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Rezension: Sachbuch Befehl in Menschengestalt

 ·  Harry Mulisch über Adolf Eichmann und die "Zukunft von gestern"

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Es gibt kaum einen anderen Schriftsteller, der so eindringlich und provozierend über den Nationalsozialismus zu schreiben vermag wie Harry Mulisch. Ihm genügt es weder, als nüchterner Historiker Fakten zu sichten, noch seinen Abscheu und seine Betroffenheit herunterzubeten. Mulischs Buch über den Eichmann-Prozeß ("Strafsache 40 / 61"), das seit diesem Jahr endlich wieder auf deutsch greifbar ist, stellt ein Musterbeispiel dar, wie aus den grausigen historischen Fakten und dem banalen Prozedere der Justiz Literatur entstehen kann, obwohl man doch alle Details schon zu kennen glaubte.

Als Berichterstatter für die Zeitschrift "Elzeviers Weekblad" wurde der junge Schriftsteller 1961 nach Israel entsandt, um den Prozeß zu verfolgen. Mulisch nutzt seine "Reportage", um an den Orten der Geschichte - im Gerichtssaal in Tel Aviv, in Eichmanns Dienstzimmer in Berlin, in Auschwitz, in Warschau - über die Dimensionen dieser Taten zu reflektieren. So entsteht große Literatur aus dem Journalismus - vergleichbar allenfalls mit Reportagen Mailers oder Kapuscinskis.

"Unverbindliche Entrüstung", die Mulisch langweilt, kommt hier nicht auf, weil der Autor als Sohn einer von der Deportation bedrohten Jüdin und eines ranghohen Kollaborateurs im Abgrund, den der Nationalsozialismus aufgerissen hat, aufgewachsen ist und hier immer auch seine eigene Geschichte sucht. Paradoxe Gedankenspiele, fiktive Psychogramme, waghalsige geistesgeschichtliche Herleitung von den Romantikern und Wagner lassen Mulisch den Nationalsozialismus lakonisch und wahnwitzig zugleich als Ausformung der Moderne erscheinen: Eichmann ist ein Befehl in Menschengestalt; er empfing ihn, er wurde zu ihm, und er führte ihn aus.

Hannah Arendts berühmte Analyse der "Banalität des Bösen" kommt an die Kühnheit der Darstellung des damals noch jungen Mulisch, der den Nationalsozialismus als durch und durch ästhetisches Phänomen ernst nimmt, nicht heran. Nur Horkheimer und Adorno haben diesen unheimlichen Prozeß der Zivilisation ähnlich tief durchdacht, den Mulisch nach zähem Umkreisen der Gestalt Eichmanns und der Kultur, für die er steht, ohne Peinlichkeit auf die Formel bringen kann: "Er ist die Differenz zwischen Künstler und Mörder." Eichmann, der von keinen Gedanken und Ideen, keinem Haß geleitet wurde, führte konsequent die vom tiefsten Haß, von fanatischster Ideologie gespeiste Tat der Weltgeschichte aus.

"Die Zukunft von gestern" ist das folgende Werk, das unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses entstand. Mulisch wollte hier seine gedankliche Gratwanderung über den Nationalsozialismus auf die Spitze treiben, als hätte er sich mit einem brillanten Roman der Bürde entledigen können. Das Buch schildert ein Europa, in dem die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Diese Idee war schon 1962, da er mit der Arbeit begann, wenig originell; sie tauchte jüngst noch in Robert Harris' Thriller "Vaterland" auf. Mulisch muß das geahnt haben, denn er überdrehte das Szenario noch: Er wollte von einem mit seinem gesamten Volk nach Polen deportierten Holländer, Otto Textor, berichten, der sich 1967 ein Europa vorzustellen versucht, in dem Deutschland den Krieg verloren hätte. Eine anders verlaufene Vergangenheit ist aber unter dem Nationalsozialismus bereits unvorstellbar geworden. Eine Welt, in der es noch Juden gibt, in der Atombomben die Menschen tyrannisieren und keine Eugenik ganze Rassen ausmerzt? Eine Welt, in der es für andere "Rassen" als die deutsche Ärzte und Schulen gibt? Schon solche blasphemischen Gedanken bringen Otto Textor bei einer Reise in die Welthauptstadt Germania, vormals Berlin, in Verdacht und verurteilen ihn schließlich zur Vernichtung.

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Strafsache 40/61; Die Zukunft von gestern

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.1995, Nr. 239 / Seite 32
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