21.09.2011 · Von der Gruppe 47 und ihren unterschätzten Autoren bis zur literarischen Vielgestaltigkeit der Gegenwart: die sehr persönliche Geschichte des deutschsprachigen Romans als Rede aus dem Stegreif.
Von Martin MosebachLiteraturkritikern und Literaturwissenschaftlern fällt es oft erstaunlich leicht, einen Überblick über den gerade gegenwärtigen Stand der Literatur im Allgemeinen und des Romans im Besonderen zu geben; obwohl die Erfahrung bei einer Betrachtung des literarischen Lebens in historischen Dimensionen uns lehrt, wie schwierig es ist, über den Rang oder die Überlebensfähigkeit eines Werkes zum Zeitpunkt seiner Entstehung zu urteilen. Die jeweils zeitgenössische Mentalität umgibt und trägt ein neues Werk wie eine Wolke, bisweilen entzieht sie es auch den Blicken des Publikums. Erst wenn all das, was einst selbstverständlich war, was der Gemeinschaftserfahrung entsprach, aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden ist, gewinnen die Werke ihre Statur und ordnet sich die literarische Produktion einer Epoche zu einem darstellbaren Muster.
Die Entwicklung der deutschen Romanliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg ist für diesen Prozess ein gutes Beispiel. Es muss hier nicht die Geschichte der berühmten Gruppe 47 rekapituliert werden, die die ästhetische Atmosphäre der Nachkriegsjahrzehnte mindestens bis in die achtziger Jahre bestimmte. Aber es bleibt unbestreitbar, dass die Wahrnehmung der deutschen Gegenwartsliteratur im Ausland bis heute von den Protagonisten dieser Vereinigung bestimmt wird.
Es gehört zum Wesen der Literatur, zum Einzelgängertum der Schriftsteller, dass sich Künstlergruppen, die sich um ein Programm scharen, alsbald wieder auflösen, im Streit zumeist, denn genuine künstlerische Kraft lässt sich an ein Programm auch dann nicht länger fesseln, wenn es ein Autor ausschließlich zum eigenen Gebrauch entworfen hätte. Das war bei der Gruppe 47 anders, vielleicht auch, weil der politische und gesellschaftliche Einfluss ihr noch wichtiger war als die Formulierung einer Poetik. Ihre weite Verbreitung in Lektorat, Rundfunkanstalten und Redaktionen sicherte ihr eine stabile Aufmerksamkeit noch lange nach ihrem produktiven Ende - ein Werk wie das K. H. Deschners, der Anfang der fünfziger Jahre die Autoren der Vorkriegszeit, etwa Bergengruen, Carossa, Binding, höchst wirkungsvoll angriff und sie aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwinden ließ, hat es bezeichnenderweise für die Gruppe 47 nicht gegeben - die bemerkenswerte Auseinandersetzung mit Werken von Günter Grass, Alfred Andersch und Marcel Reich-Ranicki, die etwa Petra Morsbach, eine durchaus gewichtige Stimme, in ihrem Buch „Warum Fräulein Laura freundlich war“ versucht hat, ist im ganzen Land eisern beschwiegen worden.
Dabei müsste eine kritische Beschäftigung mit der Gruppe 47 und ihren ausgeprägten Individualitäten nicht nur zum Schaden dieser Epoche ausfallen; das Spottwort vom „Sozialdemokratischen Realismus“ trifft einen Charakterzug dieser Bewegung, der auch viele gute Seiten hat: einen gemäßigten, gleichsam „vernünftigen“ Umgang mit den von den literarischen Avantgarden entwickelten Mitteln, das Ideal einer Handwerklichkeit, der es gelingt, sich von schnöder Routine fernzuhalten, um das politische Verantwortungsgefühl, ein in seinem Selbstgefühl erschüttertes Volk zu mahnen und zu trösten, ohne es einzuschüchtern oder einzuschläfern.
Das eigentlich Beklagenswerte am überwältigenden, mit zwei Nobelpreisen bedachten Erfolg der Gruppe 47 bleibt bis heute, dass sie wie ein Paravent die Leistungen verdeckte, die nicht aus ihrer Mitte stammten. Große Autoren wurden hinter diesem Paravent bestenfalls zu ewigen Geheimtipps mit treuen Lesergemeinden, gelangten aber nicht ins Bewusstsein der lesenden Öffentlichkeit, in die des Auslandes schon gar nicht. Und dies Schicksal hat eben nicht nur Wolf von Niebelschütz, Vigoleis Thelen, Ernst Kreuder oder Fritz von Herzmanovsky-Orlando getroffen, sondern auch einen ganz Großen, einen Romancier der ersten Reihe, dem die Stars der Gruppe 47 jedenfalls niemandem zur Seite hätte stellen können, den 1966 gestorbenen Heimito von Doderer.
