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50 Jahre Gruppe 47 in Amerika : So eine Gruppe würde mich völlig fertigmachen

Der Filmregisseur und Schriftsteller Oskar Roehler Bild: Kai Nedden

Als Sohn eines Schriftstellerehepaars kam der Regisseur Oskar Roehler früh in Kontakt zur Gruppe 47. Sollte es sie wiedergeben? Besser nicht, findet er.

          Es gibt in „Herkunft“, diesem unglaublichen Roman des Schriftstellers und Filmregisseurs Oskar Roehler, einem der unerbittlichsten und berührendsten über die alte Bundesrepublik überhaupt, diese sehr böse Szene, die bei einer Tagung der Gruppe 47 spielt: Da tritt zuerst der Vater des Ich-Erzählers auf, geht aufs Podium wie zu einer Hinrichtung, räuspert sich, sagt: „Ich lese nun das erste Kapitel aus meinem Roman ,Aus dem Leben einer Eintagsfliege‘“ – und unten lachen sie, murmeln, rascheln, knarzen mit ihren Stühlen, jemand verlässt den Raum, ein anderer ruft „Aufhören!“.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In einem Kampf auf Leben und Tod, den er nicht mehr gewinnen kann, liest der Vater stoisch immer weiter. „Dieser Mann würde tot sein, bevor er das Ufer erreichte“, heißt es im Roman. Als er fertig ist, tut ein Kritiker so, als hätte er den Namen desjenigen, der da gerade gelesen hat, schon vergessen: „Was wollen Sie uns mit Ihren mühseligen, langen Schachtelsätzen eigentlich sagen?“, fragt er. „Dass es für Sie anstrengend ist, einen Roman zu schreiben, weil Ihnen das Talent hierfür fehlt? Dafür hätte doch ein einziger Satz genügt: ,Ich kann nicht schreiben.‘“

          Das war die Scharfrichter-Stimmung. Etwas später dann der Auftritt der Mutter in voller Kampfmontur: Schaftstiefel und Netzstrümpfe, die Perücke über den schwarz geschminkten Augen. „Ich bitte Sie darum, den Text zu beurteilen, und nicht die Tatsache, dass ihn eine Frau geschrieben hat“, sagt sie. „Im Übrigen habe ich keine Angst vor Ihnen – also: Ziehen Sie sich warm an.“ Der Kritiker sagt diesmal nichts. Er überlässt die Lästerei den anderen. „Weshalb sollte er ihr im Wege stehen? Er wollte sich lieber mit ihr amüsieren.“

          Oskar Roehler mit seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, hier im Jahr 1960
          Oskar Roehler mit seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, hier im Jahr 1960 : Bild: Oskar Roehler

          Sein Roman sei „zu 28,75 Prozent“ autobiographisch, hat Oskar Roehler einmal ironisch über „Herkunft“ gesagt. In der Gruppe-47-Szene liegen die Bezüge offen da, und er selbst macht auch gar keinen Hehl daraus, wenn man mit ihm darüber spricht. Oskar Roehler ist der Sohn von Gisela Elsner und Klaus Roehler, der 1958 beinahe den Preis der Gruppe gewonnen hätte, wenn Günter Grass nicht ausgerechnet mit der „Blechtrommel“ da gewesen wäre. Gisela Elsner begleitete ihn zunächst nur zu den Tagungen, bis sie 1962 ihren eigenen großen Femme-fatale-Auftritt als Schriftstellerin hatte, ihren Mann in den Schatten stellte und bald danach weg nach London ging. Roehler dagegen blieb den Tagungen treu. Auch in Princeton las er, allerdings wieder ohne Erfolg.

          Mein Vater, sagt Oskar Roehler in seiner Wohnung in Berlin, war der bürokratische Typ, der blieb bis zum Schluss. Die letzte Tagung, ein Jahr nach Princeton, wo alles schon angefangen hatte, auseinanderzubrechen, habe er sogar organisiert. Im oberfränkischen Waischenfeld sei das gewesen, in der Pulvermühle. „Ich war damals sieben oder acht Jahre alt. Mein Onkel hatte eine Spielwarenfabrik da unten, und mein Vater hatte ihn und meine Großmutter immer gefüttert mit den Büchern der großen Autoren, die er lektoriert hat, Grass, Johnson und so weiter. Ich weiß noch, dass meine Großmutter unendlich stolz war auf ihren ältesten Sohn, dass er mit diesen Leuten zu tun hatte in Berlin. 1967 war mein Onkel dafür zuständig, Grillfleisch zu besorgen, ich glaube, er hat auch diese Mühle besorgt. Er hat sich unheimlich ins Zeug gelegt. Ich war von meinem Vater getrennt, deshalb wollte ich jede Sekunde, die ich konnte, bei ihm sein. Bei den Lesungen ging das nicht, aber dazwischen, in den Pausen.“

          Brachiale, dickhäutige Gestalten

          Wenn Oskar Roehler so dasitzt, elegant, mit schwarzem Hemd, schwarzer Krawatte, schwarzer Weste zur Jeans, und aus der Erinnerung das Bild derer zeichnet, die damals in der Pulvermühle ankamen, dann könnte allein ästhetisch die Differenz gar nicht größer sein.

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