http://www.faz.net/-gqz-879d4

Martin Amis’ Holocaust-Roman : Lizenz zum Exzess

Martin Amis Bild: Picture-Alliance

Der englische Schriftsteller Martin Amis hat einen Roman über Auschwitz geschrieben. „Interessengebiet“ ist umstritten. Wie könnte es auch anders sein?

          Die Frage, ob Auschwitz einen Stoff für Unterhaltung abgeben kann, ist längst beantwortet. Und zwar so beantwortet, dass es verharmlosend wäre, von einer Dialektik der Unterhaltung zu sprechen. Denn auch dass wir heute den Massenmord an den europäischen Juden durch Deutsche und ihre Handlanger zumeist als „Holocaust“ bezeichnen, verdankt sich einer Hervorbringung der Unterhaltungsindustrie. Es war keine Wirkung von 1968, sondern eine von 1978. Der aufwühlenden Wirkung des gleichnamigen amerikanischen Fernsehvierteilers, der im selben Jahr vom deutschen Fernsehen gezeigt wurde - in den dritten Programmen! -, wird sogar zugeschrieben, dass der Bundestag im Jahr darauf die Verjährungsfrist für Mord aufhob.

          Das hatte keine sachliche, kühle, analytische Darstellung des Vernichtungsgeschehens vermocht, wobei zu ergänzen ist, dass es damals so viele davon auch nicht gab. Das war aber auch keiner literarischen oder journalistischen Auseinandersetzung mit Auschwitz gelungen, weder den Büchern von Primo Levi noch der „Ermittlung“ von Peter Weiss oder Hannah Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess.

          Abfolge von Exzessen

          Mehr als dreißig Jahre später sind Romane und Spielfilme, die in Konzentrationslagern oder anderen Stätten des NS-Terrors spielen, nichts Außergewöhnliches mehr und längst Gegenstand von mediengeschichtlichen Dissertationen. Entscheidend dabei ist, dass es solche sind, die alle Merkmale einer Unterhaltungsabsicht tragen. Wie am Ende denn auch anders, wenn es sich um Romane und Spielfilme handelt? Denn wer nicht so heuchlerisch ist, das „Vergnügen an tragischen Gegenständen“ (Friedrich Schiller) und auch an sonst entsetzlichen zu leugnen, um dem Erzählen in einem solchen Fall ausschließlich moralische Zwecke zuzuweisen, wird sich der Einsicht stellen, dass durch die Generationenabfolge die Romane derjenigen, die noch Zeugen des Geschehens waren, inzwischen eine kleine Minderheit sind. Wir können, was literarisch über die Judenverfolgung geschrieben wird, immer seltener durch das Recht der Opfer auf Ausdruck begründet sehen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Vollends deutlich wurde das durch Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ von 2006 einerseits, Anthony Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ aus dem vergangenen Jahr andererseits. Die Autoren - Jahrgang 1967 der eine, 1973 der andere - operierten offen und mitunter bis an die Grenze des Diskutierbaren mit unterhaltungstechnischen Mitteln. Littell wählte die Erzählperspektive eines SS-Mannes, der den Leser zum Voyeur einer schier endlosen Abfolge von Exzessen in einer Zone machte, in der Gewalt und Sexualität nicht zu unterscheiden waren. Man hat seinen Roman zu Recht eine pornographische Kriegsdarstellung in monströser Comicform genannt.

          Doerr wiederum, der die Geschichte eines auf Fremdenhass trainierten Hitlerjungens mit der märchenhaften Erscheinung eines blinden französischen Mädchens verbindet, die sich im Endkampf des Kriegsgeschehens begegnen, erzielte einen großen Erfolg mit dem Lehrbuchwissen des „Creative Writing“: Verbinde interessante Schauplätze (Zeche Zollverein, Saint Malo) und äußerste Rührung (Kinder, eines physisch blind, eines, das - vergebens - moralisch blind gemacht werden soll) mit Sachbuchwissen über die Zeit samt einem entlegenen Thema, das sich als Metapher eignet - hier: Edelsteinkunde -, zweige aus der Historie interessante Requisiten sowie ein Inferno ab und führe deine Figuren dramatisch durch es hindurch. Vor allem aber: lerne von Robert Altman und allen Fernsehserien, die ihm folgten, und produziere alle fünf Seiten durch Szenenwechsel einen Cliffhanger, denn jede lange Geschichte ist unterhaltsam nur als Abfolge von Kurzgeschichten mit demselben Personal.

