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Veröffentlicht: 04.11.1997, 12:00 Uhr

Rezension: Sachbuch An den kalten Kaminen der letzten Menschen

Was die Natur zur Landschaft und die Moderne sinnlos macht - Rolf Peter Sieferle schreibt über die Energie: Ein feuriger Essay in drei Akten / Von Franziska Augstein

In ihrer Sehnsucht nach Arkadien vergessen die Menschen immer wieder, daß die Natur kein unberührter Ort mehr ist. Im Mittelmeerraum und auf den Britischen Inseln gab es dergleichen schon vor rund zweihundert Jahren nur noch fleckenweise. Der Mensch verändert die Umwelt, wo er hinkommt. Deshalb fällt es ihm schwer, sich als Teil der Natur zu verstehen. Lieber sägt er einen alten Baum ab, stellt sich auf den Stumpf und hält eine Rede über Naturschutz.

Die junge Disziplin der Umweltgeschichte liegt an der Schnittstelle von Natur und Kultur. Seit rund zwanzig Jahren untersucht der Mannheimer Historiker Rolf Peter Sieferle das Terrain: Er ist da nicht nur Rüben und Ruinen begegnet, sondern auch mancher faulen Frucht, die gegen ihn geworfen wurde. In seinen bisherigen Publikationen befaßte er sich vor allem mit der Epoche seit der industriellen Revolution, mit einer Zeit also, in der die Menschheit sich über der Frage nach ihrem Verhältnis zur Natur zerstritten hat. Fortschrittsoptimismus und Traditionalismus gehen aufeinander los. In der Mitte zwischen den Fronten steht Rolf Peter Sieferle und erklärt: Den Anstoß des Streites, die "Moderne", gibt es gar nicht.

Sieferle hält die Moderne für eine "Fiktion". Er unterstellt den Leuten, die darüber reden, daß sie den Begriff nach ihren je eigenen Anschauungen definieren und das nominell wertfreie Konzept mit ethischen Forderungen überfrachten: "Modern ist der jeweilige Status quo sowie die Überwindung dieses Status quo zugleich; es ist das, was geschieht, und zugleich das, was geschehen soll. Da man aber kein Wissen davon besitzen kann, wohin sich dieser Prozeß bewegt, ist ,modern' schlechthin alles, und das bedeutet: nichts." Indem er die Moderne abschafft, hat Sieferle sich viel aufgeladen: Jetzt muß er selbst zeigen, worin die Umwälzungen der vergangenen zweihundert Jahre denn bestehen. Dazu gehört, daß er der Epoche einen neuen Namen gibt: "Transformationsphase".

Von der ist aber erst im letzten Kapitel seines Buches am Ende einer langen Entwicklung die Rede: "Rückblick auf die Natur" erstreckt sich nämlich von der letzten Eiszeit bis zum Treibhauseffekt. Und weil jede Seite des stilistisch hervorragenden, inhaltlich kühnen Essays die Lektüre lohnt, müssen auch die ersten Abschnitte des Textes besprochen werden. Sieferle schildert, wie die Menschheit vom Stadium der Jäger und Sammler zur Gegenwart marschiert ist. Sein Buch handelt weniger von der Naturgeschichte des Menschen, sozusagen vom zoologischen Standpunkt erzählt, sondern davon, wie die Umwelt die Gesellschaft prägt und wie die Gesellschaft ihre Umwelt in neue Landschaften verwandelt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die verschiedenen Quellen, aus denen das Unternehmen Menschheit seine Energie bezieht. Letztlich dreht sich alles darum, wie soziale Verhältnisse von der Ausbeute verschiedener Energieressourcen geformt werden. Es geht um das Feuer der Steinzeitmenschen, die Sonne der Agrargesellschaften und die fossilen Energieträger, Erdgas, Kohle und Erdöl, die das Industriezeitalter unterhalten. Jedem der drei ist ein Abschnitt gewidmet.

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