Halbzeiten kann es beim Fußballspiel logischerweise nur zwei geben; danach kommt eventuell noch die Verlängerung, und dann ist Schluß. Nicht so für die Ost-Berliner Hooligans vom ehemaligen Stasi-Klub und heutigen Viertligisten BFC Dynamo. Mit Kampfsporterfahrung prügeln sie nach dem Spiel und meist weit weg vom Stadion. Die Phase nennen sie "dritte Halbzeit". Als 1998 in Frankreich deutsche Hooligans den Polizisten Daniel Nivel mit einem Verkehrsschild zum Krüppel schlugen, waren darunter auch Fans des BFC.
Wer sind die jungen Männer, was tun sie sonst in ihrem Leben, und was treibt sie in den Kampf? Die Berliner Journalistin Jana Simon, Jahrgang 1972, tastet sich in ihrem Buch "Denn wir sind anders" an diese wenig sympathische Macker-Szene heran. Eine Frau, "Sie", ergründet, was man in der Großstadt zwar pausenlos von außen betrachtet, aber dennoch nicht genau einordnen kann: die hermetische Welt der Türsteher, Hooligans und Drogendealer. Auslöser für ihre Recherchen ist der Selbstmord von einem, der dazugehörte: Felix. Mit ihm verbrachte sie eine gemeinsame DDR-Kindheit und Jugend in Berlin-Schöneweide: Er trainierte Karate und später Kickboxen, sie tanzte Ballett, beide waren Scheidungskinder, das schweißte sie zusammen.
Am Ende ihrer Schulzeit fiel die Mauer, Wege trennten sich: Sie studierte und ging ins Ausland, er blieb, boxte weiter und begann schließlich in Ost-Berliner Diskotheken und Bordellen Türen zu bewachen. Aufbruchstimmung lag über dem Land, Lokale wurden eröffnet und gingen pleite, für kurze Zeit schien alles etwas unkontrolliert, der neue Staat hatte noch nicht Fuß gefaßt. Die Türsteher beispielsweise schufen ihr eigenes Netzwerk. Mit Orientierungslosigkeit hatte das nicht viel zu tun. Jahre später stehen Felix und einige seiner Kollegen dann unter anderem wegen Handels mit Kokain vor Gericht. Er wird zu vier Jahren und sechs Monaten verurteilt; im Gefängnis nimmt er sich das Leben.
Aus eigenen Erinnerungen und Gesprächen mit Personen, die Felix kannten, versucht Jana Simon das Bild eines Menschen zusammenzusetzen, der voller innerer Widersprüche steckte und ihr bis zum Schluß ein Rätsel blieb. Felix sah anders aus als die kahlgeschorenen Kollegen aus der Szene, er war dunkel und hübsch - seine Mutter stammte aus Südafrika. Trotzdem haßte er alle Türken und Araber und fuhr nie nach West-Berlin.
Felix' Großvater Arnold, Weißer und engagierter Kommunist im Umkreis des ANC und Nelson Mandelas, durfte Jeannette, seine Auserwählte, nicht heiraten, weil sie eine Farbige war. Felix' Großeltern flohen mit seiner Mutter in den sechziger Jahren über Ghana in die DDR. Diese gewundene Familiengeschichte fasziniert den Leser und auch die Erzählerin. Hierin findet sie jene Gegensätze angelegt, die auch Felix' Charakter und seine Freundschaftsbeziehungen prägen werden. Opa kämpft als Stalinist gegen Rommel, sein Enkel verschlingt Jahrzehnte darauf Generalsmemoiren, dicke Bücher über Stalingrad und begeistert sich für die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Samstags prügelt er sich in Brandenburger Diskotheken mit den "Dorfglatzen", unter der Woche trainiert er, treibt Geld ein, hört Bach, trinkt Earl Grey, schaut Simpsons und besucht eine Vorlesung zur "Theorie des Krieges" bei dem Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler.
