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Rezension: Sachbuch Balthasars Leidenschaft war ihnen rätselhaft

05.11.2002 ·  Ranke schreibt in seiner Papstgeschichte über Sixtus V.: "Er war ebenso heftig im Zerstören als eifrig im Bauen." Im Lateranpalast, für den "ohne Erbarmen" denkwürdigste Altertümer beseitigt wurden, obwohl man ihn "nicht einmal brauchte", gewinnt die Kirche der Gegenreformation Gestalt: Als "eins ...

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Ranke schreibt in seiner Papstgeschichte über Sixtus V.: "Er war ebenso heftig im Zerstören als eifrig im Bauen." Im Lateranpalast, für den "ohne Erbarmen" denkwürdigste Altertümer beseitigt wurden, obwohl man ihn "nicht einmal brauchte", gewinnt die Kirche der Gegenreformation Gestalt: Als "eins der ersten Beispiele der einförmigen Regelmäßigkeit moderner Architektur" verkörpert er das Gewaltsame und Gleichmacherische der neuen Organisation, die den alten Glauben wiederherzustellen behauptete, jene Neuzeitlichkeit durchgreifender Rationalität, wie sie auch an den Schicksalsmächten der Bürokratie und des Wehrpflichtheeres hervortritt.

"In Fulda sollte diese Lust, das Ererbte zu zerstören, um in seinem Namen etwas Neues aufzurichten, ein einzigartiges Denkmal erhalten." Neben Rankes Geschichte des modernen Papsttums, die mit ihrem Gegenstand den Universalismus teilt, den Blick aus der Mitte, tritt mit Gerrit Walthers Erzählung von Abt Balthasars Mission, von der Gegenreformation im Hochstift Fulda unter dem 1570 gewählten Abt Balthasar von Dernbach, ein provinzielles Seitenstück. Kein Gegenstück: Den römischen Päpsten aus Rankes Titel treten nicht die fuldischen Äbte entgegen, die Nachfolger Balthasars, die schließlich die Erhebung des Stifts zu jenem Bistum erreichten, das bis heute als Inbegriff militanter Kirchlichkeit gilt. Walthers Buch, eine Frankfurter Habilitationsschrift, hat seinem gewaltigen Umfang zum Trotz einen Novellenstoff. Es rekonstruiert eine unerhörte Begebenheit: die "Hammelburger Handlung".

In Hammelburg, der zweitwichtigsten Stadt des Fürstentums, im Grenzgebiet zum Fürstbistum Würzburg gelegen, kam es in den Morgenstunden des 23. Juni 1576 unter tumultuarischen Umständen zur Absetzung Abt Balthasars durch seine Kapitulare, die Stiftsherren, aus deren Kreis er sechs Jahre zuvor gewählt worden war. Als sein Nachfolger wurde der Bischof von Würzburg bestimmt, Julius Echter, der in Hammelburg anwesend war. Der Fürstensturz war ein reichsrechtlicher Skandal, der jahrzehntelanges Prozessieren auslöste. 1602, sechsundzwanzig Jahre nach seiner Vertreibung, konnte Abt Balthasar zum zweitenmal von seinem Fürstentum Besitz ergreifen. Und genau hundert Jahre später wurde jener Bau begonnen, den Walther als Denkmal seiner Mission deutet: die neue Stiftskirche Johann Dientzenhofers, der die alte Basilika abriß, die er hatte renovieren sollen, und auf ihren Grundmauern "ein Kunstwerk im modernen Geist mathematischer Harmonie" errichtete.

"So zerstörte der Sieg des Tridentinums, den Balthasar gebahnt hatte, die steinernen Reste jener tausendjährigen Tradition, die er zu neuem geistlichen Leben zu erwecken gesucht hatte. Nichts blieb von ihnen als die im Grundriß der Kirche beschlossene Idee." Die Idee des römischen Katholizismus: Der Grundriß der karolingischen Basilika, der größten romanischen Kirche nördlich der Alpen, kopierte das Kreuz der Peterskirche. "Man folgte einer Idee" in Rankes sixtinischem Rom, "die man allein gelten ließ, neben der man keine andere anerkannte. Diese Idee des modernen Katholizismus durchdringt alle Adern des Lebens in seinen verschiedensten Richtungen."

Walthers Buch könnte einen auf den Gedanken bringen, diese Idee habe insgeheim auch die protestantische Wissenschaft durchdrungen und es liege insoweit ein tieferer Sinn in der zeitgenössischen Legende, Ranke sei auf seiner italienischen Archivreise zum römischen Glauben konvertiert. Denn als Programmsatz von Balthasars Reformstrategie tritt uns ein quellenkritisches Axiom Rankes entgegen, das man nun ein Dogma nennen möchte: der Primat der schriftlichen Überlieferung.

