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Rezension: Philipp Ther : Mit dem Sonderzug am Abgrund entlang

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Philipp Ther: „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“. Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Bild: Verlag

Historischer Weitblick, ökonomische Kurzsichtigkeit: Philipp Ther bilanziert die Versäumnisse in der jüngsten Geschichte Europas - und vernachlässigt den Westen des Kontinents.

          Mit dem Neoliberalismus ist es ein wenig wie mit der Pornographie, über die der amerikanische Verfassungsrichter Potter Stewart einmal sagte, er könne sie nicht definieren, erkenne sie aber, wenn er sie sehe. Der in Wien lehrende Osteuropa-Historiker Philipp Ther löst das Problem auf doppelt elegante Weise - einmal metaphorisch, wenn er neoliberales Denken als „funkelnden Expresszug, der Wachstum und Wohlstand verspricht“, beschreibt; zum anderen analytisch, indem er in begrifflicher Unschärfe und konzeptioneller Anpassungsfähigkeit einen Schlüssel zur neoliberalen Hegemonie erkennt.

          Der Zug nahm in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zuletzt deswegen so rapide Fahrt auf, weil Zielort, Route und Reisekomfort nicht beliebig, aber doch situativ definierbar waren. Thers Band über „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ ist das famose Logbuch dieser langen Zugfahrt entlang des Abgrundes. Es setzt ein mit der Desintegration der staatssozialistischen Diktaturen seit den späten siebziger Jahren und vollzieht dann im Panoramablick, der große Linien ebenso wie lokale Unterschiede herausarbeitet, die Revolutionen der Jahre 1989 bis 1991 nach.

          Der Reichtum der Bundesrepublik

          Deren überwiegend friedlichen Verlauf erklärt Ther teils aus dem bildungsbürgerlichen Sozialprofil der zentralen Akteure, teils aus der Unterschätzung durch die buchstäblich alten Eliten. Der Fahrplan, dem die neuen Demokratien in den neunziger Jahren folgten, war der des Washington Consensus (der, wie Ther klarstellt, nie konsensual war) und seines Dreiklanges aus Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung, mithin ein Rückbau des Staates, in dem sich nicht nur die antikommunistische, sondern ebenso die antisozialdemokratische Stoßrichtung neoliberaler Vordenker spiegelt.

          Dieser Zeitgeist prägte die Jahre des Umbruchs, mal in schrittweisen Reformen, mal in Gestalt der berüchtigten Schocktherapie des polnischen Finanzministers Leszek Balcerowicz, doch an allen postsozialistischen Schauplätzen hoffte man, auf den Wohlstandszug aufzuspringen. Wie eklatant Balcerowicz die kalkulierte Krise unterschätzte, ist bekannt, und auch an das tschechische Privatisierungsdesaster mag man sich hierzulande noch erinnern. Doch tut man aus deutscher Sicht gut daran, mit einer gehörigen Portion Demut auf die Schwierigkeiten der Nachbarn zu blicken.

          Denn die radikalste Form der Schocktherapie findet Ther in der ehemaligen DDR, die über Nacht um ihre Währung und einen erheblichen Teil ihrer Kapitalien gebracht, dann nachhaltig deindustrialisiert wurde. Der in diesen Tagen wieder vielfach gefeierte historische Weitblick Helmut Kohls ging mit ökonomischer Kurzsichtigkeit, wenn nicht Ignoranz einher. Täuschte darüber zunächst der Reichtum der Bundesrepublik hinweg, die sich enorme Transferleistungen und das Treuhandfiasko leisten konnte, schlugen die Wiedervereinigungskosten doch bald auf die Sozialkassen durch und führten geradewegs in die westliche „Kotransformation“, konkret: in die Agenda-Politik der rot-grünen Koalition.

          Unsere anpassungsbereiten Brüder

          Deren politische Vorbilder verortet Ther wiederum im neoliberalen Verheißungsdiskurs und, gewissermaßen eine Umdrehung weiter, in der Anleihe bei jenen osteuropäischen Staaten, die mit geschleiften Sozialsystemen, Einheitssteuersätzen und weit offenen Kapitalmärkten zu den Lieblingen der internationalen Finanzszene geworden waren.

          Das ist keineswegs despektierlich oder gar, mit Blick auf die Abstürze Lettlands oder Sloweniens seit 2008, triumphalistisch gemeint. In einem Kapitel über die osteuropäischen Hauptstädte Berlin, Bratislava, Budapest, Prag, Warschau und Wien - erzählerisch wie analytisch das Herzstück der Studie - zeichnet Ther eindrucksvoll nach, wie verschieden die Neuerfindung der Metropolen nach 1990 verlief, und kontrastiert das kreative, in die Zukunft gewandte Warschau mit einem nicht nur architektonisch historistischen Berlin, das den Zug verpasste.

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