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Rezension: Sachbuch China im Schnee - Fotografien von Robert Capa

04.01.1997
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Robert Capa verbrachte 1938 sechs Monate in China. Das Land lag im Krieg mit Japan. Für Capa war die Auseinandersetzung in Asien kein fernes Ereignis am anderen Ende der Welt, sondern die Ostfront eines Krieges, dessen Westfront in Spanien lag. Hier, wo die Republikaner gegen die Truppen Francos kämpften, waren 1936 Capas erste Reportagefotos entstanden, die ihn sofort berühmt machten. In den knapp zwei Jahrzehnten, die zwischen den Aufnahmen aus dem belagerten Madrid und den letzten Bildern aus dem Indochina-Krieg liegen, berichtete Robert Capa aus fünf Kriegen und wurde zur Legende unter den Kriegsfotografen.

Jetzt haben Capas fünf Jahre jüngerer Bruder Cornell Capa und sein Biograph Richard Whelan die siebzigtausend Negative aus dem Nachlaß gesichtet, ein knappes Tausend Fotografien ausgewählt und drei Serien abziehen lassen, von denen zwei in den Vereinigten Staaten bleiben sollen. Die dritte wird an ein Museum in Europa gehen, wo Capa, der 1913 als Endre Ernö Friedman in Budapest geboren wurde, einen großen Teil seines Lebens verbracht hat. 170 dieser Bilder haben Cornell Capa und Whelan zu einem Buch zusammengestellt, das mit den Bildern Trotzkis auf einer Rednertribüne in Kopenhagen beginnt. Sie erschienen 1932 in der "Berliner Illustrirten Zeitung", es waren die ersten Fotografien, die der Autodidakt Capa verkaufen konnte.

Am Ende des Bandes steht jenes Bild aus Indochina, das der Fotograf aufgenommen hat, kurz bevor er auf die Mine trat, die ihn tödlich verletzte. Zwischen diesen Aufnahmen liegen zahllose Reisen: Spanien, China, Mexiko, Italien, die Normandie 1944, Deutschland 1945, Paris, Osteuropa, Israel, Japan und schließlich Indochina - alle wichtigen Stationen werden in diesem sehr ansprechend gestalteten Band berücksichtigt, der nur einen Mangel aufweist: die Texte sind recht kurz ausgefallen. Den Freunden, zu denen Hemingway und Gary Cooper, Picasso, Steinbeck und John Huston zählten, ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das den Kriegsberichterstatter von einer Seite zeigt, die seine Reportagen selten ahnen ließen: humorvoll, melancholisch, zart und ironisch. So versammelt dieser Band viele Fotografien Robert Capas, die vergessen lassen, daß sie im Krieg entstanden sind: ein schlafender Vogelhändler auf einer Parkbank, ein Liebespaar in den Straßen von Barcelona und immer wieder Aufnahmen von Kindern. Kinder, die auf Bäume klettern, den Zebrastreifen überqueren, auf der Straße spielen. Unsere Abbildung entstand im März 1938 im chinesischen Hankou. (Robert Capa: "Fotografien". Mit einer Einführung von Richard Whelan. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans J. Becker. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 1996. 192 S., 170 Duotone-Fotos, geb., 59,- DM.) igl

Fotografien

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.1997, Nr. 3 / Seite B5
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