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Rezension: Sachbuch : Alles Böse guckt von oben

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Als die Häuser fliegen lernten: Christoph Asendorf zeigt, wie die Luftfahrt die Wahrnehmung revolutionierte

          Es müssen nicht die lautesten Stimmen sein, die das letzte Wort behalten, und nicht die Theoretiker, denen sich die vorletzten Dinge erschließen (die letzten gehören sowieso den Dichtern). Auch in der großen Saga von der Revolution der Raumauffassung im Zeitalter von Luft- und Raumfahrt, die Christoph Asendorf in gehöriger Breite und doch spannend erzählt, stammen die beiden Sätze, in denen das gesamte Problem eingefangen ist, nicht von einem theoretischen Geist, sondern von einem Ästheten und Kunstkenner: Bernard Berenson. Schon früh durchschaute Berenson den scheinbar harmlosen Flugapparat der Gebrüder Wright und sah den Dämon am Ruder: "Ich kann nicht genug betonen, wie sehr ich dieses unschuldige Ungeheuer hasse. Es wird die von mir geliebte Welt vernichten, die Welt, die auf eine Betrachtungsweise auf gleicher Ebene oder des Aufblickens gegründet ist, mit anderen Worten, die gesamte Art des Betrachtens, die der Künstler gelernt hat, die Gesetze der Perspektive, die Art, die Dinge von einem fixierten Punkt auf der Erde anzusehen."

          Asendorf erzählt die Geschichte einer Welt, die sich erstaunlich rasch daran gewöhnt, den Blick aus der dritten Dimension auf sich selbst zu werfen. Schon am 21. März des Jahres 1909, nur vier Wochen nach dem Erscheinen des ersten "Futuristischen Manifests" im "Figaro" und Monate vor der Ärmelkanalüberquerung Louis Blériots, erschien in der "Frankfurter Zeitung" unter dem Titel "Luftschiffahrt und Architektur" ein Text des Kunsthistorikers Fritz Wichert, der die vertikale Wahrnehmung von Architektur diskutierte und Konsequenzen für Konstruktion und Formensprache forderte. Das Dach des Hauses, so Wichert, bekomme "frontalen Wert", die "Schwerkraftsarchitektur", die durch Gesimse und Bekrönungen die Erinnerung an das Erdgebundensein wachgehalten habe, sei überwunden. Wer genau hinsieht, kann in dem frühen Text des Wölfflin-Schülers Wichert den Keim jenes Sedlmayerschen Gedankens (vom Verlust der Tektonik) erkennen, der vierzig Jahre später im "Verlust der Mitte" aufgehen sollte.

          Das Flugzeug vermittelte aber nicht nur neuartige, steile und schräge Perspektiven, sondern wurde - neben dem Ozeandampfer - selbst zum Leitmotiv und Vorbild der modernen Architektur. Das gilt schon für den frühen, ganz auf die mechanische Seite der Technik orientierten Internationalen Stil mit seiner Addition von Kistenformen und seiner Offenlegung der konstruktiven Elemente. Noch deutlicher aber wird es, als um 1930 die Vorstellung von Funktionalität ihr Bezugsfeld wechselt, weg von einer mechanisch verstandenen Technik und hin zur Biologie: In diesem Augenblick wird das Flugzeug zum Geburtshelfer der Stromlinie. Denn zur gleichen Zeit wird der Flugzeugbau selbst durch neue Leichtbauweisen und strömungsgünstige Formgebung umgewälzt. Solcherart geliftet und gerundet, kann der Flugzeugkörper die ästhetischen Leitbilder einer Epoche abgeben, von der Architektur bis zur menschlichen Figur.

          War die erste "Revolution", die das Flugzeug noch vor dem Ersten Weltkrieg herbeiführte, eine im strengen Sinn ästhetische (sie betraf die Wahrnehmung der Objekte im Raum) und war die zweite, die es nun, um 1930, beförderte, wieder eine - allerdings im landläufigen Sinn - ästhetische (sie betraf das Design der Objekte), so muß man die dritte, die sich unmittelbar daran anschloß, wohl eine anthropologische nennen. Ging es doch diesmal darum, den Menschen über die von der Flugmedizin klassifizierten fünf "physiologischen Barrieren", die ihn an die Existenzbedingungen eines terrestrischen Wesens gefesselt hatten, hinauszuführen. Die technischen Hilfsmittel, die das möglich machten, und die Asendorf - als gelehriger Schüler Siegfried Giedions - "aus der Perspektive des Erfinders" schildert, waren die Druckkabine, die alle Höhen- und Klimaprobleme beseitigte, und die automatische Navigation, die den Blindflug nach Instrumenten erlaubte. So löst die Schaffung künstlicher Umwelten gewissermaßen die "anthropotechnischen" Probleme des Mängelwesens Mensch.

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