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Rezension: Belletristik Heilige Familie im Schwimmbad

Leise Töne: Christian Oster erzählt aus der französischen Provinz

"Monter à Paris", nach Paris aufsteigen - das sieht der klassische Lebens- und Karriereplan in Frankreich vor. Jener junge Mann aber, der sich gleich im ersten Satz dieses Romans höflich mit "Ich heiße Gavarine" vorstellt, beschreitet den umgekehrten Weg: Er geht von der Kapitale in die Provinz, und er begreift es nicht als Abstieg.

Im klassischen französischen Roman kämpfen ehrgeizige Jünglinge mit Paris wie mit einem Drachen; sie siegen oder scheitern, und das ist immer eine große Sache. Für Luc Gavarine wäre Scheitern schon ein viel zu lautes Wort. Sagen wir lieber: Es hält ihn nichts mehr dort. Seine Arbeit hat er verloren - "Ich war Angestellter, beinahe wäre ich zum leitenden Angestellten aufgestiegen. Vor dem Aufstieg aber hatte ich gezögert, was mich meine Arbeit gekostet hat." Seine Freundin Anne, eine schweigsame Floristin, hat ihn verlassen, oder vielmehr ganz undramatisch: Sie ist einfach nicht mehr da.

Auch in seine Wohnung, "meine große Wohnung", wie er stets betont, kann er nicht mehr hinein: Er hat seine Mappe verloren, und in dieser Mappe waren die Schlüssel. Wobei er den Verlust der Mappe mehr bedauert. "Ohne Mappe fühle ich mich nackt", formuliert er nicht sehr originell; auch wenn er, außer den Schlüsseln, nie etwas darin getragen hat, brachte sie doch seine Angestelltenexistenz perfekt zum Ausdruck. Damit ist es nun vorbei; wie die Haustür ist diese Existenz verschlossen und ab sofort unzugängliche Vergangenheit, es ist Zeit für etwas Neues. Von diesem Neuen erzählt Christian Osters Roman. Schlüssel und Mappe sind dabei fast aufdringliche Zeichen an einer Figur, die sonst nur durch Unauffälligkeit auffällt.

Gavarine ist ein Charakter ohne charakteristische Züge. Ein Mann der Ordnung, der Rituale und der ewigen Wiederkehr, ein Zögerer und Leisetreter wie viele seines Schlages. Doch nun läßt er sich treiben, und erst einmal treibt er auf der Prosa Christian Osters dahin. Das ist eine Anknüpfungs- und Fortspinnungsprosa, die sich über Wortverwandtschaften und Nebenbedeutungen vorantastet, die sich aber auch mit aufwendigen syntaktischen Befestigungen gegen das drohende Chaos wappnet. Es ist ein Mauerwerk, gekrönt von den Wehrtürmchen des "Subjonctif II", einer heute preziös klingenden Verbform, die aber jedem Franzosen von der Schule her noch vertraut ist - und natürlich von den Klassikern. Im Deutschen nachbilden kann ein Übersetzer solche grammatikalischen Formen, solche kulturellen Konnotationen natürlich nicht; er kann sich nur mit auffälligen Konjunktiven und Umlauten ("hülfe") behelfen. Lis Künzli macht ihre Sache gut, nur gegen Ende erlahmt ihre Sorgfalt. "Und wenn wir unsere Gläser noch mal füllten, wir anderen" heißt auf gut deutsch (und hier der französischen Tonlage entsprechend) nichts anderes als "Kommt, laßt uns noch einen trinken".

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