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Leipziger Buchpreis : Kleinverlag ganz groß

Alle Preisträger des Preises der Leipziger Buchmesse 2016, von links nach rechts: der Autor Jürgen Goldstein (Sachbuch), die Autorin Brigitte Döbert (Übersetzung) und der Schriftsteller Guntram Vesper (Belletristik) Bild: dpa

Gleich zwei Preise gehen an den Frankfurter Schöffling Verlag: Guntram Vespers Roman „Frohburg“ und als Übersetzerin Brigitte Döbert mit ihrem „serbischen Ulysses“. Man darf in Leipzig, so zeigen diese Entscheidungen, ruhig mit dem Überraschenden rechnen.

          Der Moment, als sich der Preis der Leipziger Buchmesse in der Öffentlichkeit durchgesetzt hat, kann genau bestimmt werden: nachmittags gegen 16.50 Uhr am 13. März 2008. Damals wurde verkündet, dass Clemens Meyer, Lokalmatador aus Leipzig, in der Rubrik Belletristik gewonnen hatte, und der im Publikum sitzende Meyer sprang auf und winkte begeistert mit seiner Bierflasche den Jubelnden zu. Das wurde nicht nur als ungewöhnlich markante Geste, sondern auch als Zeichen verstanden, dass hier andere Literatur gewinnen konnte als beim erst wenige Jahre zuvor etablierten, aber viel bekannteren Deutschen Buchpreis: jüngere, ungebärdige Literatur. Literatur, die auch an die Ränder dessen gehen kann, was der Markt gut verkauft.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bei Meyer war es seinerzeit eine Erzählungssammlung („Die Nacht, die Lichter“), im vergangenen Jahr gewann dann Jan Wagner mit einem Gedichtband („Regentonnenvariationen“). Die Freude über einen solch unerwarteten Triumph der Lyrik war auch sehr groß. Leipzigs Buchpreis gilt deshalb allemal als innovativer als der Deutsche Buchpreis – aber es hängen ja auch nicht dieselben kommerziellen Erwartungen an ihm. Dafür wird er gleich in drei Kategorien verliehen: Übersetzungen, Sachbuch/Essay und Belletristik. Letztere Sparte gilt als die Königsdisziplin, obwohl alle Gewinner dieselbe Summe erhalten.

          Eine Art Heimspiel für den Autor

          Man erwartet also das Überraschende, und diesmal waren die Voraussetzungen extrem gut; die Jury hatte in der Belletristik-Sparte alles Unüberraschende aus dem Weg geräumt. Nominiert waren zwei Debütromane von bekannten Dramatikern (Nis-Momme Stockmann und Roland Schimmelpfennig), wieder ein Gedichtband (von Marion Poschmann) und das späte Romandebüt eines Lyrikers: Guntram Vesper, der in diesem Jahr 75 Jahre alt wird.

          Frohburg auf Augenhöhe: Guntram Vesper in seiner Göttinger Wohnung.
          Frohburg auf Augenhöhe: Guntram Vesper in seiner Göttinger Wohnung. : Bild: Daniel Pilar

          Favorisiert aber war Heinz Strunk, der mit seiner kühlen Schilderung aus der Perspektive eines Frauenmörders überzeugt hat – wenn sein Buch auch an der Grenze des erzählerisch Erträglichen agiert. Übrigens sehr ähnlich wie die Rede der Leipziger Juryvorsitzenden Kristina Maidt-Zinke zu Beginn der Preisverleihung, die in zehn sehr umfassend sein wollenden, aber sehr unzulänglich daherkommenden Minuten eine Lanze für die Wichtigkeit von Literaturkritik als Werkzeug der Aufklärung brechen sollte. Warum predigt man bei solchen Gelegenheiten immer wieder den ohnehin schon Bekehrten?

          In Leipzig zählt – das weiß man jetzt – erfreulicherweise der literarische Anspruch mehr als Originalität, und so hat „Frohburg“ von Guntram Vesper den Buchpreis in der Sparte Belletristik gewonnen. Wie bei Meyer 2008 ist das eine Art Heimspiel für den Verfasser gewesen, denn das titelgebende Städtchen, in dem Vesper 1941 geboren wurde, liegt nur 35 Kilometer südlich von Leipzig. Entsprechend bejubelt wurde diese Entscheidung für das im kleinen Frankfurter Schöffling Verlag erschienene Buch, erstmals brandete auch Beifall von den Emporen in der Glashalle des Messegeländes auf.

          Die Entscheidung ist nur konsequent

          Bei den Sachbüchern hatte zuvor Jürgen Goldstein mit „Georg Forster – Zwischen Freiheit und Naturgewalt“ (Matthes & Seitz) den Sieg davongetragen, während der Übersetzungspreis auf Brigitte Döbert für ihre Übertragung von Bora Cosics Roman „Die Tutoren“ (verblüffenderweise noch einmal Schöffling) gefallen war. Besonders schön, dass Cosic selbst beim Sieg seiner Übersetzerin anwesend war.

          Auffällig wieder einmal, wie stark die Übersetzerinnen diese Sparte dominierten. Vier von fünf Nominierten waren Frauen: Kirsten Brandt, Döbert, Claudia Hamm und Ursula Keller; nur Frank Heibert hatte den Einbruch in die weibliche Phalanx geschafft. Allerdings war keine einziger Autorin unter den von dem Quintett übersetzten Büchern, und so verhielt es sich auch unter den Sachbuchautoren – Werner Busch, Jürgen Goldstein, Ulrich Raulff, Christoph Ribbat und Hans Joachim Schellnhuber. Selbst bei der Belletristik war mit Marion Poschmann ja nur eine Frau vertreten. Dass ihre Lyrik nach Jan Wagners Sieg im Vorjahr kaum eine Chance haben würde, war klar. Aber Guntram Vespers „Frohburg“ hatte unter literarischen Aspekten ohnehin keine Konkurrenz zu fürchten. Die Entscheidung der Jury ist nur konsequent.

          Donnerstag, 17. März 2015, 16.50 Uhr: ein großer Sieg für Qualität. „Herzlichen Dank, mehr kann ich nicht sagen“, brachte Vesper auf der Bühne hervor. Mehr musste auch nicht gesagt werden.

          Quelle: FAZ.NET

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