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Rezension: Belletristik Acht zauberhafte Töchter

D-Klasse: Leon de Winters Schriftstellerroman "Leo Kaplan"

Liebe und Tod, das erzromantische Paar der hohen Literatur hat eine Entsprechung im modernen Unterhaltungsgewerbe: Sex & Crime. Die Helden Leon de Winters tun das eine und meinen das andere - was es, unter anderem, schwierig macht, seine Romane eindeutig zu klassifizieren. Auf dem deutschsprachigen Markt liegt es daher nahe, neben der E- und der U- eine D-Klasse zu schaffen, benannt nach dem Diogenes-Verlag, in der neben dem erfolgreichen Niederländer auch etwa der ihm im Schreibtemperament verwandte Amerikaner John Irving residiert.

Wie Irving ist Leon de Winter ein sehr produktiver Autor. Zehn Romane hat er zwischen 1979 und 1999 geschrieben. "Leo Kaplan", der für deutsche Leser jüngste, ist der fünfte in der Reihe. Er ist im Original bereits 1986 erschienen und mag hiesige Leser darüber hinwegtrösten, daß es gegenwärtig nichts Neues von de Winter zu lesen gibt. Er ist unter die Filmproduzenten gegangen; sein vor zwei Jahren gegründetes Joint Venture "Amberlon Pictures" (Partner: Eric Preskow und die Senator Film) hat Großes vor: vierzig Filme sind geplant, "Hollywood Sign", nach de Winters Roman "Der Himmel über Hollywood", ist bereits fertig.

Auch fünfzehn Jahre nach der Erstveröffentlichung liest man "Leo Kaplan" mit Vergnügen, denn nirgendwo äußert sich de Winter derart offen und zugleich verfremdet über sich selbst, über seine Herkunft und seine Obsessionen, seine Schreibimpulse und -blockaden, seine Poetik und seine reale Schriftstellerexistenz. Leo Kaplan "schreibt über seinen eigenen Nabel und seinen eigenen Stoffwechsel", Leon de Winter ganz offensichtlich auch. Man hüte sich aber vor simpler Eins-zu-eins-Übertragung; den Roman "Hoffmanns Hunger", den der Autor zu diesem Zeitpunkt noch vor sich hat, hat seine Romanfigur bereits vollendet. Wie sein Schöpfer ist Leo Kaplan Sohn holländischer Juden, die den Holocaust in einem Versteck überlebt haben, traumatisiert für den Rest ihres Lebens. Leo wächst nicht mit Märchen, sondern mit wahren Geschichten von Pogromen und Deportationen auf. Wie de Winters Vater verdient auch der alte Kaplan, genannt "Jud Kaplan", sein Geld - und zwar viel Geld - als Lumpenhändler. Wie Leon wächst Leo auf "im Geruch von gehackter Leber, Altpapier und billigen Tricks". Die häusliche Atmosphäre, geprägt von ängstlicher Überwachung, von Gekränktheit und jiddischem Geschrei, läßt de Winter in einigen hinreißenden Passagen wieder aufleben. Man meint sich in eine Woody-Allen-Szene versetzt.

An dessen ruhelose Gestalten erinnert der schreibende Held des Romans auch auf erotischem Gebiet. Schon der Prolog zeigt uns Leo im Bett mit einer Literaturstudentin, die Auskunft über sein Werk bei der Quelle sucht; danach sehen wir ihn vor ihrem eifersüchtigen Freund davonrennen. Im nächsten Kapitel gibt ihm seine zweite Frau den Laufpaß; entnervt von seinen Seitensprüngen, hat sie sich ihrerseits einen Lover genommen und sich gar in ihn verliebt. Leo wird ausquartiert; unbeweibt bleibt er aber nicht lange. Auf einem Flug nach Rom wirft sich ihm eine junge Stewardeß an den Hals, in Rom selbst trifft er Ellen wieder, die große Liebe seiner Jugend. Die Geschichte dieser Liebe und ihres abrupten Endes nimmt den zweiten Teil des Romans ein, den dritten dann der Versuch, zu vollenden, was damals abgebrochen wurde. Hat er, fragt sich Leo, hinter allen Frauen immer nur die eine, die erste gesucht? Kann ihn die Wiedervereinigung mit Ellen von seiner erotischen Unrast erlösen? Der Epilog zeigt uns indes einen Kaplan, der einer ohne Blüte verwelkten Sekretärin zu ihrer ersten Liebesnacht verhilft, während zu Hause bereits eine Betty auf ihn wartet. Fortsetzung garantiert.

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