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Prozesse Was Allah sich alles anhören muß

Gegen die Schrifstellerin Oriana Fallaci wird in Italien prozessiert: Sie habe, so der Vorwurf, in einem Buch die islamische Religion beleidigt. Fallaci selbst blieb dem Prozeß fern: Mit Provinzrichtern gebe sie sich nicht ab.

© AP Vergrößern „Alles, was ich schrieb, ist wahr”: Oriana Fallaci

„Schmähung des Islams“ ist in Italien noch kein Straftatbestand, die Herabsetzung der Religion indessen sehr wohl. Darum wirkt die Klage des italienischen Muslim-Aktivisten Adel Smith gegen die Schrifstellerin Oriana Fallaci wie ein Musterprozeß.

Frau Fallaci, so der Chef der „italienischen Muslim-Liga“, habe in achtzehn Aussagen ihres Buches „La forza della ragione“ (Die Kraft der Vernunft) die islamische Religion beleidigt. Gerichtsstand ist Bergamo, weil 2004 das Buch dort gedruckt worden ist. Die juristische Frage lautet: Wird für den Schutz des Islams derselbe Maßstab wie beim Katholizismus angelegt - oder gar ein strengerer? Oder gilt bei Aussagen über den Islam die westliche Meinungsfreiheit schrankenlos?

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Heikler Testfall

Spätestens seit den weltweit gesteuerten Gewalttaten nach den dänischen Mohammed-Karikaturen wird eine solche Auseinandersetzung vor den Schranken des Gerichts auch zu einem heiklen Testfall kultureller Konfrontation. Um so merkwürdiger, daß die italienischen Medien dem Verfahren fast keine Beachtung schenken. Als Adel Smith seine Klage vor einem Jahr einreichte, gab es noch Solidaritätsbekundungen zugunsten Oriana Fallacis vor allem von der rechten „Lega Nord“ und von Medien des Berlusconi-Lagers. Auffallend ist dagegen die Zurückhaltung der linken Zeitungen, die in Frau Fallacis notorischen Kampfschriften gegen die Verweichlichung des Westens und ein drohendes „Eurabia“ eine Störung des diskursiven Friedens sehen.

Über die Thesen Frau Fallacis, über ihre oft falschen Faktenangaben zur vermeintlichen muslimischen Unterwanderung des Abendlandes und vor allem über ihre pathetische Prophetinnenpose - so heißt das bisher letzte Buch „Oriana Fallaci interviewt Oriana Fallaci“ - hat sich die Kritik ausführlich verbreitet, Millionenauflagen der diversen Pamphlete aber nicht verhindern können. Zu dem stillschweigenden Übereinkommen, den Prozeß eher als Randnotiz im Kampf von Querulanten zu sehen, paßte dann auch vor Monaten der Antrag der Staatsanwaltschaft, das Verfahren wegen Nichtigkeit sogleich einzustellen, was dann aber überraschend vom Untersuchungsrichter abgelehnt wurde. Im Falle einer Verurteilung droht der Autorin nun eine mehrmonatige Haft.

Frau Fallaci blieb fern

Nicht nur diese unerfreuliche Aussicht, sondern vor allem ihre Verachtung von „eitlen Provinzrichtern, die mit dem Prozeß in die Medien kommen wollen“, bewog die schwerkranke und seit Jahren in New York ansässige Oriana Fallaci zu dem Entschluß, keinesfalls nach Bergamo anzureisen. Als auch der Kläger vorgestern nicht erschien und die Staatsanwältin sich vom Verfahren zurückzog, wurde der Prozeß erst einmal auf den 26. Juni vertagt.

Oriana Fallaci, das gibt sie selbst zu, kämpft ihren publizistischen Kampf gegen das laxe Europa des kulturellen Relativismus und der Selbstverachtung mit offenem Visier und harten Attacken. In inzwischen vier Büchern seit dem 11. September 2001 zeichnet die Publizistin, die mit Interviews von Gaddafi und Chomeini berühmt wurde, das Schreckbild einer „islamischen Invasion“ des Abendlandes, das westliche Errungenschaften von Freiheit und Gleichberechtigung zu zerstören drohe. Selbst dem Präsidenten George W. Bush attestiert die selbst verglichen mit Provinzrichtern alles andere als uneitle Autorin mangelnde Entschlossenheit. Ihr jüngstes Idol ist Papst Benedikt XVI., der die bekennende Atheistin letztes Jahr in einer Privataudienz empfing.

Sätze, von Haß getränkt

Die inkriminierten Sätze des Buches gehören zu den radikalsten aus Frau Fallacis Fundus einer Rhetorik der Verschärfung. Sie sind von Haß getränkt und würden - zumindest ohne Kontext - auch gut ins Repertoire rechtsradikaler Parteien passen: Eingewanderte Islamisten, so schreibt Oriana Fallaci, urinieren an die europäischen Kirchen und werfen unsere Kruzifixe aus den Fenstern. Pikanterweise rühmte sich ihr Prozeßgegner Adel Smith tatsächlich genau dieses Deliktes: Das „obszöne Stückchen Holz“ des Gekreuzigten habe er aus dem Spitalzimmer seiner Mutter entsorgt, ebenso wie aus der abruzzesischen Schule seines Sohnes. Smiths Attacken auf das Kruzifix machten vor drei Jahren Schlagzeilen in Italien.

Weil Smith nach der Veröffentlichung von Fallacis Thesen die Muslime auch noch zur Attacke auf die Publizistin aufrief, sie übel als perverse, vom Vater geprügelte Emanze beschimpfte und sie „dem Gesetz Allahs“ zugeführt sehen wollte, hat die Autorin ihrerseits den Muslim-Aktivisten wegen Aufrufs zum Mord und Beleidigung ihres Vaters verklagt. Dieser Prozeß steht allerdings erst im kommenden Jahr an. Von ihrer Wohnung in New York aus hat sich Oriana Fallaci nur in einem Interview mit der rechtsliberalen Zeitung „Libero“ in der Schlichtheit geäußert, die ihr intellektueller Stil geworden ist: „Dieser Prozeß beweist, daß alles, was ich geschrieben habe, wahr ist.“

Quelle: F.A.Z., 14.06.2006, Nr. 136 / Seite 45

 
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Veröffentlicht: 13.06.2006, 17:05 Uhr