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Literaturautomaten : Quellcode der Bücher

  • -Aktualisiert am

Entsteht hier gerade Literatur? Bild: dpa

Es gibt Computer, die Texte verfassen: Meldungen oder Quartalsberichte werden bereits von Roboterjournalisten generiert. Doch wo sind die Grenzen der künstlichen Autoren? Werden Maschinen bald Romane verfassen?

          Jedes Jahr im November findet in Amerika der National Novel Writing Month statt, ein Ereignis, zu dem aufstrebende Autoren Romane im Umfang von 50 000 Wörtern einreichen. Eine Jury bewertet die Texte und kürt einen Sieger. Angelehnt an diesen Wettbewerb, rief der Internetkünstler Darius Kazemi eine Veranstaltung ins Leben, bei der es nicht darum geht, selbst Romane zu verfassen, sondern eine Software zu programmieren, die dies tut - der Computer wird Buchautor. NaNoGenMo nennt sich der Wettbewerb, ein Akronym für National Novel Generation Month.

          Der Initiator Kazemi ist bekannt als Botmeister. Er bastelt Programme, die das Internet nach Texten und Bildern durchforsten und diese, neu kombiniert oder verfremdet, auf Twitter oder Tumblr wieder ausspucken. Via Twitter lud er zu seinem neuerlichen geistigen Austausch. Geht das, Romane von Computern schreiben zu lassen?

          Nick Monfort, Professor für digitale Medien am Massachusetts Institute of Technology bei Boston, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Es gibt verschiedene Wege, textgenerierende Computerprogramme zu schreiben. Einfache kombinieren Wörter durch Zufall. Komplexere Programme können verschiedene Schritte des kreativen Prozesses modellieren.“ Montfort schrieb für den letztjährigen NaNoGenMo einen Quellcode in der Programmiersprache Python, der einen Roman mit dem Titel „World Clock“ generierte. In ein paar Stunden war das Buch von 256 Seiten fertig. Es erschien wenig später im Harvard Book Store. Der Roman beginnt mit den Worten: „Es ist jetzt exakt 5 Uhr in Samarkand. In einem baufälligen Haus liest eine Person, die Gang heißt und etwas klein geraten ist, ein Kunstwort auf einer Box mit Frühstückszerealien.“

          Der Schaffensprozess ist kryptisch

          Die Passage ist gewiss nicht ohne Selbstironie, und ihr Telegrammstil zieht sich wie ein roter Faden durch den Plot. „Es ist jetzt genau 1.09 Uhr in Madrid . . .“ Der Text präsentiert Handlungsfetzen an verschiedenen Orten der Welt. Eine kohärente Handlung entwickelt sich dabei nicht, der Text bleibt fragmenthaft.

          Trotzdem sind die Beiträge aus den Federn künstlicher Intelligenz erstaunlich kreativ. Michelle Fullwood programmierte Jane Austens „Pride and Prejudice“ (Stolz und Vorurteil) in „TwideandTwejudice“. Jeder Dialog wurde zu einem Wort gemacht, das in diesem Zusammenhang auf Twitter verwendet wurde. Das Ergebnis ist herrlich absurd. Zum Beispiel sagt Mr. Bennett zu Mrs. Bennett, dass viele reiche junge Männer in die Stadt ziehen, damit ihre Töchter dort heiraten können.

          Das Stück ähnelt der „Twitteratur“, die ausgewählte Aphorismen in 140 Zeichen präsentiert. Twitteratur gilt als umstritten, weil der Schreibprozess nicht nachzuvollziehen ist, genau wie die Textproduktion von Algorithmen.

          Die Programmiererin Liza Daly modifizierte das mysteriöse Voynich-Manuskript, ein Buch, das in einer unbekannten Schrift verfasst und mit rätselhaften Bildern illustriert wurde. Die Forschung rätselt seit Jahrzehnten über den Kodex. Daly schrieb ein Programm, das Wörter daraus zufällig anordnete und mit alchimistischen und botanischen Bildern aus dem Internet versah. So entstand ein Ableger des Voynich-Manuskripts, der allerdings nicht minder rätselhaft ist.

          Geschichten schreiben über Quellcodes

          Im Journalismus nutzt man die Technik bereits. Mittels Algorithmen können kurze Meldungen über Sportereignisse oder Börsengeschäfte erzeugt werden. Die Nachrichtenagentur AP nutzt eine Software, die bis zu 4400 Quartalsberichte von Unternehmen generiert. Auch das Magazin „Forbes“ publiziert regelmäßig computergenerierte Berichte der Firma Narrative Science. Doch das Potential des Roboterjournalismus bleibt begrenzt, Reportagen oder Analysen kann er nicht liefern.

          Erzählte Geschichten sind eine der größten Herausforderungen für künstliche Intelligenz. Wissenschaftler tüfteln längst an Programmen, die so etwas kreieren sollen. „Ein simples Programm kann erzählerische Phänomene auf interessante Art und Weise modellieren, etwa eine Ellipse, also das Auslassen von Worten“, sagt Digitalprofessor Monfort. Der Gelehrte arbeitet an dem System Slant, das Geschichten in verschiedenen Genres generiert, etwa Comics oder Krimis.

          Den Literaturnobelpreis wird man damit nicht gewinnen. Monfort sieht sein Projekt auch nicht in Konkurrenz zur Belletristik. Montfort will Texte schreiben lassen, die „provokativ und machtvoll“, aber einzigartig sind, „Texte, die Menschen nicht schreiben, so wie mein künstlich erzeugter Roman ,World Clock‘. Darin sehe ich das Potential des Computerschreibens.“ Solche Bücher wurden zwar von Maschinen generiert, die Quellcodes aber stammen von Menschen. Darum geht es den Künstlern. Ihre Werke sind Artefakte - und damit auch ein bisschen Literatur.

          Quelle: F.A.Z.

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