02.11.2003 · Marcel Reich-Ranicki erklärt im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wie die insgesamt 180 Erzählungen in seinen neuen Literaturkanon kamen. Und wer leider draußen bleiben muß.
Marcel Reich-Ranicki erklärt im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wie die insgesamt 180 Erzählungen in seinen neuen Literaturkanon kamen. Und wer leider draußen bleiben muß.
Im biblischen Sinne ist kanonisch das Wahre und apokryph das Falsche: Muß das nicht auch für den Kanon der Literatur gelten?
Die simple Teilung "kanonisch - apokryph" ist für unseren Kanon nicht anwendbar. Der Hauptgrund: Viele Romane und Erzählungen, beachtliche und auch schöne, konnten nicht aufgenommen werden, weil der Kanon, wollte man keine Grenzen gelten lassen, seinen Sinn eingebüßt hätte. Er würde alle überfordern, vor allem die Leser.
In seiner griechischen Ursprungsbedeutung ist der Kanon die Summe aller Regeln - und kanonisch das Werk, welches diese Regeln einhält. Insofern ist auch der Kanon eine vormoderne Kategorie.
In unserer Zeit hat der Begriff "Kanon" nichts mit Regeln zu tun, wohl aber mit Qualität.
Was unterscheidet Ihren Kanon eigentlich von einer Hitparade?
Hitparade oder Hitliste nennen wir Verzeichnisse der in einem bestimmten Zeitabschnitt beliebtesten oder meistverkauften Musikstücke. Die von mir für den Kanon aufgenommenen Romane und Erzählungen wurden nach ganz anderen Kriterien ausgewählt. Entscheidend war für mich weder die Beliebtheit einzelner Werke noch ihr Verkaufserfolg. Worauf also kam es mir an? Kurz gesagt: Auf den literarischen Wert und auf die Lesbarkeit.
Wenn heute ein einzelner sagt, was kanonisch sei: Maßt der sich nicht eine quasi päpstliche Rolle an? Und hofft auf Gläubige statt auf kritische Leser?
Ich habe mich nie darum beworben, einen Kanon herauszugeben. Vielmehr ist der Insel-Verlag mit einer solchen Bitte an mich herangetreten, und zwar nicht nur im eigenen Namen, sondern auch im Namen mehrerer anderer großer deutscher Verlage, die sich auf mich als Herausgeber dieses Kanons geeinigt haben. Ob es richtig sei, daß den Kanon ein einzelner macht? Wer denn sonst: eine Jury, eine Kommission, ein Kuratorium? Das wäre nicht realisierbar, und letztlich ist es indiskutabel. Wollen Sie vielleicht, daß ein Theater oder ein Opernhaus von einer Kommission geleitet wird? Ich habe schon einen Kanon-Entwurf gesehen, den eine Kommission verbrochen hat. Der Entwurf ist sinnlos und jämmerlich. Die Frage nach "gläubigen" oder "kritischen" Lesern läßt sich leicht beantworten: Ich arbeite als Kanon-Herausgeber vor allem für gute Leser und für solche, die es werden wollen.
Ist die Inflation der Leselisten nicht ein Niedergangsphänomen? Im Moment, da die Literatur ihrem Ende entgegenblickt, vergewissern sich ihre Freunde noch mal dessen, was davon bleiben soll?
Daß die Literatur ihrem Ende entgegenblickt, ist eine treffende und richtige Feststellung. Nur tut sie dies schon seit über 2000 Jahren. So dürfen wir mit Sicherheit voraussagen, daß sie zu unseren Lebzeiten nicht untergehen wird. Richtig ist auch, daß seit 2001 alle möglichen Buchlisten veröffentlicht werden und seit 2002 ein Kanon-Projekt dem anderen folgt. Das hängt zusammen: 1. mit der von mir im Mai 2001 im "Spiegel" publizierten Liste der Literatur für den Deutschunterricht an den Schulen, und 2. mit dem ersten, den Romanen gewidmeten Teil unseres Kanons, der im Jahre 2002 erschienen ist. In aller Bescheidenheit: Ich bin gewohnt, daß man vieles, was ich tue, nachahmt. Und in einem freien Land sind Nachahmungen nicht verboten.
Goethe, Gotthelf, Hofmannsthal - beweist dieser Kanon nicht erst recht, daß Franzosen und Angelsachsen das Erzählen viel besser können?
