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Pussy Riot : Ich bin christlich orthodox und gegen Putin

Lage in Russland hat sich verschlimmert

Damals, als die jungen Frauen in ihrem anarchischen „Gebet“ die Muttergottes anflehten, Putin zu vertreiben, war die Lage in Russland viel weniger repressiv als heute. Es gab noch kein Gesetz gegen „Ausländische Agenten“. Die kremltreue Jugendorganisation „Naschi“ propagierte neben Patriotismus Bildung und Familienwerte. Doch nach Putins Wiederwahl trat die „Nationale Befreiungsbewegung“ NOD auf den Plan, deren Aktivisten mit Billigung der Machthaber Anhänger des Korruptionsjägers Alexej Navalnyj bedrohen. Und seit dem Überfall auf die Ukraine bildete sich die radikal antiwestliche, gewalttätige Bewegung Serb, die, wie Maria Aljochina glaubt, hinter dem Angriff auf den Leiter des Moskauer Navalnyj-Büros, Nikolai Ljaskin, steckt, der vor wenigen Tagen durch Schläge mit einer schweren Eisenstange am Kopf verletzt wurde.

In der Haft wurden die Protestkünstlerin und ihre Mitgefangenen durch Kälte und Schlafentzug zermürbt, der Arbeitslohn wurde ihnen nicht gezahlt, sie mussten sich vor versammelter Wärterschaft ausziehen, sich bücken – „aus Sicherheitsgründen“. Aljochina mischt ihre lose Szenenfolge durch Tagebuchnotizen, Zeugenaussagen, Putin-Zitate auf, wodurch sich die Geschichte filmisch liest. Weibliche Häftlinge seien ergebener als männliche, bemerkt die Autorin. Doch sie merkte, dass ihr die Widrigkeiten, denen sie ausgesetzt war, irgendwie gefielen.

Unhaltbare Zustände in Haft

Wie auch Tolokonnikowa kämpfte Aljochina, die im Lager Beresniki in der GULag-Gegend um Perm einsaß, für die Rechte ihrer Mitgefangenen. Indem sie die Bestimmungen des Strafvollzugs herausfand, konnte sie nachweisen, dass viele kleine Schikanen, die zum Gefängnisalltag gehörten – auch etwa die Leibesvisitationen –, gesetzeswidrig waren. Mit Hilfe einer Anwältin und eines Menschenrechtlers prozessierte sie gegen die Gefängnisaufsicht. Als Druckmittel hatte die zierliche Mutter eines kleinen Jungen, die allein ihre Bekanntheit schützte, nur den Hungerstreik. Am Ende gewann sie den Prozess. Das Gefängnis wurde renoviert, die Löhne gezahlt. Als man sie in eine andere Kolonie verlegte, verabschiedeten sich die Aufseher beinahe höflich.

In Frankfurt gibt Aljochina eine etwa einstündige Kompaktversion ihres Buches als Rap-Rezitation. Der erste Hungerstreik sei wie die erste Liebe, man verstehe nicht, wie einem geschieht, skandiert sie, was Videos von den Aktionen, dem Prozess und dem Gefängnis, vor allem aber der dröhnende elektronische Beat des Musikers Maxim Ionow untermalen. Als der Text den unterernährungsbedingt abstürzenden Blutdruck beschwört – 90, 80, 70 – klingt das wie Herzschläge. Die „Pussy Riot“-Kollegin Anastasia Aschitkowa und der Schauspieler Kyril Mascheka runden mit Saxophon und Heulgesang beziehungsweise virilem Tanz das wilde Performance-Theater ab.

Die Amnestie, durch die sie selbst und Tolokonnikowa frühzeitig freikamen, hätten ihre Mitgefangenen viel mehr gebraucht als sie, gesteht Aljochina am Schluss. So setzt sie ihnen wenigstens ein literarisches Denkmal. Außerdem engagiert sie sich in der Bürgerinitiative „Zona prava“ für die Rechte von Strafgefangenen und konnte etwa erreichen, dass der im ostsibirischen Jakutsk einsitzende Filmregisseur Oleg Senzow nach Tscheljabinsk verlegt wurde. Doch warum hängt ihr Herz an einem ultrarechten Glaubensbruder, der Kunst vandalisierte, wie Szenekenner versichern? Aljochina zieht ein schweres Kreuz aus ihrem Dekolleté und lächelt geheimnisvoll.

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