Den Adel brüskierte der Abt, indem er den Herren Privilegien bestritt, deren Besitz sie nicht durch Brief und Siegel als rechtmäßig ausweisen konnten. Diese Enteignungskampagne erstreckte sich sowohl auf Besitztitel an vermeintlich entfremdetem Stiftsgut als auch auf die Freiheiten, die sich die Adligen in ihren Kirchen herausnahmen, wenn sie lutherische Pfarrer beriefen. Zwei Welten stießen aufeinander: die unvordenkliche Gewohnheit und der datierbare Eingriff, das Wort des Ehrenmannes und die ohne Ansehen der Person geführte Akte, die alle Jahre wieder abgeschrittene und die ein für allemal durch einen Stein markierte Flurgrenze, die Erinnerung der Generationen und das Gedächtnis der Dokumente. Balthasars Urkunden hätten anheben können mit der Formel: Wir vom Archiv. Dabei hatte sich seine Erhebung auf den Fürstenthron in den feudalen Formen wechselseitiger Verbürgung des festen Willens zur Besitzstandswahrung vollzogen. Rechte, Freiheiten und Besitztümer der Stiftsherren und ihrer Untertanen gelobte der Abt unangetastet zu lassen. Eine adlige Korporation bestellte eines ihrer Mitglieder zum Sachwalter des in Jahrhunderten erwirtschafteten Vermögens: Treue um Treue, was diesen Schatz betrifft!

Ordnung stiftet in Walthers fädenreicher Darstellung die Ironie des Schicksals. Ausgerechnet in der Geschichte der Stellvertreter Christi findet sich Rankes von seinen Verächtern überlesene Warnung davor, der Beabsichtigung hochgestellter Personen zuviel zuzuschreiben. So korrigiert Walther die konfessionsparteilichen Versionen des Hammelburger Ereignisses, die noch die regionalgeschichtliche Literatur bestimmen und in der Überschätzung des Elements der Intrige übereinkommen. Den Gang der Dinge nennt Ranke als Buchhalter des Weltgeistes die Geschichte: Was schließlich und endlich unabsichtlich geschieht, ist die Summe vereitelter Absichten, aus denen immer etwas anderes folgte, als planende Vernunft oder fromme Hoffnung sich ausgemalt hatten. Eine von Walthers ironischen Leitlinien ist die Verwandlung des reformatorischen Pfaffenhasses in eine Waffe der Gegenreformation.

Unisono verdammten lutherische Gewissensapostel und katholische Askesetrainer das üppige Leben der Stiftsherren. Was als moralische Unordnung verurteilt wurde, war aber eine sittliche Ordnung gewesen. Nicht etwa insgeheim, sondern ganz offenkundig suchte das Stift im Wohlstand das Heil. Daß die adligen Kapitulare ihre Propsteien so eigenmächtig bewirtschafteten wie die ritterlichen Vettern ihre Güter, war ein Anspruch, der gleichsam Verfassungsrang hatte: das Grundrecht der Grundbesitzer. "So wie nur Ritter mit eigenen Burgsitzen an Landtagen teilnehmen durften, so waren nur diejenigen Stiftsherren, die eine Propstei verwalteten, stimmberechtigte Mitglieder des Kapitels. Nur wer auf eigenem Grund regierte, durfte an der Leitung des Stifts als Ganzem teilhaben. Nicht fromme Kontemplation, sondern weltliche Praxis befähigte zur geistlichen Herrschaft." Im Lichte des sozialhistorischen Befundes, den Walther in charakteristischer Manier aphoristisch zuspitzt, erscheint auch die Befreiung der Kapitulare von den Gebetspflichten nicht als Verfallssymptom. "Das Vorrecht des adligen Klerikers war das Wirken in der Welt." Das Wort "Vorrecht" ist hier eigentlich nicht metaphorisch zu lesen. Im Konflikt mit dem Abt zeigte sich, daß seine Wähler ihre gesamten Lebensumstände als Privilegien im Rechtssinne verstanden. Sogar Balthasars Bannflüche gegen ihre Konkubinen galten ihnen als Angriff auf die adlige Lebensart.