Was Sie in dieser Frage behaupten, trifft nicht zu. Keineswegs haben Franzosen oder Angelsachsen bedeutendere Erzählungen geschrieben als die Deutschen, die Österreicher und die Schweizer. Ich kenne keinen Schriftsteller, der die Geschichten von Thomas Mann und Franz Kafka übertroffen hätte. Im 19. Jahrhundert hatten wir so herrliche Erzähler wie Johann Peter Hebel, E.T.A. Hoffmann, Kleist, Keller und Storm. Daß manche (wie Keller und Storm) im Ausland nur ein schwaches Echo hatten, steht auf einem anderen Blatt und mindert nicht ihren Rang.
Wieso ist keiner der Autoren unter 50? Ich dachte, es soll sich um einen Kanon für jüngere Leser handeln?
Keineswegs ist mein Kanon für "jüngere Leser" bestimmt. Unser Slogan, der übrigens inzwischen schon geklaut wurde, lautet: "Dies ist ein Kanon für Leser." Gemeint sind also Leser im Alter von 10 bis 100 Jahren. - Und was die Schriftsteller unter 50 betrifft, so muß man ihnen noch etwas Zeit lassen, damit sie sich weiterentwickeln. Vorerst wäre es verfrüht, sie in den Kanon aufzunehmen.
Und als jüngster der mystische Weltentrückungsdichter Ransmayr? Was zeichnet diesen Autor aus?
Ransmayr ist keineswegs ein "mystischer Weltentrückungsdichter", vielmehr ein außerordentlich intelligenter und phantasievoller Erzähler, dessen Ovid-Roman "Die letzte Welt", erschienen 1988, mich sehr beeindruckt hat. Hätte ich den Romanteil unseres Kanons in 30 Bänden machen können (statt nur in 20), Ransmayrs Ovid-Roman wäre gewiß dabei.
Und wieso fehlt Judith Hermann, von deren Geschichten Sie sonst so schwärmen?
Ich habe nie von Judith Hermann geschwärmt, sondern ihre Erzählungen gelobt und ihr als Schriftstellerin eine schöne Zukunft vorausgesagt. Die Zeit wird kommen, da Judith Hermann Erzählungen oder Romane schreiben wird, die sich für einen Kanon eignen.
Alle aktuelleren Geschichten scheinen eher von weltabgewandten Mystikern wie Handke, Ransmayr zu stammen. Täuscht der Eindruck?
Ich bin weder ein Bewunderer noch ein Anhänger von Peter Handke, ja, ich halte ihn für einen überschätzten Autor. Aber ich zweifle nicht, daß er zur österreichischen, also zur deutschen Literatur der Epoche nach 1945 gehört, und es wäre falsch und ungerecht, ihn im Kanon zu übergehen. Und daß ein Schriftsteller, der sich (keineswegs ohne Erfolg) bemüht hat, den Zusammenhang von Gesellschaft und Sprache aufzudecken (zumal in Theaterstücken), und der bei verschiedenen Gelegenheiten sein beachtliches Gespür für charakteristische Zeitstimmungen bewiesen hat, als "weltabgewandter Mystiker" abgestempelt wird, will mir nicht einleuchten. Wie gesagt: Das ist nicht mein Dichter, aber er gehört in den Kanon.
Johann Peter Hebel ist zusammen mit den Gebrüdern Grimm am stärksten vertreten. Ist das der beste deutsche Erzähler der Geschichte?
In der Tat halte ich Jakob und Wilhelm Grimm für hervorragende Märchenerzähler, die nicht zufällig höchst erfolgreich waren und sind. Und ich meine tatsächlich, daß Johann Peter Hebel zu den bedeutendsten deutschen Erzählern gehört. Aber Sie dürfen nicht von der Zahl der von mir aufgenommenen Erzählungen quasi automatisch auf meine Wertschätzung der einzelnen Autoren schließen. Ich mußte auch den Umfang berücksichtigen. Also: Von Hebel konnte ich neun Geschichten aufnehmen, weil sie alle sehr kurz sind (zusammen 16 Seiten!). Andererseits habe ich von Fontane, der keine kurzen Geschichten geschrieben hat, nur zwei Erzählungen aufgenommen, aber es sind große epische Arbeiten: "Stine" (92 Seiten) und "Schach von Wuthenow" (134 Seiten).
Wieso fehlt Ingo Schulze?
Ich schätze die humoristischen Geschichten von Ingo Schulze, aber ich glaube, daß es verfrüht wäre, diesen Autor in den Kanon aufzunehmen. Ganz grundsätzlich: Nicht alles, was gut ist, gehört in den Kanon, aber alles, was im Kanon ist, muß gut sein.
Was sind die Qualitäten von Gustav Sack und Ferdinand von der Saar?
