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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Ralph Dutli Der Tod im Ei: „Der unsterbliche Koschtschej“

 ·  Nur wer den Tod im Ei - der Urzelle des Lebens - aufgespürt hat, lacht zuletzt am besten: Das russische Zaubermärchen „Der unsterbliche Koschtschej“.

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Im russischen Märchen ist nur der Dumme klug, und nur der Spätaufsteher kommt rechtzeitig an. Und wer die Unsterblichkeit schon im Namen trägt, muß schlußendlich dran glauben. Der böse Zauberer Koschtschej ist das männliche Gegenstück zur Hexe Baba-Jaga.

In „Der unsterbliche Koschtschej“ hat der Zauberer Iwan-Zarewitschs Mutter entführt. Auch seine beiden älteren Brüder machen sich auf die Suche, doch nur der Jüngste findet den Weg. Die Mutter versteckt ihren Sohn und fragt den heimgekehrten Koschtschej mit scheinheiliger Zärtlichkeit: „Wo ist eigentlich dein Tod, unsterblicher Kosch?“

Der Zauberer plappert unvorsichtigerweise drauflos: Sein Tod sei unter einer Eiche, in einer Truhe, darin sei ein Hase, und im Hasen eine Ente, und in der Ente ein Ei. „In dem Ei ist mein Tod.“ Iwan-Zarewitsch macht sich „auf die Suche nach dem Tod des unsterblichen Kosch“. Natürlich ist er hungrig, will einmal ein Wolfsjunges verspeisen, dann eine Krähe, dann einen jungen Hecht. Doch deren Eltern flehen allesamt: „Verschone mein Kind! Ich werde dir einmal von Nutzen sein.“ Worauf man Gift nehmen kann.

Charmanter Hecht

Charmant ist vor allem der Hecht, denn als Iwan-Zarewitsch übers Meer muß, legt er sich brückengleich übers Wasser. Iwan-Zarewitsch findet - auf Umwegen, versteht sich - das Ei, zeigt es dem Zauberer und sagt: „Hier, unsterblicher Kosch, ist dein Tod!“ Iwan zerquetscht das Ei in seiner Hand, und der unsterbliche Koschtschej tut, was alle einmal tun müssen.

Jedes Happy-End im Märchen braucht dringend eine Heirat. Da Iwan nicht seine Mutter heiraten kann, hat er unterwegs auch eine - ebenfalls von Koschtschej entführte - Zarentochter befreit. Die will ihm sein älterer Bruder zwar abspenstig machen. Aber nur der Jüngste kommt ans Ziel. Nur wer den Tod im Ei - der Urzelle des Lebens - aufgespürt hat, lacht zuletzt am besten.

Von Ralph Dutli, geboren 1954, erschienen zuletzt der Gedichtband „Novalis im Weinberg“ und die von ihm herausgegebene Joseph-Brodsky-Auswahl „Brief in die Oase - Hundert Gedichte“. „Der unsterbliche Koschtschej“ haust im Reclam-Bändchen Nr. 18263, „Russische Zaubermärchen“, herausgegeben von Martin Schneider, erhältlich für 5,40 Euro.

Quelle: F.A.Z., 08.03.2006, Nr. 57 / Seite 41
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