          Genuss des Ausnahmezustands

          Nun ist es, schon Schiller handelte davon, eine eigentümliche Art des Vergnügens, wenn auf der Bühne oder im Text Schreckliches geschieht. Eigentümlicher noch - Schiller kannte weder den historischen Roman noch Schrecken des Ausmaßes, um das es hier geht -, wenn wir wissen, dass sich dieser Schrecken keiner Erfindung verdankt oder in der Ferne der Zeiten liegt. Es ist eines, dass Walter Scott die Kreuzzüge in romantisches Licht tauchte oder Hollywood das Gladiatorenelend zum Wrestling-Comic umarbeitet. Ist es ein anderes, wenn Martin Amis, einer der bekanntesten Schriftsteller Englands, die Liebesgeschichte eines 31-jährigen kobaltblauäugigen Obersturmbannführers der SS, Golo Thomsen, der nachts reihenweise Frauen flachlegt und tagsüber für die Buna-Chemiewerke arbeitet, zur Frau des Lagerkommandanten von Auschwitz, Paul Doll, erzählt und dabei abwechselnd sowohl diesen Buna-Verbindungsoffizier zwischen Lager und Fabrik, den trinkfreudigen und brutalen Kommandanten sowie einen jüdischen Insassen des Todeslagers berichten lässt, der zur Mithilfe beim Massenmord als „Sonderkommandoführer“ gezwungen wurde?

          Diese drei wechseln einander hier in immer der gleichen Folge ab, zwei längeren Erinnerungen von Thomsen und Doll an das Geschehen folgt eine kurze des „traurigsten Mannes der Weltgeschichte“. Jede Stimme hat dabei eine Funktion. Thomsen, der durchaus am Mordgeschehen beteiligt ist, etwa indem er zunächst davon abrät, den zur Arbeit abgestellten Gefangenen durch höhere Essensrationen das Leben zu verlängern, gibt den Zyniker. Berichte über Vergasungen, Kommentare zum Krieg und Small Talk über Bettgeschichten wechseln einander ab. Was tun wir den Juden an? Alles. Nichts dagegen, dass man ihnen „eins auf den Deckel“ gibt; „aber das hier ist doch einfach lächerlich.“ Und außerdem eine Ressourcenvergeudung.

          Sie genießen den Ausnahmezustand, der jede Lizenz zu Exzessen gibt, und der Unterschied zu den Spießern unter den Mördern ist nur, dass diese noch überall dort an Moralgerede und Anstand festhalten, wo es ihnen nützt. Amis führt an den Figuren alle Abschattungen der Möglichkeit durch, Nationalsozialist und Massenmörder zu sein. In seinem Metier ist er dabei, wenn es objektiv sarkastisch wird und davon die Rede ist, dass Martin Bormann, der Adoptivonkel Thomsens, den „Terminkalender des Erlösers“ führt, wenn Debatten darüber aufkommen, wie arisch die führenden Nationalsozialisten sind oder das Herzblatt „Der Stürmer“ von Doll bezichtigt wird, der antisemitischen Sache zu schaden; oder wenn bewundernd nachgezählt wird, wie viele Promovierte an der Wannsee-Konferenz teilgenommen haben. Überhaupt spielt Amis seine Fähigkeit zu kalter Bosheit am besten aus, wenn er die bürokratischen Menschenmetzger reden lässt.

