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Rezension: Sachbuch : Bührle und die Beutekunst

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Nicht Wissenwollen oder Wer hat Angst vor "Unidroit"?

          Nach wie vor gibt es kein Land auf der Welt, in dem das Engagement privater Kunstsammler das öffentliche kulturelle Leben in derart starkem Maße bestimmt wie in der Schweiz. Die seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts vor allem in den Industriellenfamilien des Landes entstandenen Kunstsammlungen kompensieren seither das Fehlen höfischer oder adeliger Kollektionen, die etwa in Deutschland den Grundstock vieler Museen bildeten. Die Schweizer Museen hängen großenteils von der Freigiebigkeit ihrer Mäzene und von deren Bereitschaft ab, Leihgaben zur Verfügung zu stellen oder Kunstwerke zu stiften. Immer wieder auch wurden in den vergangenen Jahren eidgenössische Privatsammlungen in großen Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert; viele - wie die Sammlungen Hahnloser in Winterthur oder die Sammlung Junod in La-Chaux-de-Fonds - haben inzwischen eigene Häuser.

          Schon seit Jahrzehnten gibt es zudem Ausstellungen, die individuelles Sammlerengagement zusammenzufassen und damit kulturhistorisch einzuordnen versuchen. 1964 etwa war in Lausanne, 1967 dann im Musée de l'Orangerie in den Pariser Tuilerien ein umfassender und imposanter Überblick über die Kunst der Klassischen Moderne und der Gegenwart zu sehen, den allein Schweizer Sammlungen bestreiten konnten. Zuletzt widmete sich 1995 die Ausstellung "Luxe, Calme et Volupté" in der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Luxembourg den zahlreichen privaten Postimpressionismus-Kollektionen, die es allein in Winterthur gibt. Im selben Jahr zeigte die National Gallery of Art in London dann noch einmal eine Übersichtsschau unter dem Titel "From Manet to Gauguin - Masterpieces from Swiss Private Collections", die im Anschluß nach Japan weiterreiste.

          Vor dem Hintergrund dieses weltweit einzigartigen privaten Engagements ist der Protest zu sehen, den schon seit einiger Zeit die Schweizer Kunstsammler gegen die angekündigte parlamentarische Ratifizierung der vom eidgenössischen Bundesrat mit knapper Mehrheit schon beschlossenen "Undroit"-Kulturschutz-Konvention artikuliert haben. Mehrere prominente Sammler zogen bereits konkrete Konsequenzen: Die Staechelinsche Familienstiftung schickte ihre hochkarätige Sammlung mit Werken von Van Gogh bis Picasso bereits im vergangenen Jahr unter Hinweis auf Unidroit als Dauerleihgabe an das Kimbell Art Museum von Fort Worth ins texanische Asyl (F.A.Z. vom 12. Juli 1997). Die Textilunternehmer Rolf und Margit Weinberg lassen im Mai zehn Werke von Courbet bis Picasso bei Sotheby's versteigern; zuvor hatte der Sammler die Unidroit-Konvention eine Gefahr für die Kulturvielfalt der Schweiz genannt (F.A.Z. vom 18. April 1998). Das Unidroit-Papier ermöglicht den beitretenden Staaten, in stärkerem Maße als bisher Kunstwerke zu "nationalem Kulturgut" zu erklären und damit ihren Export zu verbieten. Vor allem aber müßten Sammler in diesen Staaten künftig bei umgekehrter Beweislast bis zu 75 Jahre lang damit rechnen, Kunstwerke wieder abgeben zu müssen, wenn ein Vorbesitzer berechtigte Ansprüche geltend machen kann.

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