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Veröffentlicht: 15.03.2016, 22:30 Uhr

Lyrik von Marion Poschmann Wir sollen ein Volk von Parkbesuchern werden

Marion Poschmann reist in ihrem Gedichtband „Geliehene Landschaften“ von Helsinki über Berlin bis nach Kyoto. Ihre Landschaftspoesie versetzt den Leser in einen wunderbaren Zustand der Schwerelosigkeit.

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© Reuters Vorder- und Rückseite des Fujis sind eine Frage der Perspektive: Marion Poschmann bedichtet den japanischen Vulkan in ihrem Lyrikband.

Sechsunddreißig Mal und hundert Mal / hat der Maler jenen Berg geschrieben“: In zwei Serien von Holzschnitten versammelte Hokusai Ansichten des Fuji, der im Titel von Rilkes Gedicht nur als „Der Berg“ erscheint. Marion Poschmann bringt es in ihrer vierten Gedichtsammlung „Geliehene Landschaften“ immerhin auf drei Versuche. Das Buch gliedert sich in neun Zyklen von neun Gedichten. Fast jeder Abschnitt hat einen Park zum Thema, einen Landschaftsgarten im mehr oder weniger wörtlichen Sinne, vom Sibeliuspark in Helsinki über einen „Literatengarten in Shanghai“ bis zu einem Kindergarten in Berlin-Lichtenberg. Dem Vergnügungspark der Mondgöttin auf Coney Island, wo der Tag zur Nacht gemacht wird, korrespondiert auf der anderen Seite der Erdkugel, in Japan, ein „Park des verlorenen Mondscheins“ in Matsushima, der Bucht der 260 mit Kiefern bewachsenen Inseln.

Patrick Bahners Folgen:

Den Parks der Stadt Kyoto widmet Marion Poschmann eine Sequenz von Prosaminiaturen. Der Blocksatz hat einen piktographischen Sinn: Die Außengrenze wird auf Kosten der Binnendifferenzen betont. Das Geviert weist eine Leerstelle im Stadtbild aus, ein unbebautes Planquadrat, da die öffentliche Grünanlage in diesem Abschnitt in ihrer Funktion als Zufluchtsstätte bei Erdbebengefahr in den Blick kommt. Unter der Überschrift „Seismographie“ wird eine Erschütterung der Erdkruste verzeichnet, die freilich eine glückliche Wendung nimmt. Steine verhalten sich wie Wolken. „Unruhige Felsformationen rücken noch kurz hin und her, dann ist alles bereit.“ Wofür? Für einen Ausbruch von Kreativität: „Du schreibst ein Gedicht ,Beim Anblick des Fuji‘.“

Das doppelte Sehen

Ein Gedicht mit diesem Titel steht im abschließenden Zyklus, der so heißt wie das Buch. Die erste Hälfte der ersten von sechs Strophen lautet: „Ich sah seine Vorderseite und sah / seine Rückseite zur gleichen Zeit.“ Wie war das möglich? Das Erlebnis des doppelten Sehens, unterstrichen durch das wiederholte „sah“, suspendiert eine Grundbedingung der Landschaftswahrnehmung, die das allererste Gedicht des Bandes in Gestalt einer Apostrophe aufstellt, einer Anrufung der Landschaft. „Landschaft, o Sprachpanorama / des Logos creator. Landschaft, halbierte, in Vorder- und Rückseite.“ Die Anapher täuscht: Der zweite Satz ist keine Paraphrase des ersten. Die scheinbare Verdoppelung des Gesagten vollzieht die Halbierung, von der die Rede ist. Jedes Panorama ist einseitig - jedenfalls für den menschlichen Betrachter, in dessen Perspektive die Abfolge der beiden Sätze den Standpunkt Gottes übersetzt.

Die ersten neun Gedichte des Bandes stehen unter der Überschrift „Bernsteinpark Kaliningrad“. Einen Park dieses Namens wird man auf dem Stadtplan nicht finden. Die Dichterin schiebt verschiedene Gartenanlagen ineinander, um die ganze Stadt zu einem Park zu stilisieren. Einem aus Bernstein: Eingeschlossen in die Stadtlandschaft von Kaliningrad ist die Stadtgestalt von Königsberg. Das Bild vom Park passt auch zum exterritorialen Status des Kaliningrader Gebiets. Dorthin führte Marion Poschmann im Frühjahr 2013 ein ungewöhnliches Reisestipendium. Durch vier Wochen ostpreußische Autopsie bereitete sie sich gemeinsam mit ihren Kollegen Jörg Albrecht und Hendrik Jackson auf ein westfälisches Literaturfestival vor: In Münster wollte man über Johann Georg Hamann sprechen, den 1730 in Königsberg geborenen und 1788 in Münster verstorbenen Freund und Widersacher Kants.

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