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Prophetin wider Willen

 ·  Lektionen in Menschlichkeit: Das neue Buch von J. M. Coetzee

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"Wir begeben uns in Gefahr durch das, was wir schreiben. Denn wenn das, was wir schreiben, uns zu besseren Menschen machen kann, dann kann es uns umgekehrt gewiß auch zu schlechteren machen." Schriftsteller sind keine gefestigteren Menschen als ihre Leser. Und auch Schriftsteller suchen nach Bestätigung. Zur Not erfinden sie sich selbst Verbündete, wie der Nobelpreisträger J. M. Coetzee in seinem neusten, bisher nur auf englisch erschienenen Werk "Elizabeth Costello", dessen deutsche Übersetzung bei S. Fischer für den Sommer nächsten Jahres angekündigt ist.

Der schmale Band bündelt acht Stationen, acht "Lektionen" oder "Vorlesungen", wie Coetzee es nennt, der fiktiven Schriftstellerin Elizabeth Costello, die ihr Erfinder schon früher, etwa in "Das geheime Leben der Tiere" (2000), vorgestellt hatte. Diese Auseinandersetzung ist ebenso in den neuen Band eingegangen wie andere bereits veröffentlichte Stücke, etwa Coetzees Antwort auf Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief, die er als Elizabeth Lady Chandos schrieb.

Es wäre zu einfach, Elizabeth Costello nur für ein Alter ego Coetzees zu halten. Der südafrikanische Schriftsteller ist für seine Verschlossenheit in persönlichen Dingen so bekannt wie für die kühl diagnostizierende Intellektualität seiner Romane und literaturwissenschaftlichen Schriften. Dennoch kommt Elizabeth Costello im Universum des J. M. Coetzee ein besonderer Platz zu. Denn der Schriftsteller benutzt die Figur, um Fragen zu stellen, Gedanken, Ideen und Standpunkte auszuprobieren und zu formulieren. Sie ist eher sein Alibi als seine Doppelgängerin. Ein wenig ist sie auch der Geist in der Flasche: "Wenn der Geschichtenerzähler die Flasche öffnet, wird der Geist in die Welt entlassen, und es ist verdammt schwierig, ihn dann wieder hineinzubekommen." Aber all das, was Elizabeth Costello, von Coetzee losgelassen, zu sagen hat, wird sich zum Glück weder verflüchtigen noch zurücknehmen lassen.

Bei den acht Lektionen, die Coetzee uns mit ihrer Hilfe erteilt, handelt es sich um erzählende Essays, aus denen ein Charakter entsteht, der sich schnell vom Verfasser emanzipiert. Die einzelnen Kapitel wirken als Schulstunden in Menschlichkeit, die taghelles Licht auf das Leben und die Haltungen Elizabeth Costellos werfen - und die sich gerade jetzt, angesichts des Nobelpreises für ihren Schöpfer, auf dessen eigene Überlegungen und womöglich sogar innere Verfaßtheit beziehen lassen. Denn Coetzees Buch handelt nicht allein von den literaturwissenschaftlichen, ethischen und moralischen Ansichten und Bedenken Elizabeth Costellos, sondern ebensosehr von den Chancen und Verpflichtungen des Schriftstellers in der Gesellschaft.

Elizabeth Costello vertritt ihre Überzeugungen mit grimmigem Scharfsinn. Das ist keineswegs das einzige, was sich an Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Coetzee entdecken läßt. Die in die Jahre gekommene Autorin, 1928 in Melbourne geboren, wo sie nach einem langen Aufenthalt in Europa wieder lebt, ist bei unserer ersten Bekanntschaft mit ihr sechsundsechzig. Zu diesem Zeitpunkt hat sie neun Romane und zwei Gedichtbände geschrieben, ein Buch über Vögel und zahlreiche Artikel veröffentlicht. Sie hat zwei Kinder, eines aus jeder Ehe. Sie ist mäßig berühmt, was sich vor allem einem frühen Roman verdankt, den sie jedoch, im Gegensatz zu allen anderen, nicht für ihr bestes Werk hält. Ihre produktivste Zeit scheint dennoch hinter ihr zu liegen. Mit dem Alter ist die Ära der Ehrungen angebrochen - und mit ihr jene der Dankesreden, Ansprachen, Interviews.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2003, Nr. 250 / Seite 33
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