Aber konnte man Balthasar vorwerfen, daß er als frommer Mensch genau wissen wollte, welche Rechte er zu bewahren geschworen hatte? Die Kanzleitätigkeit wurde verwissenschaftlicht. Das Geschäft der Juristen war die Traditionskritik: Das alte Herkommen, das sich nicht dokumentarisch dingfest machen ließ, wurde als legendär verworfen. Balthasars Kanzler Moritz Winckelmann ließ 1577 in Frankfurt eine umfangreiche lateinische Rechtfertigungsschrift drucken, in der er "mit der schneidenden Klugheit des Aufklärers" die gewohnheitsrechtlichen Entschuldigungen der aufständischen Kapitulare zerpflückte. Die Präzedenzfälle der stiftsherrlichen Mitregierung? Zwei oder drei Übergriffe, die zufällig nicht geahndet wurden. Was die Kapitulare ihre Tradition nannten, das war ihre Bequemlichkeit und Schlamperei.

Der unkorrupte Zustand, den die Stiftsreform restaurieren wollte, ließ sich nicht durch historische Forschung ermitteln, sondern nur durch hierarchische Definition. Die Regeln der heiligen Äbte der Gründerjahre wurden auf einer abgeschabten Tafel niedergeschrieben, jenem freien Platz gleich, "dessen leere Weite" das Bauwunder von Dientzenhofers Dom "um so eindrucksvoller inszenierte". Daß die Obrigkeit das rechte Bekenntnis festzusetzen beanspruchte, ist für Walther Resultat der neuzeitlichen Erfahrung haltloser Ungewißheit. Auch die Epistemologie steht unter dem Gesetz der Schicksalsironie: "So gebiert der vollkommene Relativismus das absolute Dogma, entspringt strenger Glaube einer vorwaltenden Skepsis."

Anderthalb Jahrzehnte nach dem Eklat wurden Zeugen der Hammelburger Ereignisse von den drei Prozeßparteien - Abt, Bischof sowie Kapitel und Ritterschaft - ausführlichen Verhören unterworfen, deren Protokolle Walthers wichtigste Quelle sind. Eindrucksvoll arbeitet er die impliziten Beweisregeln heraus, denen die Befragten wie selbstverständlich folgten. Das Hörensagen war keineswegs ausgeschlossen. Im Gegenteil hatte das Gerücht, das alle Welt vernommen hatte, viel eher den Anschein der Wahrheit für sich als die exklusive Information, für die nur ein einziger Augenzeuge bürgte. Das beste Wissen und Gewissen, das die Zeugen artikulierten, war ein kollektives Organ. Für diesen Gemeinsinn hatte die dezisionistische Logik, nach der Balthasars Berater die Welt auseinandernahmen und zusammensetzten, keine Evidenz. Woher nahmen die Propagandisten eines so partikularen Katholizismus die Kraft, ihren Setzungen Geltung verschaffen zu wollen? Was gab dem Autoritätsargument Autorität? Das persönliche Beispiel. Die behauptete Objektivität der päpstlichen Machtsprüche wurde glaubhaft durch die Subjektivität des Bekenners, der sich voll und ganz in den Dienst der Sache stellte.

Die Virtuosen der selbstherrlichen Unterwerfung waren die Jesuiten. Eigentümlich ist dem jesuitischen Institut laut Ranke, "daß es auf der einen Seite eine individuelle Entwicklung nicht allein begünstigt, sondern fordert und auf der anderen dieselbe völlig gefangennimmt und sich zu eigen macht". Bildungsreformen institutionalisieren Generationskonflikte. So erklärt Walther die Anziehungskraft des von Balthasar in Fulda gegründeten Jesuitenkollegs. Der Individualismus der Reformationszeit eröffnete den Nachgeborenen die Option, ihren persönlichen Lebensstil in der Abkehr von der Emanzipationsideologie der Elterngeneration zu suchen. Die Jesuitenschüler wollten Teil einer Jugendbewegung sein. Man ging nicht mehr ohne Bart, auch Abt Balthasar, der bei seiner Wahl gerade einmal zweiundzwanzig Jahre alt war, ließ sich einen Vollbart stehen. Die Patres eroberten die Straße, ließen ihre Schüler die Prozessionen erneuern, in denen früher die gesamte Bürgerschaft als gegliedertes Gottesvolk in Erscheinung getreten war. Indem die Jesuiten die Liturgie wieder in Mode brachten, gaben sie dem Kosmos die Zeichenhaftigkeit zurück: Jede ihrer Handbewegungen hatte einen besonderen Sinn.

