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Postkarten von Thomas Mann Rate mal, wer zum Essen kommt?

 ·  In Lübeck sind Postkarten aufgetaucht, die Thomas Mann an seinen Bruder Heinrich schrieb. Der Fund im Nachlass von Heinrichs Tochter Leonie ist eine kleine Sensation.

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© Lübecker Museen Vergrößern Geständnisse unter Brüdern: „Hier lebe ich entsagungsvoll, aber doch nicht ohne Abwechslung“, schreibt Thomas Mann an Heinrich aus dem Sanatorium. „Ich denke, daß es mir gut thun wird. Fühlst Du dich besser?“

Da sind sie drin? Ein Safe wäre wohl auch übertrieben gewesen. Aber weiße Handschuhe liegen allen Ernstes bereit. Holger Pils, der Leiter des Buddenbrook-Hauses, hievt die hellblauen Pappordner auf den Tisch, um den herum wir es uns an diesem November-nachmittag gemütlich machen, während draußen der Lübecker Wind dermaßen an den Fenstern des dritten Stockwerks rüttelt, als wollte er auch Zeuge dieser Enthüllung sein. Ein wenig ist es wie bei dieser „Zauberberg“-Séance, notiert im Kapitel „Fragwürdigstes“: Man sitzt in gespannter Erwartung von etwas, das es, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, gar nicht geben dürfte. Oder hätte jemand im Ernst angenommen, dass man noch mal einen ganzen Haufen Postkarten finden würde, die Thomas Mann an seinen Bruder Heinrich geschrieben hat?

Die zierliche Sütterlinschrift, an der sich schon ganze Forscher-Generationen die Zähne ausgebissen haben, erkennt man sofort, obwohl man sie immer noch nicht richtig lesen kann. Aber Herr Pils hat auch die Transkriptionen dabei: „Ich vergaß zu schreiben, daß ich jetzt immer Yoghurt trinke und es Dir, wenn Du’s noch nicht probiert hast, sehr empfehlen kann. Er ist wohlschmeckend und leicht abführend.“ So steht es geschrieben am 27. Februar 1909.

Ein Fund von halbsensationellem Rang

Das ist ungefähr das Niveau mancher Tagebuchmitteilungen. Als die Ende der Siebziger ans Licht kamen, wunderte man sich über die vielen Banalitäten. Ähnlich ist der erste Eindruck, wenn man nun das Konvolut aus 81 Postkarten in die Finger bekommt, die Thomas Mann zwischen 1902 und 1928 an Heinrich geschrieben hat und die am Donnerstag der Öffentlichkeit im Buddenbrook-Haus präsentiert wurden. Heinrich Manns Enkel Jindrich und Ludvik hatten sie unter den Sachen ihrer Mutter, Heinrich Manns Tochter Leonie, gefunden, und, unter Vermittlung Peter-Paul Schneiders, des Präsidenten der Heinrich-Mann-Gesellschaft, dem Buddenbrook-Haus angeboten.

Über die Summe, die dabei geflossen ist und die sich die Kulturstiftung der Länder, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, und die Hansestadt Lübeck gerecht geteilt haben, ist Stillschweigen vereinbart - ein gewisses Geheimnis muss es schließlich geben.

Schon dass man von der Existenz dieser Postkarten gar nichts wusste, hebt diesen Fund in den Rang des Halbsensationellen - aber eben doch nur „Halb“, weil das Geschriebene aufgrund seines betont alltäglichen Charakters, der auf Sorgfalt keinerlei Anspruch erhebt, einfach nicht mehr hergibt. Der Meister der Doppeldeutigkeit selbst würde vielleicht sagen, dass ja gerade in dieser Banalität die Sensation bestehe.

Mit naiver Zutraulichkeit

Die immerhin noch halbe liegt in Folgendem: Das Bruderverhältnis, das bisher auf der Grundlage des von Hans Wysling herausgegebenen Briefwechsels und der entsprechenden Tagebucheintragungen Thomas Manns beschrieben wurde, muss nun umakzentuiert werden. Denn in den Postkarten tritt uns ein Absender entgegen, dem auffällig an Austausch und persönlichen Treffen gelegen ist: „Schreibe doch mal eine Zeile!“, heißt es am 13. Februar 1909. Oder „Wir möchten gern, besonders ich, daß du uns recht bald besuchtest“, am 2. Juli desselben Jahres.

Die unverstellte Spontaneität dieses Tons, der so gar nichts von den wohlerwogenen, gedrechselten, jeden Adressaten im Zweifelsfall auf Abstand haltenden brieflichen Mitteilungen hat, verbietet es, hier reine Höflichkeiten anzunehmen. Die Anhänglichkeit, die bei einem eher ungeselligen Menschen wie Thomas Mann schon überraschend genug ist, erscheint umso bemerkenswerter, als sie selbst dann nicht abriss, als man auf wirklich gespanntem Fuß stand und sich wenig schöne Dinge sagte.

Erinnert sei vor allem an jenen Brief, den Thomas Heinrich am 5. Dezember 1903 schrieb und der eine vernichtende Kritik an Heinrichs jüngsten Produktionen enthielt, die Grund gab für nachhaltige Verstimmung. Aber vielleicht verfügte Thomas Mann wirklich über jene naive Zutraulichkeit, die er später auch im Zuge der Peeperkorn-Affäre gegenüber Gerhart Hauptmann geltend machte, allerdings wenig glaubhaft.

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