Gustav Sack, der 1885 geboren wurde, gehört zu den vielen expressionistischen Dichtern, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind (1916 in Rumänien). Bisweilen findet sich ein Gedicht von ihm in einer Anthologie, aber alles in allem ist er längst vergessen - zu Unrecht, wie jene seiner Arbeiten erkennen lassen, in denen er die Triebhaftigkeit des Menschen behandelt. "Im Heu" ist, glaube ich, eine der schönsten Inzestgeschichten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Kanon hat unter anderen auch die Aufgabe, an vergessene oder zumindest vernachlässigte Autoren zu erinnern. Zugleich soll unser Kanon auch an die These erinnern: Deutsche Literatur ist Literatur in deutscher Sprache. So ist es selbstverständlich, daß die Autoren Österreichs und der Schweiz auf angemessene Weise repräsentiert sind. Ferdinand von der Saar, der von 1833 bis 1906 lebte, kennt man in Deutschland kaum - leider. In seinen elegischen Novellen, die voll Mitleid und Kritizismus sind, hat er alle gesellschaftlichen Schichten der habsburgischen Monarchie anschaulich und liebevoll dargestellt. Er war eine Übergangsfigur zwischen der Klassik und der Moderne - also etwa zwischen Grillparzer und Schnitzler, zwischen Stifter und Hofmannsthal.
Wie lange haben Sie an der Auswahl von 180 Erzählungen gesessen?
Dieser Kanon ist das Ergebnis meiner lebenslänglichen Beschäftigung mit der deutschen Literatur. So habe ich an der Auswahl der in den Kanon aufgenommenen Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte und Essays (das nämlich ist der Inhalt der fünf Teile, von denen bisher zwei erschienen sind) rund 70 Jahre gearbeitet.
Wer soll diese Tausende Seiten lesen?
Wer sie lesen will. In einem freien Land kann man Menschen nicht zwingen, ins Theater oder ins Konzert, zu einem Fußballspiel oder in ein Schwimmbad zu gehen. Und niemand sollte man zwingen, Bücher zu lesen - die Schule und die Universität mögen da als Ausnahme gelten.
Ist denn wenigstens eine kleine justitiable Stelle drin versteckt in einer der Geschichten? Oder alles lebensfern?
Die Frage suggeriert, daß literarische Werke, die keine justitiablen Stellen enthalten, "lebensfern" seien. Justitiabel hat rein gar nichts mit literarischer Qualität oder Miserabilität zu tun. Es handelt sich also um ein Kriterium, das sich zur Beurteilung von Literatur nicht eignet.
Woher kommt dieses plötzliche Kanon-Bedürfnis der Menschen? Und was unterscheidet Ihre Zusammenstellung von anderen Unternehmungen dieser Art?
Das Kanon-Bedürfnis hat bestimmt mehrere, sehr unterschiedliche Ursachen. Unsere Buchproduktion ist gigantisch und verwirrt viele Leser. Diejenigen, die Hilfe auf den Literaturseiten unserer Zeitungen suchen, sind oft enttäuscht und verärgert, weil in manchen Blättern jedes Buch gelobt wird. Und: Je schlechter das Fernsehprogramm, desto mehr Zeit haben viele Menschen für das Lesen. Ein Vergleich meines Kanons mit ähnlichen Unternehmungen ist nicht möglich, weil es diese Unternehmungen nicht gibt. Man kann eventuell meinen Kanon mit den in manchen Blättern gedruckten Empfehlungslisten vergleichen. Aber das sollten andere tun, nicht ich selber.
Wie viele der 180 Kanon-Erzählungen sollte der gebildete Leser kennen?
Am schönsten wäre es doch wohl, wenn der Leser Lust hätte, mit der Zeit alle in diesem Kanon versammelten Erzählungen zur Kenntnis zu nehmen.
Wie viele Leser werden sich den Kanon aus bloßer Bildungsprahlsucht ungelesen ins Bücherregal stellen? Und was halten Sie von diesen?
Natürlich kommt es vor, daß jemand einen Kanon-Karton oder vielleicht beide bisher erschienenen Kartons kauft und im Regal ruhen läßt. Na und? Zunächst: Es ist ja der Kanon ein wirklich schönes Dekorationsobjekt. Ferner: Es ist mir schon lieber, jemand kauft den Kanon und liest die einzelnen Bücher nicht, als daß er ihn überhaupt nicht erwirbt. Der ungelesene Kanon wird eines Tages doch seinen Leser finden: einen Gast oder einen Nachbarn oder den Sohn der Putzfrau, der auf die Mutter noch etwas warten muß und inzwischen im Bücherschrank stöbert, oder vielleicht die Tochter des Eigentümers, in deren Schule gerade die "Buddenbrooks" gelesen werden oder eine Erzählung von Joseph Roth.
Ist es nicht entmutigend, so ein schwerer Bücherberg im Karton, der zu sagen scheint: Du mußt mich lesen! Und einen schon beim Einkauf schier erdrückt?