Die Handschrift eines Jesuitenfreundes, des Ingolstädter Professors Dr. Friedrich Landau, der als Rat des Abtes die Gründung des Kollegs maßgeblich betrieb, möchte Walther als "markantes Selbstbildnis" des Mannes entziffern, von dem kein Porträt erhalten ist. "Wer die Folianten der Prozeßunterlagen durchblättert, erkennt sie sofort. Viele hundert Seiten sind gefüllt mit dieser energischen, überraschend modern wirkenden Intellektuellenschrift, deren stark abstrahierende Züge wie Seismographenlinien über das Papier pulsen. Graphische Welten liegen zwischen dieser Schrift und den ungelenk kantigen Buchstaben, die Männer wie der wackere Volpracht mit zäh haftender Feder aufs Papier malen." Der wackere Volpracht war der Doyen des Ratsgremiums, ein Protestant, der alle Machtwechsel überstand, im Prozeß mit der Unvernunft beider Seiten haderte und "die Partei der Verwaltung" ergriff. Niemand spielte seine Rolle "so ungern, so mürrisch, so unvirtuos" wie er.

So virtuos ist nun freilich dieses Porträt einer Beamtennatur, daß ins Auge fällt, wie sehr der energisch pulsierende Strich Dr. Landaus der intellektuellen Handschrift Gerrit Walthers gleicht. Sein Abstraktionstalent ist so frappant, weil es sich am Einzelgegenstand bewährt, als plastisches Vermögen, das an der beiläufigen Situation das bleibende Muster hervorhebt oder das Individuum als Typus modelliert. Walther beherrscht den "gedrungenen Stil", den er in einem Aufsatz als Signum ästhetischer Modernität im Frühwerk Rankes beschrieben hat. Das Allgemeine wird ohne theoretische Umschweife durch das Besondere dargestellt: ein Denkbild, das nach Ergänzung durch die Phantasie des Lesers verlangt. Wo Ranke freilich im Interesse der Versöhnung der Bekenntnisse seine Philosophie zumeist implizit hielt, da dramatisiert Walther seine Argumentation, läßt die Pointen scheinbar übers Ziel hinausschießen durch eine absichtsvoll anachronistische Begrifflichkeit. Auf diesem Wege deutet er an, daß er den krypto-lutheranischen Aberglauben von Balthasars Kanzlei nicht teilt, Schriftdokumente sprächen für sich.

Es gehört zu den Seltsamkeiten von Rankes Historismus, daß diese Weltanschauung der Indifferenz auf einen ethischen Impuls zurückgeht. Ranke denkt von Fichte her, von einer Philosophie, die davon abhängt, was für ein Mensch man ist. Auch Walthers Interesse an der Geschichte ist philosophisch, insofern er einem ursprünglichen Zusammenhang von Theorie und Praxis auf der Spur ist, in Rankes Vokabular: von Ansicht und Absicht. Das begriffliche Gerüst liefert die politische Theologie Carl Schmitts: Ihr Axiom, daß das metaphysische Weltbild eines Zeitalters formgleich sei mit der ihm ohne weiteres einleuchtenden politischen Organisation, sieht er durch englischsprachige und französische Forschungen zur Volksreligiosität bestätigt.

Als Balthasar in Hammelburg den Abdankungsvertrag unterzeichnete, fügte er sich da wieder jener ritterlichen Ordnung wechselseitiger Treuepflichten ein, deren Selbstverständlichkeit seine spitzfindigen Räte vergeblich geleugnet hatten? Oder ergab er sich der im Heilsplan für den guten Hirten, der von aller Welt verlassen ist, vorgesehenen Rolle, der Gewalt keinen Widerstand entgegenzusetzen? Doch wenn sein Fürstentum nicht von dieser Welt war, weshalb forderte er es vom Kaiser zurück?

Die Exerzitien des heiligen Ignatius, denen sich Balthasar in der Fastenzeit 1573 unterzog, sind in Rankes Worten "auf die Phantasie berechnet, zu augenblicklicher Entschließung begeisternd". Ihr Ziel ist nach Rankes Darstellung das Opfer der Freiheit. Auf die Abtweihe, die auf den Abschluß der Exerzitien folgte, datierten die Zeugen den Beginn der Zwistigkeiten. Was Notwendigkeit, was Freiheit war in Balthasars Augenblicksentschluß zu Hammelburg, kann der Historiker nicht entscheiden. Insofern bleibt das Hammelburger Geschehen, dem nur Parteigeist den Namen der Rebellion oder der Notwehr geben kann, das Urbild einer Handlung.

Gerrit Walther: "Abt Balthasars Mission". Politische Mentalitäten, Gegenreformation und eine Adelsverschwörung im Hochstift Fulda. Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 67. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002. 745 S., br., 96,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2002, Nr. 257 / Seite L19
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