Die große Palette des Gegenwartsexpressionismus
Es ist ohne Zweifel für die deutsche Romanliteratur der Gegenwart ein großer Schaden gewesen, dass Doderers Leistungen nicht genügend rezipiert wurden und als einzige Referenz für den großen epischen Roman immer nur in die Richtung von Thomas Mann geschaut wurde - in Abwehr und Bewunderung, der in seiner eigenen Einschätzung ein „Letzter“ seines Faches war, was über Doderer wahrhaftig nicht gesagt werden könnte; hier sind dem Roman Fenster geöffnet worden, von deren Vorhandensein man bis dahin nichts wusste. Dennoch darf man sich die Epoche der Gruppe 47 nicht als eine Zeit des poetischen Mangels vorstellen: Wem die Kost nicht mundete, die sie auftischte, fand rechts und links von ihr - bei dem Rechts-Anarchen Ernst Jünger und dem Links-Anarchen Arno Schmidt die Tische reich gedeckt.
Es war ein Roman, der gewiss nicht zur großen Literatur zählte, dessen Erscheinen das Ende der Herrschaft der Gruppe 47 einläutete, das immens erfolgreiche „Parfum“ des Patrick Süskind, das zeigte, dass im lesenden Publikum in den Zeiten der politisch und ästhetisch verantwortungsvollen Erziehung ein Heißhunger auf muntere, bunte, phantastische, reiche Erzählwelten entstanden war. Den hatte man bis dahin nur in der nord-, vor allem aber südamerikanischen und englischen Literatur befriedigen können, jetzt gab es das unversehrt auch auf Deutsch. Es ist nicht so selten in der Literaturgeschichte, dass Bücher zweiten Ranges eine neue Epoche einläuten. Seitdem ist die Landschaft der deutschsprachigen Romanliteratur erheblich schwieriger darstellbar geworden, einfache, leicht einprägsame Gegensätze und Lager, die sich bekriegen, gibt es nicht mehr, die Fülle der Erscheinungen ist groß, es gibt viele ausgeprägte Persönlichkeiten, es gibt keine kollektive Bewegung, dafür aber ein Weiterschreiten in verschiedenen erstaunlich stabilen Traditionslinien.
Hierhin gehört ein Wiederaufleben, eine neue Verkörperung eines alten deutschen Phänomens: des Expressionismus, der sich seit Luther und dem Nürnberger Manierismus als fester Strang in den deutschen Künsten durchsetzt. Im Geständnis- und Authentizitäts-Expressionismus wird auch ein Pathos wieder möglich, das lange ganz verschwunden war, wenngleich weniger als Ausdruck leidenschaftlicher Lebenssteigerung denn als Heftigkeit der Desillusionierung. Dass der Expressionismus zu den deutschen Nationalbesonderheiten gehört, erweist sich auch daran, dass jede neue expressionistische Generation ohne Erinnerung an die vorhergegangen auskommt und ihren Stil als originären Ausbruch erlebt. Die Palette des Gegenwartsexpressionismus ist groß: zwischen Depression und Vitalismus, zwischen Reinhard Jirgl, Josef Winkler und Rainald Goetz ist wahrlich genügend Spielraum.
Von der philosophischen Parabel bis ins ländlich Archaisierende
Ein zweiter Traditionsstrang, dem ersten denkbar entgegengesetzt, steht in der Jean-Paul-Nachfolge - man könnte auch von Hamann-Nachfolge sprechen: eine romantisch irisierende Kunstprosa, in Details und Miniaturen exzellierend, die Erzählung mit ironisch philosophierender und philosophieunterlaufender Reflexion verflechtend - auch hier öffnet sich zwischen Brigitte Kronauer, Sibylle Lewitscharoff und Eckhard Henscheid ein weites Feld.