Nur ein Teil des Kanons, der Romanteil, ist so groß geraten, also 20 Bände. Dennoch klagen viele - in der Öffentlichkeit ebenso wie privat -, daß dieser oder jener Roman im Kanon fehle. Recht haben sie, und ich bedaure es ebenfalls. Nur würde der Kanon dann 30 oder mindestens 25 Bände umfassen. Wollte ich wenigstens einen Teil der vielen Wünsche berücksichtigen, dann müßte der Leser in die Buchhandlung mit einem Gepäckträger gehen. Letztlich war es richtig, den Romankanon auf 20 Bände zu beschränken. Der Erzählungskanon ist handlicher, die anderen drei Teile werden noch kleiner sein. Im übrigen glaube ich, daß es diese Angst vor dem "Bücherberg" überhaupt nicht gibt. Ich will mich hier nicht auf die riesigen Ausgaben von Goethe, Schiller oder Lessing berufen. Ich will als Beispiele Autoren anführen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt und geschrieben haben. Erich Kästners Werke gibt es in neun Bänden, die Werke von Adorno in 22 Bänden und Brechts Werke tatsächlich in 31 (einunddreißig) Bänden. Warum also sollte man einen Erzählungskanon mit 180 herrlichen deutschen Novellen, Kurzgeschichten, Legenden, Märchen und Anekdoten gleich als abschreckenden Bücherberg denunzieren?
Kann man auch ein einzelnes Kanon-Büchlein kaufen? Für Anfänger?
Nein, das ist nicht möglich. Der potentielle Käufer muß sich schon für den ganzen Karton entscheiden. Wenn Ihnen das mißfällt, dann wenden Sie sich bitte an den Insel-Verlag. Ich bin für das Literarische zuständig und nicht für das Kommerzielle.
Kam es im Vorfeld des Projektes zu Geldgeschenken von kanonwilligen Schriftstellern?
Sie wollen also wissen, ob ich von Autoren oder Verlegern bestochen wurde, damit dieser oder jener Roman (oder eine Erzählung) in meinen Kanon aufgenommen wird. Als mein erstes Buch in der Bundesrepublik erschienen ist ("Deutsche Literatur in Ost und West" im Jahre 1963), wurde es von einem Autor, dessen Roman ich kurz davor scharf abgelehnt habe, total verrissen. Er sagte, aus mir werde nie ein Kritiker werden, ich sei völlig unfähig, literarische Texte auch nur zu lesen, geschweige denn zu beurteilen. Aber in seiner Kritik war auch ein positives Wort über mich, ein einziges. Ich sei, schrieb der böse Mensch, "unbestechlich". Das war ein harter Schlag, denn alle haben es ihm aufs Wort geglaubt. Seitdem habe ich keine Gelegenheit, meine Unbestechlichkeit zu beweisen.
Warum wollten Sie den Menschen sagen, was sie lesen sollen?
Der Kanon ist, ich wiederhole es immer wieder, weder ein Gesetzbuch noch ein Befehl, weder eine Vorschrift noch eine Anordnung oder eine Anweisung. Der Kanon ist lediglich ein Ratschlag, eine Empfehlung, ein Angebot. Mein Kanon ist vor allem für jene bestimmt, die lesen wollen, aber nicht sicher sind, was besonders schön und wichtig ist. Er will Menschen helfen, er will ihnen zeigen, daß die Lektüre von Romanen oder Erzählungen Spaß macht, daß sie ein großes Vergnügen sein kann.
Welche Erzählung des Kanons schätzen Sie am meisten?
Da kann ich nicht eine Erzählung nennen, vielmehr möchte ich mich gleich zu drei Erzählungen bekennen, und zwar: Kleists "Michael Kohlhaas", Thomas Manns "Tristan" und Kafkas "Hungerkünstler". Das ist der Stand von heute. Aber morgen würde ich vielleicht drei andere Erzählungen nennen: Büchners "Lenz", Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und Schnitzlers "Leutnant Gustl". - Und vielleicht wollen Sie wissen, welche Erzählungen aus der Zeit nach 1945 von mir besonders geschätzt werden? Hier sind sie: Koeppens "Jugend", Frischs "Der andorranische Jude" und Bölls "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen".
Was zeichnet die aufgenommenen Erzählungen aus?
Daß sie mir gefallen, daß sie mich beeindrucken, daß sie mich entzücken.
Wenn Sie einen Kanon der letzten zehn Jahre zusammenstellen müßten: welche Bücher gehörten unbedingt dazu?
Ein Kanon für zehn Jahre? Nein, das wäre ein Mißverständnis. Aber auch für eine gewöhnliche Empfehlungsliste ist es viel zu früh.