          Variantenreichtum der Niedertracht

          Doch deren Phrasen sind eben nicht nur Redensarten. Amis, der sich durch viele Geschichtsbücher gearbeitet hat, besitzt genauso viel Sinn für die Paradoxien in der Organisation des Horrors. Wenn berichtet wird, dass psychisch Kranke getötet werden, um Krankenhausbetten für Soldaten freizubekommen, die zusammengebrochen sind, weil sie andernorts an Mordkommandos beteiligt waren, ist das nur ein Beispiel für das Leitmotiv von Amis. Fast möchte man meinen, er habe das Buch geschrieben, um zwei entgegengesetzte Theorien über den Holocaust zu bestätigen: die seiner Planung von langer Hand und die seines chaotischen, vom Zusammenbruch der Kriegserwartungen bestimmten Ursprungs. Auf jeder Seite führt er die Widersprüche zwischen beidem als Theater des ganz normalen Entsetzens auf, etwa wenn etwa Gespräche darüber erfolgen, dass das Verbrennen von Leichenbergen der Luftverteidigung nicht passt, weil es nachts so viel Feuer an den Himmel wirft. „Die ganze Atmosphäre ist psychotisch“, heißt es an einer Stelle, aber weniger durch die offen brutalen Typen oder brüllende SS-Soldaten als durch Ingenieure, die sich ganz ruhig durch verhungernde Zwangsarbeitermassen bewegen.

          Neben den Phrasen und der Fabrik des Mordes wie des Krieges wird das Buch von einer dritten Gruppe an Motiven getragen. Wie kommen Menschen durch so etwas hindurch, lautet die Frage, die sie zusammenfasst, wobei die erste Antwort ist, dass die meisten eben nicht hindurchgekommen sind. Doch dafür spricht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur jener „Sonder“, der seine Erinnerungen in einer Thermosflasche vergräbt, damit nicht alles von ihm gestorben sein wird. Auf die Frage nach den Personen und ihren Beziehungen in einer solchen Situation gibt es keine allgemeine Antwort. Für den Roman ist das insofern fatal, als er ehrlicherweise auf eine Handlung verzichtet. Was sich als Liebesgeschichte andeutet, verdämmert fast folgenlos, die einzige tödliche Nebenfolge, die es hat, ergibt sich aus der Unzufriedenheit des nichtbetrogenen Ehemannes mit seiner Frau. Selbst die Hauptpersonen verlieren an Kontur, so, als wolle der Autor ihre Gewissheit mitteilen, dass unter diesen Umständen ohnehin „Person“ eine fragliche Kategorie ist.

          Das führt zurück zur Frage, was Unterhaltung ist, wenn ein solcher Stoff gewählt wird. Amis ist virtuos im Aufrufen von kurzen Szenen, Absurditäten, schrecklichen Momenten, ekelhaften Sequenzen. Es scheint mitunter, als habe er den ganzen Variantenreichtum der Niedertracht wie der Vergeblichkeit, ihr irgendeine Erfahrung abzugewinnen, im Blick. „Das also auch noch“, denkt man auf jeder Seite. Dagegen steht das Bedürfnis, mehr an die Hand zu bekommen. Das KZ, schreibt der Häftling, sei ein Spiegel, in dem jeder seine Seele sehe, aber niemand könne hineinschauen, ohne den Blick abzuwenden. Mit dem Buch von Martin Amis kann es einem genau umgekehrt gehen. Man schaut hinein, liest es, liest es womöglich gebannt durch den Schrecken und jene kalte Bosheit, die einem nicht viel erspart, liest es noch einmal, und hat immer noch nichts oder jedenfalls nicht die Seele gesehen.

          Ist das ein Einwand gegen das Buch? Sein deutscher Verlag hatte sich geweigert, es zu übersetzen. Das war, bei allen Einwänden, die man gegen die nonchalante Sprache von Amis haben mag, falsch. Dass manche Sätze verrutschen, dass der Autor im englischen Original eine in der Übersetzung nicht reproduzierbare Anhänglichkeit an deutsche Kraftausdrücke - „glorious Hinterteil“ - und zusammengesetzte Hauptwörter - „We were obstruktive Mitlaufer (!)“ - pflegt, dass den Figuren manches in den Mund gelegt wird, was sie damals nie so hätten sagen können - „ein ganzes Narrativ“, heißt es über das KZ -, das alles ist geschenkt. Dass es ein etwas ratloses Ende gibt, auch. Denn Anfang, Mitte, Ende sind hier so wenig einschlägige Erwartungen wie Spannung oder Handlung oder Empathie. Amis benutzt sie alle und erfüllt keine. Und er scheitert auch nicht absichtlich. Sondern weil es nicht anders geht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.