03.12.2004 · Die Zigarette ist die Geliebte des Rauchers: Sie ist stets verfügbar und verläßt ihn nie. Die Schriftstellerin Cristina Peri Rossi erzählt von Lust und Leid des Rauchens - und wie sie schließlich davon loskam.
Von Michael AdrianDie besten Zigarettenbücher werden von Exrauchern geschrieben, oder sie entstehen als Klagelied derer, die das Leben vor die Entscheidung gestellt hat, weiter zu leben oder weiter zu rauchen. Mindestens seit Italo Svevos fumo-analytischem Jahrhundertroman „Zenos Gewissen“ gilt diese Formel, die dessen Held und Erzähler, Zeno Cosini, freilich sogleich dekonstruiert hat - denn für ihn sind Leben und Rauchen eins.
Aufhören kann er erst, als es ihm gelingt, die gedankliche Verschlingung von schädlichem Laster und erstrebenswerter Gesundheit zu lösen und damit deren ewigen Widerstreit zu beenden, der das Rauchen ebenso bedingt wie den Kampf dagegen, den die wohlmeinende Welt der ahnungslosen Nichtraucher führt. Zeno raucht, weil er gesund ist, sein Rauchen ist Ausdruck eines gesunden Lebens - als er das begreift, verliert die Zigarette ihren Witz.
Eine Elegie auf die Zigarette
Auch die besten Zigaretten-Sachbücher und zigarettophilen Philosophien sind elegischer Natur. Wie aber kann man einem so ephemeren Ding wie der Zigarette, deren Wesen es ist, eine von vielen zu sein, also keines zu haben, eine Elegie widmen? Löst sie sich nicht in Rauch auf, wenn man ihrer habhaft werden will? Sind nicht die Schadstoffe, die ihn zugrunde richten, das einzige, was dem Rauchenden von einer Zigarette bleibt? Dies ist die Grundfrage des Genres, an der auch Cristina Peri Rossis sehr persönlicher Essay über das „Leben mit einer verführerischen Geliebten“ seine Form findet.
Auf vierzig Jahre Rauchen, die dauerhafteste Liebe ihres Lebens, blickt die Autorin zurück - und auf den weltweiten Siegeszug der Zigarette, jenes globalsten aller globalen Produkte, welches die Moderne hervorgebracht hat. Doch merkt man ihren kulturgeschichtlichen Streifzügen an, daß Peri Rossi (dieses Jahr mit dem Premio Alberti, dem bedeutendsten spanischen Lyrikpreis, ausgezeichnet) Lyrikerin und Romanautorin ist - es drängt sie zum Erzählen.
Das einsame Gespräch mit der letzten Zigarette
Sie inhaliert nicht tief
Wenn sie die traditionellen Stationen abwandert, aus denen die Geschichte des blauen Dunstes besteht, seit Christoph Kolumbus 1492 auch den Tabak „entdeckte“, dann inhaliert sie die Historie selten wirklich tief. Gewiß, wer diese Dinge noch nicht weiß, der wird sich gerne berichten lassen, welche Bedeutung die europäischen Zigarettenfabriken für die Entstehung einer weiblichen Arbeiterschaft hatten.
Die 1770 nach vierzigjähriger Bauzeit eröffnete berühmte Real Fábrica de Tabacos de Sevilla beschäftigte zunächst nur Männer; 1886 arbeiteten hier 6600 Frauen. Daß diese rein weiblichen Fabrikgemeinschaften in den im Sommer unerträglich heißen Hallen viele Hüllen fallen ließen, wurde immer wieder berichtet; ein Umstand, der den romantischen Zigeunermythos der lasziven und autonomen Cigarrera beflügelte, den Prosper Merimée mit seiner Novelle und George Bizet mit seiner Oper „Carmen“ unsterblich machten.
Weibliche Autonomie durchs Rauchen
Viel enger aber führt die Autorin Zigarettendunst und weibliche Autonomie in den autobiographischen Passagen ihres Buchs. Sie, die 1941 in Montevideo geboren wurde, entstammt einer Generation, in der weibliches Rauchen alles andere als selbstverständlich war. Peri Rossi beschreibt, wie sie im Alter von zehn Jahren durch die Glaswand einer Café-Bar eine Frau sieht: Alleine, mit einer Hose statt einem Rock bekleidet, trank die Unbekannte Kaffee und rauchte. Das Bild der Autonomie dieser Frau brannte sich dem jungen Mädchen ein, und es verband sich unauflöslich mit der Zigarette. Sie wollte einmal sein wie diese Frau. „Männer rauchen, um Männer zu werden, und Frauen auch.“ Das würde in den folgenden Jahrzehnten viele politische Kämpfe erfordern - und viele Zigaretten.
