19.07.2007 · Gegen falsche Toleranz setzt Alice Schwarzer in ihrem neuen Buch ein „Nein“ zur Frau als Ware. Die ehemalige Kultusministerin und Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien hat Schwarzers „Antwort“ mit großer Zustimmung gelesen. Nur ihre Haltung in der Abtreibungsfrage hat sie nicht verstanden.
Von Hanna-Renate LaurienMit der Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Golfstaaten beginnt das in der F.A.Z. vorab gedruckte Buch, es gibt den Händedruck von Kanzlerin und Scheichs, und damit kommt ein zentraler Gedanke zur Sprache: Frau und Macht. Alice Schwarzer verbindet immer wieder meisterhaft die anschauliche Darstellung beispielhafter Szenen aus unterschiedlichen Leben mit persönlicher Erfahrung, präzise ermitteltem Datenmaterial und grundsätzlichen Gedanken. Die heutige Situation, in der „die Emanzipation zum zweiten Sprung“ ansetzt, um „nach der Revolution in den Köpfen und der Reform der Gesetze nun die gelebte Gleichberechtigung strukturell (zu) verankern in Familie wie Gesellschaft“, führt neuerdings zu verschärften Gegensätzen.
Mutig und erfrischend sprengt die Autorin parteipolitische Grenzen, tritt für Frau von der Leyen ein und nimmt in dem von dieser ausgelösten „Kulturkampf“ Stellung. Wie hat es mir wohlgetan, lesen zu können, wie sie die publizistischen Attacken gegen Gendermainstreaming souverän abweist und auf die Machtfrage zurückführt. Sie schüttelt den Kopf über Gerhard Schröder in der Wahlnacht, sprengt das Schema „links-rechts“ und hebt immer wieder hervor, wie die Arbeitswelt die Belange der Familie in ihren Strukturen für Mann und Frau berücksichtigen müsste.
Welt und Haus für Mann und Frau
Alice Schwarzer will eine Welt wenigstens vorbereiten, die vom Geschlechtsnormenterror befreit ist, in der Männer Gefühle zeigen dürfen und Babys wickeln können und in der Frauen Verstand beweisen und Firmenchefs sein dürfen und beide, als Menschen, ihren Kindern verantwortungsvolle Erzieher und Partner sind. In den Kapiteln 2 („Frauen sind von Natur aus anders“) und 5 („Das Kind braucht die Mutter“) belegt sie die Wechselbeziehung von Natur und Kultur, den lebenslangen Prozess der Verbindung von „angeboren“ und „anerzogen“. Der Ruf nach der Mütterlichkeit wird als „Frauenfalle“ entlarvt, die die Aufteilung in „Welt“ für den Mann und „Haus“ für die Frau und damit die Machtverteilung festschreiben soll, wie das auch durch die These von der Gleichwertigkeit in der „Andersartigkeit“ geschieht. Welt und Haus für Mann und Frau ist das Ziel, das den Männern neue kostbare Erfahrungen schenkt und die Frauen fordert, sich auch für den Beruf zu begeistern und Kritik nicht immer gleich persönlich zu nehmen. (Kapitel 6: „Der Beruf allein macht nicht glücklich“).
Hat man nach der Wiedervereinigung anfangs vor allem die Schwächen beider Systeme – die die Autorin leider den „kapitalistischen Westen“ und den „sozialistischen Osten“ nennt – wahrgenommen, so ist jetzt zunehmend das Miteinander der jeweiligen Vorzüge zu vermerken.