Die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so fruchtbare Johann-Peter Hebel-Nachfolge eines schein-naiven Erzählens im Bibel- und Kalender-Ton hatte einen bedeutenden Repräsentanten in dem verstorbenen W. G. Sebald. Das ehrwürdige, geradezu klassische Genre der Jugenderinnerungen, dieses Erzählstoffs schlechthin, wird gründlich gerade auch von den jüngeren Schriftstellern bearbeitet. Die erst jüngst vergangene DDR-Epoche bietet dafür besondere, gleichsam exotische Reize. Uwe Tellkamp und Ingo Schultze, aus der ihnen vorangehenden Generation Ulla Hahn und Walter Kempowski schöpfen mit vielen anderen aus diesem Stoff.
Auch die gewichtige deutsche Tradition der philosophischen Parabel, der gedankentiefen symbolischen Erzählung, wie Goethe und Novalis sie gestiftet haben, hat ihre Vertreter, Peter Handke und Botho Strauss an der Spitze. Die in Österreich geschriebene deutschsprachige Prosa bleibt vielfach ihrer kolloquialen, bis ins ländlich Archaisierende gehenden Tradition treu, die von barocken Formalismen bis zum Volkstheater-Ton reichen kann; die Extreme bezeichnen hier Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard. Auch das in der theoretischen Diskussion oft in Frage gestellte Genre des historischen Romans hat seit längerem anspruchsvolle Vertreter, der unvergessene Gert Hoffmann mag hier für realistische, Christoph Ransmayr für die expressionistische Spielart dieser Gattung stehen.
Unübersichtlichkeit als wichtigste Eigenschaft
Zu den Besonderheiten der älteren Schriftsteller der DDR gehört eine größere stilistische Geschliffenheit, eine Ausbildung an den großen Vorbildern der Weimarer Klassik und der Romantik. Die Prosa von Peter Hacks, Volker Braun und Günther de Bruyn steht für eine kunstvolle Fortentwicklung sehr unterschiedlicher Traditionslinien; fast möchte man dies Phänomen als Bestätigung der zynischen Weisheit nehmen: „Die Zensur verfeinert den Stil.“ Wer die Landkarte der deutschen Literatur mit Fähnchen abstecken wollte, könnte die Umrisse mit den erwähnten Namen bezeichnen, dazwischen müsste man nach der flüchtigen Substanz jagen, die diesen Herrschaften gemeinsam ist, dann wäre man der Essenz der deutschen Gegenwartsliteratur schon näher gekommen.
Eine überraschende Beobachtung sei noch erwähnt. Viele der namhaften neueren Autoren schreiben aus einer dezidiert religiösen Lebenshaltung heraus - sei sie christlich oder muslimisch; hier seien, um es deutlicher zu machen, ein paar mehr Namen genannt: Andreas Maier, Felicitas Hoppe, Thomas Hettche, Thomas Meinecke, Ralf Rothmann, Burkhard Spinnen, Navid Kermani, Feridun Zaimoglu, von den bereits in anderem Zusammenhang erwähnten Sibylle Lewitscharoff, Botho Strauss und Peter Handke nicht zu schweigen. Aber anders als bei den vielen christlichen Schriftstellern der Nachkriegsjahrzehnte gibt es hier keine Ostentation, und schon gar nicht so etwas wie den „katholischen Roman“, die Religion bildet einfach den selbstverständlichen Lebenshintergrund dieser Autoren, wird häufig nicht eigens thematisiert, aber eben auch keineswegs verborgen.
Angesichts der Vielgestaltigkeit der deutschsprachigen Romanliteratur unserer Tage ist dieser knappe Abriss freilich mehr als unbefriedigend - die Unübersichtlichkeit, der ich mit ein paar Orientierungslinien habe beizukommen versucht, ist ihre wichtigste Eigenschaft. Wer wagt es gar, den einen Autor zu benennen, der für sein Land und für seine Kultur im Sinne eines Thomas Mannschen Repräsentantentums zu sprechen imstande wäre? Aber vielleicht entspricht diese Vielgestaltigkeit der Natur unseres Landes und Kulturraumes, der von jeher in viel stärkerem Maße durch Gemeinsamkeiten als durch Brüche und Gräben gekennzeichnet ist.
Ein besonders schoener und ueberzeugender Beitrag
michael roloff (mikerol)
- 22.09.2011, 04:38 Uhr
Martin Mosebach ist nicht nur ein ...
Peter Zentner (Caterwaul)
- 21.09.2011, 20:47 Uhr