Besteht mehr als ein historisch gewachsener, besteht ein wesentlicher Zusammenhang zwischen Autonomie und Zigarette? Peri Rossi stellt diese Frage nicht direkt, doch legen sie die vielen einprägsamen und eindringlichen Beschreibungen des Rauchens nahe, die ihr mäandernder Essay enthält. Wer leidenschaftlich raucht, raucht immer, zu jedem Anlaß, in jeder Situation. Die Zigarette wird zum Begleiter des ganzen Lebens, prägt sich ihm tief ein - und doch vermittelt sie zugleich den Eindruck, zu Gebote zu stehen, um (wenigstens für jenen entscheidenden Hauch) über die Welt zu gebieten. Der Raucher weiß, daß er abhängig ist (er wünscht nichts anderes: er liebt), doch erfährt er zugleich die Freiheit, zur Zigarette greifen zu können, wann immer er will. Diese Geliebte wird nicht gehen, wird ihre Bindung an ihn nicht lösen. Und zugleich läßt sich mit ihr eine Wand aus Rauch vor die Zumutungen der Welt stellen. So ist der Raucher nie ganz allein und nie ganz ohne Ressourcen.
Ein schlimmer Kampf
Als die Autorin aufzuhören beginnt - ein schwieriger, ein schlimmer Kampf: Kein Nichtraucher kann ihn ermessen, der die Aussicht nicht kennt, sich um seines Lebens willen in eine (länger) lebende Tote zu verwandeln -, greift sie zunächst zu einem Ratgeber. Der empfiehlt, vorläufig alle Aktivitäten einzustellen, die stark mit dem Rauchen assoziiert sind. Machen Sie eine Liste! Peri Rossi mustert lieber durch, was für sie nicht stark mit dem Genuß einer Zigarette verbunden ist: aufs Land ziehen. Sterben. Bei nochmaliger Betrachtung entfällt Position eins.
Wie also schafft es jemand, aufzuhören, der später vielleicht nicht nur kokett über sich sagt: „Ich mußte mich zwischen der Zigarette und dem Leben entscheiden, aber oft denke ich, ich habe einen Fehler gemacht“? Peri Rossis Ringen währt fast ein Jahr, am Ende, so scheint es, erschöpft sich der Kampf: Mit schlechtem Gewissen rauchen kann sie nicht, denn Rauchen ist ein Ausdruck von Freiheit und Tapferkeit. Andererseits wären all die tausend beschämenden Niederlagen vergebens gewesen, wenn sie mit dem Aufhören aufhörte. Also hört sie auf.
Was bleibt, wenn man nicht raucht
Und macht in gewisser ironischer Weise das, was der Ratgeber riet: schreibt auf, was von einer Welt bleibt, in der man nicht mehr raucht. Viele schöne Beobachtungen finden sich in ihrem langen Abschiednehmen: über die genußvollste, tief inhalierte Zigarette nach dem Liebesakt (und die vielsagende Frage, ob der Geliebte die Zigarette weiterreicht, nachdem er den ersten Zug gemacht hat, oder für sich raucht und so das Band zwischen beiden trennt). Über Psychoanalytiker („Alle Psychoanalytiker, die ich kenne, rauchen und machen keine Anstalten, damit aufzuhören. Sie rauchen ohne Gewissensbisse, ohne Schuldgefühl.“).
Und obwohl sie weiß, daß Raucher und Nichtraucher in unterschiedlichen, unvereinbaren Welten leben, sucht die Autorin doch - wie alle großen Raucher - nach jener Formulierung, die die paradoxe Welt des Rauchers auf den Punkt bringt und vielleicht ja doch auch dem Nichtraucher verständlich macht. Als müßte man die Zigarette zu jenem Gedanken steigern, der in ihrem permanenten Verrauchen liegt.
Die Einsamkeit des Exrauchers
Cristina Peri Rossis Buch scheint so auch deshalb ein Bestandteil ihres trotzigen Entzugs, weil es hilft, eine sehr bestimmte Verzweiflung zu vermeiden: die Einsamkeit des Exrauchers, der in einer Welt leben muß, in der die Nichtraucher glauben, recht behalten zu haben. Auch Nichtrauchen ist nur eine Idee, sagt da der Raucher, letzter Ausdruck seiner chimärischen Autonomie, bevor er seine letzte Kippe ausdrückt.
Und natürlich muß er auch diese letzte Fremdbestimmung überwinden, die in seiner Fixierung auf die Welt des Nichtrauchers liegt: Lust und Leid des Rauchens sind zu persönlich, um in Grundsatzkämpfen verschlissen zu werden. Deshalb auch ist jede Geschichte des Rauchens die Geschichte eines rauchenden Subjekts, ein Zwiegespräch mit der Zigarette, die den Raucher zum Subjekt gemacht hat. Nichts, sagt die Autorin, bringt sie so auf die Palme wie ein reumütiger, das heißt undankbarer Süchtiger.
Gibt es Hoffnung für das Leben danach? Natürlich ist da jener Trost, den Mario Vargas Llosa so formuliert: „Es war ausgesprochen unterhaltsam zu entdecken, daß es verschiedene Gerüche im Leben gibt und vor allem auch einen Geschmackssinn.“ Aber was bedeutet schon ein sinnlicher Ersatz für einen übersinnlichen Verlust? Schenken Sie dieses schöne Buch also einem Raucher, schenken Sie es einem Nichtraucher, aber schauen Sie ihn sich dreimal an, bevor Sie es einem Exraucher schenken.