Er führt Tagebuch und hält darin sogar seine Schlägereien fest: "Halbkreiskicks zum Kopf, Frontkick, Serienschläge." Sein bester Kumpel gehört zur linken Szene. Beide mögen die Band "Böhse Onkelz" und verbringen ganze Nachmittage in den Kneipen von Prenzlauer Berg. "Es ging um einen Prozeß gegen Hooligans, und vor mir saß ein Farbiger mit Brille, der aussah wie ein Intellektueller", erinnert sich später einer seiner Verteidiger an die erste Begegnung mit Felix.
Wie sich die sozialistische Gesellschaft philosophisch von einem inneren Widerspruch herleitete und ihr ganzes offizielles Weltbild aus einer ständigen Arbeit am Widerspruch bezog, so sind es Gegensätze, die auch Jana Simon zum Leitmotiv ihrer Biographie werden, ja auf denen sie gar ein Generationenkonzept gründen will: Wir im Osten sind anders als unsere Altersgenossen im Westen, das ist gewissermaßen der Hauptwiderspruch und Einspruch gegen die "überhebliche Generation Golf". Weil sie als letzte eine gemeinsame Geschichte namens DDR miteinander haben und das Absterben derselben bezeugen können, gehen Freundschaften oft trotz stärkster Gegensätze weiter.
Doch nicht der Sprung von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit wie Felix S. zum Generationenthema macht die Stärke dieser literarischen Reportage aus. Es ist vielmehr Simons scharfsinniger und genauer Blick auf männliches Gehabe, Angeberei, Gang-Strukturen - abgeschaut von den gehaßten Türken -, auf Rituale des Kämpferischen und Gesetze der Rache in einem Kosmos, wo Frauen nur existieren, wenn sie schlank und großbusig sind, mit langen blonden Haaren bis zum Po. Denn obwohl hier in erster Linie jemand gegen den Verlust eines anderen Menschen anschreibt, mangelt es dem Buch nicht an distanzierter, kritischer Beschreibung krimineller Milieus, wie sie im Gefolge der Wende entstanden.
Wenn Simon sich allerdings an das "untergegangene Land" erinnert, sich umschaut und nur Ruinen sieht, dann klingt das fast zu wehmütig für eine Dreißigjährige. In einem riesigen Schlund namens Kapitalismus oder Westen soll die DDR plötzlich spurlos verschwunden sein. Geht es in dieser Rückschau aber tatsächlich um Konsequenzen und Verlierer der Transformation? Eher wohl um die menschliche Erfahrung, eines Tages feststellen zu müssen, daß man nicht mehr ganz jung ist. Da macht es fast keinen Unterschied, ob der Spielplatz aus Kindertagen noch existiert oder dort jetzt ein Fliesenmarkt steht. Denn selbst wenn es den Spielplatz noch gäbe, er wäre doch nie derselbe. Auch die Putzi-Zahncreme würde heute gewiß anders schmecken. Joseph Conrad hat diese "Schattenlinie" beschrieben, mit deren Auftauchen die Jugend zu Ende geht. Man muß die unbekümmerten Jahre für immer hinter sich lassen, stößt häufiger auf Spuren, die Spurensuche und die Spurenleserei beginnen, und dann kommen: die Geschichten.
Als Ethnograph "der Metropole" oder "des Kulturbetriebs" wird ja derzeit jeder x-beliebige Partyberichterstatter bezeichnet, darum mag man diese inzwischen leere Zuschreibung für Jana Simons Buch nicht mehr verwenden. Sagen wir einfach: Es ist der lange Abschied von einem alten Freund und zudem eine spannende, empirisch fundierte Studie über ein aktuelles Thema, gewalttätige und kriminelle junge Männer.
STEFANIE PETER.
Jana Simon: "Denn wir sind anders". Die Geschichte des Felix S. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2002. 247 S., geb., 19,40 [Euro].