verlag, München 1999. 224 S., geb., 24,90 DM. Ab 10 J.

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