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Reinhard Jirgl Der späte Erfolg des Geistesingenieurs

26.06.2007 ·  Jahrzehntelang schrieb er nur für die Schublade. Als er seine Texte dann doch veröffentlichen durfte, etablierte er sich sofort als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Reinhard Jirgl, der neue Stadtschreiber Bergen-Enkheims, im Porträt.

Von Andreas Platthaus
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Bergen-Enkheim ist ein traditionsreicher und eigensinniger Teil Frankfurts - und er hat eine Institution zu bieten, um die der Rest der Stadt ihn beneidet: das Amt des Schreibers von Bergen-Enkheim. Es gewährt dem Inhaber einjähriges Wohnrecht im historischen Haus An der Oberpforte 4 und einen Geldpreis von 15.500 Euro. Geschaffen wurde die Auszeichnung 1974, kurz vor der Eingemeindung, und sie sollte - und soll immer noch - durchaus die kulturelle Eigenheit des Stadtteils bewahren helfen. Da passt es glänzend, dass man in diesem Jahr einen Schriftsteller zum neuen Stadtschreiber bestimmt hat, der selbst denkbar eigenständig ist: Reinhard Jirgl.

Wer hätte diese Ehrung mehr verdient als ein Autor, der jahrzehntelang nur für die Schublade schrieb, weil er nicht hoffen dufte, jemals etwas davon publizieren zu dürfen. Und der sich, als es dann doch so weit war, sofort als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur etablierte. 1990 erschien das Debüt des 1953 in Ost-Berlin Geborenen: „Mutter Vater Roman“. Da war er noch Beleuchter an der Volksbühne. In der DDR hatte er zunächst das Abitur nicht machen dürfen, sich dann aber über die Abendschule doch noch für ein Studium der Elektrotechnik qualifizieren können, das er 1975 abschloss. Stalin war es, der im Gespräch mit Gorki die Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“ bezeichnet hat.

Seltene radikale Subjektivität

Jirgl war nun wirklich Ingenieur, und kaum übte er diesen Beruf auch aus, begann er zu schreiben. Sein Stil ist von höchster Präzision und einer seltenen radikalen Subjektivität. Die Anverwandlung des Autors ans denkbar unlyrische Ich ist so konsequent, dass man verblüfft ist zu hören, dass die Romane nicht autobiographisch zu lesen sind. Viel eher als Seelen- ist Jirgl ein Geistesingenieur, denn er will nicht belehren, sondern beschreiben. Für einen Geistesingenieur gab es in der DDR keine passende Berufsorganisation. Zudem Jirgls künstlerisches Credo lautet: „Man muss alles sagen, weil alles Nichtgesagte den Menschen vorenthaltenes Leben ist.“ Mit einem solchen Anspruch ließ sich damals zwar schreiben, lesen aber konnte es niemand.

Trotzdem ist Jirgl alles andere als ein Wendegewinnler. Sechs Jahre lang blieb er weiter Beleuchter und wartete ab, bis er sich sicher war, dass seine Bücher ihn nun ernähren konnten. Noch immer jedoch erfolgt das eher über Auszeichnungen als über großen Publikumserfolg. Jirgl schreibt komplex; man hat seinen Stil mit dem von Arno Schmidt verglichen, und daran ist insofern etwas, als auch Jirgl phonetische Umschreibungen benutzt und einige satztechnische Marotten pflegt. Wie Schmidt ist aber auch er ein grandioser Leser der eigenen Texte - was man in Bergen-Enkheim spätestens am 31. August merken wird. Dann gibt es das traditionelle Stadtschreiberfest, auf dem Ingomar von Kieseritzky verabschiedet und Reinhard Jirgl in sein neues Amt eingeführt wird.

Quelle: F.A.Z., 26.06.2007, Nr. 145 / Seite 40
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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