08.08.2004 · „Wenn F.A.Z., "Süddeutsche Zeitung", "Spiegel", "Welt" und "Bild" einer Meinung sind, dann muß es ein wirklich übergeordnetes Interesse geben. Es geht um die deutsche Sprache“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner.
Der Spiegel-Verlag, die Axel Springer AG und die „Süddeutsche Zeitung“ haben beschlossen zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner.
Zeitungen und Verlage unterschiedlicher politischer Richtungen schließen sich zusammen, um eine Reform zu Fall zu bringen. Ist das, was wir gerade erleben eine Rebellion?
Wenn F.A.Z., "Süddeutsche Zeitung", "Spiegel", "Welt" und "Bild" einer Meinung sind, dann muß es ein wirklich übergeordnetes Interesse geben. Das ist hier der Fall. Es geht um die deutsche Sprache. Die Rechtschreibreform war von Anfang an mißglückt. Nach fünf Jahren Erprobung gibt es Menschen, die nach alter Rechtschreibung schreiben, Kinder, die die reformierte Rechtschreibung lernen, Verlage, die ihre eigene Version der Reform umgesetzt haben, und seit einiger Zeit gibt es noch eine überarbeitete Form der Reform. Das Ergebnis ist Chaos. Die Schreib- und Lesefähigkeit der jungen Generation nimmt nachweislich ab. Wenn auf diese Entwicklung die Politik, die das ganze Unheil in Gang gesetzt hat, nicht reagiert, müssen die Hauptbetroffenen, die Verlage, handeln.
Müssen die Mächtigen zittern?
Es geht nicht um zittern, es geht um die Souveränität, einen Fehler zu korrigieren. Wenn wir ehrlich sind, ist es doch so, daß man sich heute weniger schämen muß, falsch zu schreiben. Das perfekte Alibi ist die Rechtschreibreform. Weil keiner genau überblickt, was nun gilt, schreibt jeder, wie er will. Deshalb brauchen wir schnellstmöglich eine neue Verbindlichkeit: die klassische Rechtschreibung. Von dieser Basis aus kann sich Sprache dann wie auch in den vergangenen Jahrzehnten entwickeln und verändern, und sinnvolle Anpassungen der Rechtschreibung können schrittweise vollzogen werden. Unser Vorstoß ist ein Appell zur Umkehr, und wir hoffen, daß dem möglichst schnell möglichst viele folgen. Es geht hier nicht darum, recht zu haben, sondern etwas Sinnvolles zu erreichen.
Machen sich die Zeitungen damit nicht selbst zum Handelnden? Müßten sie sich nicht darauf beschränken, Berichterstatter zu sein?
Hier sind wir nicht nur Berichterstatter, sondern Hauptbetroffene. Das geschriebene Wort, die deutsche Sprache, ist unsere Geschäftsgrundlage. Wer schlecht schreibt, wird schlecht lesen. Das kann uns nicht egal sein.
Welche Rolle spielt die "Bild"-Zeitung in dem nun offen geführten Kampf gegen die "Schlechtschreibreform"? Sie macht ja seit einer Woche eine Kampagne.
Zu den Plänen der "Bild"-Zeitung müssen Sie ihren Chefredakteur Kai Diekmann befragen. Interessant ist nur, daß, wenn "Bild" eine Meinung hat, es immer gleich als Kampagne bezeichnet wird. Aber ich glaube, wir sind gut beraten, das als Kompliment zu empfinden. "Bild" erreicht mehr als zwölf Millionen Leser und prägt die öffentliche Meinung mehr als jede andere Zeitung. Also kommt ihr auch im Falle der deutschen Rechtschreibung eine besondere Verantwortung zu. "Bild" hat Millionen Menschen zum Lesen gebracht, die früher nie eine Zeitung in die Hand genommen haben.
Die Tageszeitung "Die Welt" war immer besonders negativ gegen die Rechtschreibreform eingestellt. Sie selbst schrieben damals als Chefredakteur mehrere kritische Leitartikel und erklärten am Tag der Einführung, am 1. August 1998: "Die ,Welt' wird so lange wie irgend möglich bei der alten Rechtschreibung bleiben. Die Rechtschreibreform wird sich nicht durchsetzen." Ein Jahr später setzte der Verlag doch die Reform um. Warum?
Der Verlag kam damals zu dem Ergebnis, daß Axel Springer im Sinne der verbindlichen Rechtschreibung der Reform eine Chance geben sollte. Aus heutiger Sicht war das ein Fehler. Deswegen korrigieren wir ihn jetzt.
Woher nehmen Sie die Sicherheit, zu glauben, die Rückkehr zur alten Rechtschreibung sei der Wille des Volkes?
Darum geht es gar nicht. Wenn man Führungsverantwortung hat, sollte man das tun, was man nach bestem Wissen und Gewissen für das langfristig Richtige hält. Wenn eine Mehrheit das für falsch hält, muß man versuchen, die Menschen zu überzeugen. Wenn eine Mehrheit das für richtig hält, um so schöner. Bei der Rechtschreibreform ist nach allen vorliegenden Umfragen eine klare Mehrheit für eine schnelle Korrektur.
Was haben Sie damals gedacht, als die "F.A.Z." zur alten Rechtschreibung zurückkehrte?
Ich habe sie beneidet und bewundert.
Warum muß in Deutschland immer alles gleich grundsätzlich diskutiert werden?
Das weiß ich auch nicht. Deshalb haben wir auch nicht lange grundsätzlich diskutiert, sondern sehr konkret gehandelt.
Warum spricht man nicht differenziert über Stärken und Schwächen der Reform?
Das wird seit zehn Jahren getan. Das Ergebnis kennen Sie. Die Leidtragenden sind die Kinder in der Schule. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die Korrektur kommt spät, aber nicht zu spät.
Wie wird es weitergehen?
In Deutschland ist die Haltung verbreitet: Ich mach' das nur, wenn alle es tun. Jeder Verlag, der sich dieser Initiative anschließt, beschleunigt die ohnehin unaufhaltsame Entwicklung und erweist damit der deutschen Sprache einen Dienst. Die Politik wird unter dem Eindruck dieser Ereignisse die laufende Diskussion über eine Umkehr beschleunigen. Am Ende wird eine Lösung stehen, bei der einige wenige sinnvolle Änderungen übernommen werden und ansonsten wieder die klassische, bewährte Rechtschreibung gilt. Sollte die Politik auf ihrer Regulierungsmacht beharren, dann bieten wir zumindest unseren Lesern die Chance, die Schreibweise zu lesen, in der fast neunzig Prozent der deutschsprachigen Literatur vorliegt und in der nicht nur Thomas Mann und Theodor Fontane, sondern auch Grass, Walser und Enzensberger schrieben und weiter schreiben werden.
Ist das jetzt das Ende der Reform?
Die Reform war schon vorher gescheitert. Jetzt wird es nur etwas schneller offenkundig.