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Preis der Leipziger Buchmesse : Die wenigen Seligen

  • -Aktualisiert am

Kein Fräuleinwunder: Georg Klein Bild: Daniel Pilar

Die Kuh namens Leipziger Buchpreis ist vom Eis: Das Fräuleinwunder Helene Hegemann hat ihn nicht gewonnen und kündigte entnervt an, nun Jura studieren zu wollen. Bei der Verleihung dominierten derweil asketisch-strenge Denkerhäupter.

          Als die drei Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse am Ende auf der Bühne standen, hätte sich jedenfalls optisch kaum ein größerer Gegensatz zu dem von vielen erwarteten und manchen befürchteten Fräuleinwunder finden lassen. Statt des beinahe schon zum Markenzeichen gewordenen abweisenden Haarvorhangs der umstrittenen Jungautorin Helene Hegemann nun also markante, asketisch-strenge Denkerhäupter. Die Autoren Ulrich Raulff und Georg Klein sowie der Übersetzer Ulrich Blumenbach mit seinem auffällig gefärbten Kurzhaarschnitt stifteten nicht nur äußerlich interessante Korrespondenzen: drei würdige Preisträger, drei gestandene (Lebens-)Werke.

          Der Skandal war nun doch ausgeblieben, über den schon so viel spekuliert worden war. Denn auch bei der Messeeröffnung am Mittwochabend schien die Literaturszene nur ein Gesprächsthema zu kennen: die Frage, ob Helene Hegemann den wichtigsten deutschen Literaturpreis des Frühjahrs vielleicht doch bekommen würde - trotz der Plagiatsdebatte, trotz der heftigen Kritik an einzelnen, obszönen oder geschmacklosen Passagen und trotz des jüngsten Einwurfs des Verbandes deutscher Schriftsteller, der in der Auszeichnung ihres Buches eine Missachtung geistigen Eigentums gesehen hätte.

          Am Vormittag, bei der Präsentation der Nominierten, hatte man versucht, auch unter dem einschüchternden Ansturm von Fotografen, Kameraleuten und jugendlichen Fans Business as usual zu demonstrieren. Helene Hegemann selbst hatte sich bei dieser Gelegenheit noch einmal vehement über den „Pressebetrieb“ beschwert und eingestanden, „überfordert“ mit den Reaktionen auf ihr Buch zu sein. Auf die Frage der Kritikerin Ina Hartwig nach der Übereinstimmung zwischen Autorin und Hauptfigur in „Axolotl Roadkill“ hatte sie äußerst gereizt reagiert. Sie verstehe diese „Authentizitätsfrage“ nicht, habe gerade versucht, sich beim Schreiben „vom Script des eigenen Lebens zu befreien“. Ein neues Buch plane sie nicht, sie wolle jetzt „Jura studieren“. Wenn das ein Witz über die laufende Urheberrechtsdebatte sein sollte, dann ging der wohl daneben. Inzwischen dürften wohl selbst ihre Fürsprecher in der Jury eingesehen haben, dass man mit einer Auszeichnung der Autorin keinen Gefallen getan hätte. Von jugendlichem Popappeal war bei der Preisverleihung dann auch gar nichts zu spüren.

          Preisgekrönt: Ulrich Raulff (bestes Sachbuch), Georg Klein (bester Roman), Ulrich Blumenbach (beste Übersetzung, v.l.)
          Preisgekrönt: Ulrich Raulff (bestes Sachbuch), Georg Klein (bester Roman), Ulrich Blumenbach (beste Übersetzung, v.l.) : Bild: Daniel Pilar

          Unspektakuläre Zeremonie

          Die von Verena Auffermann routiniert, aber etwas steif moderierte Zeremonie in der zentralen Glashalle war derart unspektakulär und nüchtern, dass man schon dankbar war, als sich immerhin Georg Klein den Exzess erlaubte, seinem Verleger Alexander Fest um den Hals zu fallen. Ulrich Blumenbach, der für seine jahrelange Herkulesarbeit an „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace belohnt wurde, war so perplex, dass er gar nicht erst zum Mikrofon griff. Ulrich Raulff, für seine große Studie über das Nachleben Stefan Georges „Kreis ohne Meister“ ausgezeichnet, machte immerhin den trockenen Scherz, er habe stets geglaubt, nur für die „Happy few“ oder besser „Unhappy few“ geschrieben zu haben. „Nun sagen sie mir, dass ich mich geirrt habe. Damit werde ich leben müssen.“

          Bei der Belletristik waren Lutz Seiler, von dem es hieß, wenn er teilnehme, gewinne er immer, oder auch Jan Faktor mit seiner fulminanten Erziehung des Herzens und des Unterleibs heiße Kandidaten. Mit Georg Klein wurde nun ein Autor ausgezeichnet, der seit seinem späten Debüt Ende der neunziger Jahre kontinuierlich starke Bücher vorgelegt hat, dem aber die ganz große Anerkennung bislang versagt geblieben ist. Insofern ist die Prämierung seines „Romans unserer Kindheit“, eines „Kinderschauerromans für Erwachsene“ (so Ina Hartwig in ihrer Laudatio), auch eine Würdigung seines Gesamtwerks. Klein bedankte sich nicht nur bei den üblichen Verdächtigen, der Lektorin, der Ehefrau etcetera, sondern auch bei den „Figuren, die in meinen Roman eingegangen sind“, er dankte den Toten.

          Kleins Roman erzählt, ebenso wie auf vollkommen andere Weise Faktor, von einer Kindheit in den sechziger Jahren. Erkennen kann man daran auch, welche Zeit der Verarbeitung, des Ansetzen und Verwerfens notwendig sein kann, um die richtige Form für manche Erfahrungen und Erlebnisse zu finden. Irgendwie ist man nach dieser Preisverleihung erleichtert. Vielleicht bekommt auch Helene Hegemann jetzt endlich ein bisschen Zeit. Ja, warum eigentlich nicht für Jura?

          Quelle: FAZ.NET

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