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Vatikan-Enthüllungen : Alles außer Kontrolle?

Ein Donnerwetter: Blitzeinschlag in den Petersdom Bild: dpa

Am Dienstag beginnt in Rom ein spannender Prozess: Es geht um geheime Dokumente des Vatikan. Über die Vorwürfe des Journalisten Gianluigi Nuzzi gegen die Finanzgeschäfte des Heiligen Stuhls.

          Dieser vermeintlich höchst aktuelle Bestseller ist in diesen für die katholische Kirche so bewegenden Monaten seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus im März 2013 fast schon eine historische Klamotte zur Finanzreform im Vatikan; denn das meiste, was der italienische Enthüllungsautor Gianluigi Nuzzi jetzt in die Öffentlichkeit bringt, ist mehr als ein Jahr alt und in der Regel von den Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres überholt.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Auch der Titel ist Irreführung: Mit „Alles muss ans Licht“ suggeriert der Autor, sein Buch sei nötig, damit der Vatikan nicht weiter mit Immobilien, Posten und Privilegien schachern sowie Geld veruntreuen oder waschen könne. Tatsächlich aber ist Nuzzis Buch der beste Beleg dafür, dass nach Benedikt XVI. auch Franziskus eine offene sowie dienende Kirche will und dafür noch weitaus stärker als sein Vorgänger auch härteste Widerstände überwinden will.

          Ein zweifelhafter Kronzeuge

          Bei der Beschreibung dieser Reformhemmnisse freilich bleibt Nuzzi vage; Analyse ist nicht sein Ding. Einer seiner Informanten, der australische Chef des Wirtschaftsministeriums Kardinal George Pell, erscheint bei Nuzzi - wohl aus Dankbarkeit für seine Dienste - als Reformer; während Emiliano Fittipaldi, der parallel seine Vatikan-Enthüllung „Avarizia“ (Geiz) - nicht auf Deutsch erhältlich - auf den Markt warf, in dem Australier einen Blockierer sieht.

          Alter Wein in einem neuen Schlauch: Gianluigi Nuzzi hat in seinem jüngsten Buch keine wirklichen Enthüllungen auf Lager.
          Alter Wein in einem neuen Schlauch: Gianluigi Nuzzi hat in seinem jüngsten Buch keine wirklichen Enthüllungen auf Lager. : Bild: AP

          Aber eines stimmt natürlich: Noch geht es hinter den Vatikanmauern so geheimnisvoll zu, dass Enthüllungen zum Kreuzzug des Papstes gegen korrupte Kardinäle und geldgierige Bankiers Bestseller werden können. Gerade bei so einem Buch aber muss sich der Leser auf den Autor verlassen können. Doch ist Nuzzi glaubwürdig? Wie hält er es mit dem Recht?

          Im Vatikanstaat wie in Italien ist die Veröffentlichung vertraulicher Dokumente eine Straftat. Darum ermittelt die vatikanische Justiz gegen Nuzzi und Fittipaldi wegen des Verdachts der Beihilfe zur Verbreitung vertraulicher Informationen und Dokumente. Schon lud sie Nuzzi vor. Erstmals übrigens, obwohl Nuzzi schon 2012 gegen das Recht verstieß, als er in der ersten Phase von Vatileaks Dokumente Benedikts XVI. veröffentlichte.

          Papst Franziskus hat sich vorgenommen, Licht ins Dunkel der vatikanischen Finanzen zu bringen. Doch wie weit wird er damit kommen?
          Papst Franziskus hat sich vorgenommen, Licht ins Dunkel der vatikanischen Finanzen zu bringen. Doch wie weit wird er damit kommen? : Bild: dpa

          Aber Nuzzi sieht sich über dem Recht und „beschloss“, der Vorladung jetzt nicht zu folgen, wie er in seinem Blog festhält. Dort heißt es weiter, der Vatikan achte weder das Recht auf Meinungsfreiheit noch auf journalistischen Quellenschutz. „Für ihn macht sich strafbar, wer Nachrichten macht“, schreibt Nuzzi; denn die Strafprozessordnung des Vatikans sei von 1913. Als souveräner Staat verfügt der Vatikan über eine eigene säkulare Justiz, deren oberster Richter der Papst ist. Benedikt XVI. begnadigte so seinen wegen schweren Diebstahls verurteilten Kammerdiener; Papst Franziskus nun nannte Nuzzis Geheimnisverrat ein Vergehen und will das Verfahren. Nuzzi würde „in Erwägung ziehen“, vor der italienischen Justiz auszusagen, sollte der Vatikan mit einem Rechtshilfeersuchen Italien darum bitten, ihn vorzuladen, schreibt er gnädig. Im Vatikan läuft derweilen das Verfahren gegen den spanischen Prälaten Lucio Angel Vallejo Balda und die PR-Beraterin Francesca Chaouqui, die Nuzzi offenbar - ebenso wie Pell - mit Material versorgten.

          Was geschieht mit dem Peterspfennig?

          Vallejo Balda war der einzige Geistliche im achtköpfigen Cosea-Rat unter Vorsitz des maltesischen Laien und Wirtschaftsexperten Joseph Zahra. Balda brachte die Italienerin Chaouqui mit, deren Mann ein Abhörspezialist ist. Diese Cosea-„Kommission zur Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhls“ gründete Franziskus im Juli 2013 und löste sie nach Einsetzung des Wirtschaftssekretariats als zentrales Finanzinstitut nach Vorlage des Abschlussberichts im Mai 2014 wieder auf. Aus diesem Zeitraum stammen die meisten Dokumente in Nuzzis Buch. Sie belegen das Ringen des Cosea-Rates, zu dem auch der deutsche Betriebswirt Jochen Messemer gehörte, um die Einführung transparenter Buchführung.

          Vor allem im päpstlichen Staatssekretariat, im Governatorat der Vatikanstadt, bei der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls und in der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen. Die Cosea-Kontrolleure fanden heraus, dass der Peterspfennig vor allem zum vatikanischen Schuldendienst eingesetzt wird und nur zu zwanzig Prozent seinem Hauptzweck, der Sozialarbeit, dient. Cosea stieß auf Kardinäle, die „leider“ nicht die Unterlagen hatten, die die Kontrolleure anforderten; sie stellten verblüfft fest, dass es im Vatikan bis dato keine geregelte Personalführung gab; man fand sowohl große Schulden wie schwarze Kassen und stieß auf teure Immobilien, die bisweilen gratis vermietet wurden. „Alles ist außer Kontrolle“, hatte Papst Franziskus 2013 festgestellt. Unzufrieden muss der Leser auf der letzten Seite konstatieren, dass er leider nicht erfährt, ob sich das jetzt geändert hat.

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          Gianluigi Nuzzi: „Alles muss ans Licht“. Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes. Aus dem Italienischen von Christine Ammann, Walter Jori, Achim Wurm. Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2015. 384 S., geb., 21,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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