Mit überzeugender Deutlichkeit und Courage brandmarkt Alice Schwarzer neue Gefahren: Falsche Toleranz und Kulturrelativismus führen zur Unterschätzung des politisierten Islams (Kapitel 3: „Im Namen des Propheten“). Man will auf keinen Fall als fremdenfeindlich gelten und gibt der Unterwanderung unseres Rechtsdenkens Raum. Was die Autorin aus ihren Erfahrungen in Iran, in Afghanistan, in Deutschland berichtet; wie sie die Auswirkungen des islamischen Fundamentalismus, die politische Flaggenfunktion des Kopftuchs, die Agitation der Konvertierten, männlich wie weiblich, schildert; wie sie das Kokettieren der linken Szene mit den „islamischen Revolutionären“ und die Aufnahme der Rechtsradikalen in das Männerbündnis mit spitzer Feder darstellt und dann diejenigen mit Namen nennt (darunter Papst Benedikt XVI.), die sich um „echte Integration“, um ehrlichen Dialog bemühen – das sollte jeder lesen, der die Verletzung von Menschenrechten, auch wenn sie „nur“ Frauen betreffen, ernst nimmt. „Emma“ und ihr Bündnis mit Verfassungspräsident Peter Frisch spricht Bände.
„Die Männer werden sich nie ändern“
Weil in der pornographisierten Gesellschaft die Fähigkeit zum Mitleiden abnimmt, durch die Verknüpfung von sexueller Lust mit der Lust an Erniedrigung Gewaltbereitschaft wächst (Kapitel 8: „Pornographie ist geil“), schlägt Alice Schwarzer Alarm und fragt die zuständigen Politikerinnen, warum sie zu Recht Rassismus bekämpfen, aber den Zusammenhang mit dem Sexismus offenbar übersehen. Eindeutig setzt die Autorin im Kapitel 9 („Prostitution wird es immer geben“) die Handlungslinie: nein zur Frau als Ware, Einsatz für die Prostituierten, Kampf gegen die Prostitution. Immer geht es um die Menschenwürde der Frau. Daher ist mir Schwarzers Stellungnahme für ein Recht auf Abtreibung, für die Fristenlösung und gegen die bei uns geltende Beratungslösung schwer begreiflich. Die Beratung ist eine Chance, die Frau vom Zwang zur Abtreibung (Eltern, Kindesvater) durch konkrete Hilfsangebote zu befreien. Und wenn Frau Schwarzer nicht vom ungeborenen Kind, sondern vom Fötus spricht, dann kann ich ihr nur anraten, bei Jürgen Habermas in die Schule zu gehen.
In den Schlusskapiteln 11 („Die Männer werden sich nie ändern“) und 12 („Die Frauen sollten nicht zu weit gehen“) plädiert sie vielfach für das Miteinander von „echten Männern“ mit „echten Frauen“ und zeigt Wege, auch erzieherisch die Fremdheit der Geschlechter zu mindern. Liebe in Eigenständigkeit und Freiheit jenseits von gegenseitiger Funktionalisierung zu leben, erfordert Selbsterkenntnis und Mut. Den hatten auch die Frauen der ersten Frauenbewegung, die weithin vergessen sind. Alice Schwarzer reißt einige aus der Vergessenheit heraus. Eine gewisse Einseitigkeit dabei sei ihr verziehen, aber ein Beispiel will ich doch bringen: Sie nennt Elisabeth Selbert, der wir Artikel 3 Absatz 2 unseres Grundgesetzes verdanken, nicht aber die erste Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt, die 1954 in ihrer Jungfernrede als Abgeordnete gegen den väterlichen Schlussentscheid in Familienfragen Stellung bezog, unterlag, aber ein paar Jahre später vom Bundesverfassungsgericht bescheinigt bekam, dass nur ihre Position verfassungsgerecht war.
Wir verantworten die Beschaffenheit unserer Gesellschaft. Dies ist ein Buch für Männer und Frauen, die sich als Staatsbürger verstehen.
Wie parteiisch sollten Kritiker sein?
Rolf Nagel (vermoegensverbrater)
- 19.07.2007, 21:33 Uhr
Die 16,90 EURO lohnen nicht
Ulrich Schulte am Hülse (Patentrecht)
- 19.07.2007, 22:19 Uhr
Wider die Pornographisierung - mit BILD ...
Andreas Schwartmann (ASchwartmann)
- 19.07.2007, 22:48 Uhr
Und warum traut Laurin sich nicht,
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 19.07.2007, 23:45 Uhr
Ist der Text auch als „Rezension“ angekündigt,
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 20.07.2007, 00:43 Uhr