Es war ziemlich heiß am vergangenen Mittwoch, bestimmt fast dreißig Grad, als der Schriftsteller Rainald Goetz sich im Büro der Pressechefin des Suhrkamp-Verlags, in einer Zimmerecke hockend, ausgerechnet unter einer schwarzen Kunstfelldecke versteckte, bis alle da waren, Goetz endlich aus der Deckung kam und denen, die gekommen waren, zurief: „Freude heißt dieser Tag!“ Doch war es natürlich nicht einfach ein Moment der Freude. Es war zugleich ein riskanter, ein heikler, ein angstbesetzter Moment.
Rainald Goetz hatte Journalisten in den Verlag eingeladen, um ihnen ein erstes Exemplar seines im September erscheinenden Romans „Johann Holtrop“ zu überreichen, was völlig unüblich ist. Literaturkritiker kriegen ihre Presseexemplare per Post. Sie bekommen sehr viele davon, täglich, kommentarlos. Von da an können Autoren sich nicht mehr sicher sein, ob und wie ihr Buch ankommt, in welcher Weise es überhaupt Beachtung findet.
Kritiker wollen von Goetz geliebt werden
Indem er seine Kritiker zur Buchübergabe einlud, sollten diese sicher nicht gezwungen werden, sich dem Autor zu unterwerfen, wie manche gleich paranoid vermuteten. Vielmehr ging es, in einer Mischung aus Selbstfeier, Feier der Materialität des Buchs und Kritikerlektion, darum, den Routinevorgang zu unterbrechen, an die „allerbasicsten Gefühle von Respekt für die Arbeit der anderen“ zu appellieren.
Dass viele von denen, die Goetz im Laufe der vergangenen Jahre in seinen Texten oder im wirklichen Leben schwer beleidigt oder beschimpft hat, schwitzend und ein bisschen verspannt auch hier in der Hitze standen und Gefahr liefen, sich gleich wieder beschimpfen zu lassen, war natürlich deren Sache, scheint aber eine besondere Ausprägung des Kritikermasochismus gegenüber dem bis zur Selbstaufgabe verehrten Autor zu sein. Man denkt ja immer, Schriftsteller wollten von Kritikern geliebt werden. Im Fall Rainald Goetz ist das umgekehrt. Da wollen die Kritiker von Rainald Goetz geliebt werden, ganz so, als wäre dessen Wertschätzung der Ritterschlag, jede Geste der Zuwendung eine Art Rainald-Goetz-Superkritikerpreis.
„Das Buch hat keine Eile“
Goetz war gut gelaunt, euphorisch und höflich. Er versicherte aber auch: „An Hass und Verachtung fehlt es nicht.“ Selbstverständlich könnte er jetzt über einzelne Kritiker abkotzen, die immerzu begeistert sein und den Autor am liebsten bei der Suppe porträtieren wollen, anstatt sich das Buch anzusehen, ein Argument zu entwickeln und es einfach zu besprechen. Er sparte sich das, breitete mit einem energischen Verweis auf das Erscheinungsdatum aber noch aus, wie ausgesprochen lächerlich der Kritikerehrgeiz sei, gleich aus dem Raum rauszulaufen und möglichst der Erste sein zu wollen, der in seiner Zeitung oder seinem Magazin über den Roman schreibt, schneller als alle anderen Kollegen: „Das Buch hat keine Eile, es ist keine Nachricht, kein Event.“
Was es für einen Autor heißt, ein neu geschriebenes Buch erstmals selbst in den Händen zu halten und es dann aus der Hand zu geben, das führte er an diesem Nachmittag mit seinem kleinen Auftritt vor, den er mit den Weiheworten „Geht hin und schreibet“ beschloss, ganz so, als wäre es immerhin möglich, dass das Buch sein für uns hingegebener Leib sein könnte.
Er habe, erzählte er, eigentlich fest vorgehabt, nach Regensburg in die Druckerei Friedrich Pustet zu reisen, in der die ersten Exemplare hergestellt worden seien. Nur sei ihm das dann so vorgekommen, zu seiner eigenen Exekution anzureisen. Also blieb er in Berlin, sicherte sich aber das allererste Exemplar: Stimmt alles? Ist es so geworden, wie wir es uns vorgestellt haben? Es sieht gut aus. Jetzt wird gelesen - mit den „allerbasicsten Gefühlen“.
Wers noetig hat
Harry Pastorius (ookk)
- 05.08.2012, 12:06 Uhr
Banal aber wirksam
Eckart Härter (Leser3000)
- 05.08.2012, 09:48 Uhr