Als Marcus Tullius Cicero im Jahre 43 v. Chr. von Schergen der drei neuen Herren Roms in seiner Sänfte ermordet wurde, hatte er angeblich ein Exemplar der "Medea" des Euripides bei sich. Die zur Rachefurie mutierte Frau - das paßte auch zu seinem Ende. Die Ehefrau des Triumvirn Marcus Antonius, der Ciceros Tod angeordnet hatte, soll den abgeschlagenen Kopf des Erzfeindes bespuckt und die Zunge mit ihren Haarnadeln durchstochen haben - so abgrundtief war ihr Haß. Fulvia war zuvor mit Clodius verheiratet gewesen, jenem Renegaten und Volkstribunen der 50er Jahre, den Cicero unermüdlich als Krebsübel der res publica beschimpft und dessen gewaltsamen Tod er seinerseits begrüßt hatte. Kurz zuvor war auch Marcus Antonius zur Zielscheibe von Ciceros tödlichen Wortkaskaden geworden, verhöhnt als Trunkenbold, dämonisiert als Tyrann von schlimmerem Kaliber als selbst Caesar. Ciceros Kopf und seine rechte Hand, mit der er so viele gestische Peitschenhiebe ausgeteilt hatte, wurden schließlich in Rom an der Rednerbühne auf dem Forum zur Schau gestellt. Anthony Everitt hat in seiner Cicero-Biographie all dies und noch viel mehr aus den Quellen zusammengetragen und mit warmer Sympathie für seinen Helden zu einer lesbaren Biographie für einen breiten Leserkreis gestaltet. Der Autor hat sich von einem Besuch in Rom für die Antike allgemein und Cicero im besonderen begeistern lassen und versteht sein Buch als einen Akt der Pflichterfüllung und Rehabilitierung, mithin als Korrektiv gegenüber allen antiken und modernen Autoren, die "Konsequenz und Effektivität des Politikers Cicero in bedenklichem Maße unterschätzt" hätten. Es ist im Grunde der alte Plutarch, nur in Buchstärke: Dem Biographen obliegen Lob und Tadel, dazu die gefällige Präsentation der sprechenden Anekdoten. Und weil dem Leser von heute die Lebenswelt der Römer von damals so fremd ist, gibt es Informationen über Bauten, Ämterlaufbahnen und vieles mehr. Nicht alles ist korrekt. So gab es nicht zwölf Volkstribunen, sondern nur deren zehn; der Fehler schon des englischen Originals hätte sich korrigieren lassen. Die "comitia curata" sind ebenso falsch wie die "Zenturie proletarii", und "das in den Staub gesunkene Banner der Reform" ist hübsches 19. Jahrhundert, erklärt aber wenig oder nichts. Everitt erkennt die Fremdheit der politischen Kultur des republikanischen Rom durchaus, die Manie um Ehre und dignitas, die Sklaverei, eine Administration (gemeint ist wohl: Herrschaft) ohne Bürokratie und Polizei, muß aber, dem Genre der popularisierenden Biographie gemäß, in den Römern gleichwohl "Menschen wie du und ich" sehen. Das Buch wird seine Leser finden. Wer aber den Politiker Cicero wirklich verstehen will, sollte Christian Habichts schmale Studie von 1990 mit dem Titel "Cicero der Politiker" lesen, und wer einen Weg zum Magier des Wortes und zur europäischen Kulturpotenz Cicero sucht, findet in Manfred Fuhrmanns Biographie "Cicero und die römische Republik" (1997) den besseren Führer.