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Reaktionen zum Tod Reich-Ranickis Der Unerschrockene

Die Begeisterung seiner Leser war seine gefährlichste Waffe - er setzte sie ein für die Literatur, die er liebte. Erste Reaktionen auf den Tod von Marcel Reich-Ranicki.

© Frank Röth Vergrößern Marcel Reich-Ranicki 1999 bei einem Spaziergang zu den Orten seiner Kindheit und Jugend in Berlin

Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen. Mit Marcel Reich-Ranicki verliert die deutsche Literatur ihren leidenschaftlichsten Streiter und ihren entschiedensten Anwalt.“

Joachim Gauck

* * *

„Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie.Ich werde diesen leidenschaftlichen und brillanten Mann vermissen.“

Angela Merkel

* * *

„Er war der Sohn eines gescheiterten Vaters. Das hatte er mit Heine gemeinsam. So auch die Unerschrockenheit, den Witz und eine versteckte Trauer. Hätte er den Verlust der Geborgenheit in der Familie nicht so früh schon bestehen müssen, wäre er der späteren Verfolgung vielleicht nicht gewachsen gewesen. Bei Heine und Börne lernte er, wie man mächtig werden kann durch das Wort. Das wollte er, und er wurde es. Die Begeisterung seiner Leser war seine gefährlichste Waffe. Er brauchte sie zu seinem Schutz, weil er der Geschichte nicht traute, und er setzte sie ein zur Verherrlichung jener Literatur, die er liebte. Es war nicht die ganze, aber doch ein weites Feld.“

Peter von Matt

Der Germanist Peter von Matt, geboren 1937, veröffentlichte zuletzt „Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz“.

* * *

„Mit dem Tod von Marcel Reich-Ranicki verliert die halb mythische Region mit dem Namen Mitteleuropa viel von ihrer kulturellen Identität. Nicht nur ein großer Kritiker der Literatur in mehreren Sprachen ist gestorben. Mit ihm verschwindet die Rolle, die er gespielt hat, aus der Welt, die Rolle des gefürchteten und verehrten Richters des literarischen Geschmacks in der der deutschsprachigen Welt. Es gab einen Stammbaum, der Reich-Ranicki über die Jahrzehnte mit Karl Kraus verband.

Diese Dynastie ist nun ausgestorben. Sein Typus der Kritik, gelehrt, aber leidenschaftlich, genoss eine Autorität, wie sie in der englischsprachigen Welt seit dem Tod von F. R. Leavis und Edmund Wilson selten geworden ist. Seine Urteile konnte er mit einer zerstörerischen Schärfe abgeben, die in Großbritannien oder Amerika undenkbar wäre.

Was er für Verlogenheit hielt (wie in seiner unfairen Behandlung von Günter Grass), wollte er nicht tolerieren, aber einfühlsam ging er mit Integrität unter Belastungen um (er liebte die komplizierte Lyrik von Julian Tuwim). Vielleicht war seine größte Leistung dies: dass ein polnischer Jude, der das Warschauer Ghetto überlebt hatte, sein Engagement für die deutsche Kultur natürlich und unvermeidlich aussehen ließ.“

Neil Ascherson

Neil Ascherson, 1932 in Edinburgh geboren, ein Schüler des Historikers Eric Hobsbawm, war Mitteleuropakorrespondent der englischen Wochenzeitung „The Observer“ mit Sitz in Bonn. Der Autor mehrerer Bücher zur osteuropäischen und insbesondere polnischen Geschichte rezensierte 2002 die englische Übersetzung von „Mein Leben“ in der „New York Review of Books“.

* * *

„Arbeiten Sie? war immer die erste Frage, eher ein Befehl, die er am Telefon stellte. Nicht wie geht es Ihnen,( später Dir)? Wie geht es Klaus? Arbeiten, Schreiben: das zählte für ihn. Nur eines war noch wichtiger: Kopf hoch! Für so manches Kopf hoch war und bin ich Marcel Reich-Ranicki dankbar.

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Veröffentlicht: 18.09.2013, 17:14 Uhr