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Martin Amis’ Holocaust-Roman : Lizenz zum Exzess

Martin Amis Bild: Picture-Alliance

Der englische Schriftsteller Martin Amis hat einen Roman über Auschwitz geschrieben. „Interessengebiet“ ist umstritten. Wie könnte es auch anders sein?

          Die Frage, ob Auschwitz einen Stoff für Unterhaltung abgeben kann, ist längst beantwortet. Und zwar so beantwortet, dass es verharmlosend wäre, von einer Dialektik der Unterhaltung zu sprechen. Denn auch dass wir heute den Massenmord an den europäischen Juden durch Deutsche und ihre Handlanger zumeist als „Holocaust“ bezeichnen, verdankt sich einer Hervorbringung der Unterhaltungsindustrie. Es war keine Wirkung von 1968, sondern eine von 1978. Der aufwühlenden Wirkung des gleichnamigen amerikanischen Fernsehvierteilers, der im selben Jahr vom deutschen Fernsehen gezeigt wurde - in den dritten Programmen! -, wird sogar zugeschrieben, dass der Bundestag im Jahr darauf die Verjährungsfrist für Mord aufhob.

          Das hatte keine sachliche, kühle, analytische Darstellung des Vernichtungsgeschehens vermocht, wobei zu ergänzen ist, dass es damals so viele davon auch nicht gab. Das war aber auch keiner literarischen oder journalistischen Auseinandersetzung mit Auschwitz gelungen, weder den Büchern von Primo Levi noch der „Ermittlung“ von Peter Weiss oder Hannah Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess.

          Abfolge von Exzessen

          Mehr als dreißig Jahre später sind Romane und Spielfilme, die in Konzentrationslagern oder anderen Stätten des NS-Terrors spielen, nichts Außergewöhnliches mehr und längst Gegenstand von mediengeschichtlichen Dissertationen. Entscheidend dabei ist, dass es solche sind, die alle Merkmale einer Unterhaltungsabsicht tragen. Wie am Ende denn auch anders, wenn es sich um Romane und Spielfilme handelt? Denn wer nicht so heuchlerisch ist, das „Vergnügen an tragischen Gegenständen“ (Friedrich Schiller) und auch an sonst entsetzlichen zu leugnen, um dem Erzählen in einem solchen Fall ausschließlich moralische Zwecke zuzuweisen, wird sich der Einsicht stellen, dass durch die Generationenabfolge die Romane derjenigen, die noch Zeugen des Geschehens waren, inzwischen eine kleine Minderheit sind. Wir können, was literarisch über die Judenverfolgung geschrieben wird, immer seltener durch das Recht der Opfer auf Ausdruck begründet sehen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Vollends deutlich wurde das durch Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ von 2006 einerseits, Anthony Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ aus dem vergangenen Jahr andererseits. Die Autoren - Jahrgang 1967 der eine, 1973 der andere - operierten offen und mitunter bis an die Grenze des Diskutierbaren mit unterhaltungstechnischen Mitteln. Littell wählte die Erzählperspektive eines SS-Mannes, der den Leser zum Voyeur einer schier endlosen Abfolge von Exzessen in einer Zone machte, in der Gewalt und Sexualität nicht zu unterscheiden waren. Man hat seinen Roman zu Recht eine pornographische Kriegsdarstellung in monströser Comicform genannt.

          Doerr wiederum, der die Geschichte eines auf Fremdenhass trainierten Hitlerjungens mit der märchenhaften Erscheinung eines blinden französischen Mädchens verbindet, die sich im Endkampf des Kriegsgeschehens begegnen, erzielte einen großen Erfolg mit dem Lehrbuchwissen des „Creative Writing“: Verbinde interessante Schauplätze (Zeche Zollverein, Saint Malo) und äußerste Rührung (Kinder, eines physisch blind, eines, das - vergebens - moralisch blind gemacht werden soll) mit Sachbuchwissen über die Zeit samt einem entlegenen Thema, das sich als Metapher eignet - hier: Edelsteinkunde -, zweige aus der Historie interessante Requisiten sowie ein Inferno ab und führe deine Figuren dramatisch durch es hindurch. Vor allem aber: lerne von Robert Altman und allen Fernsehserien, die ihm folgten, und produziere alle fünf Seiten durch Szenenwechsel einen Cliffhanger, denn jede lange Geschichte ist unterhaltsam nur als Abfolge von Kurzgeschichten mit demselben Personal.

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