Pola Kinski, die älteste Tochter des Schauspielers Klaus Kinski, hat ein Buch geschrieben. Vielleicht in sarkastischer Anlehnung an die frühen Erinnerungen ihres Vaters (“Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, 1975) hat sie es „Kindermund“ genannt, und es erscheint an diesem Samstag im Berliner Insel Verlag. „Kindermund“ ist das erschütternde Dokument einer Zerstörung - der Zerstörung einer Tochter durch ihren berühmten Vater. Es ist die Erzählung einer vollkommenen Enteignung, einer Kindheit und Jugend zwischen Ekel, Angst und Einkaufstouren. Es ist die Geschichte eines vierzehn Jahre lang missbrauchten Kindes.
Pola ist die Tochter aus Kinskis erster Ehe mit Gislinde Kühbeck (die von 1952, dem Geburtsjahr Polas, bis 1955 dauerte), bei der das Mädchen aufwuchs. Klaus Kinski hat sich, so schreibt seine Tochter in diesem Buch, zum ersten Mal an ihr vergangen, als sie fünf war. Er befahl ihr zu schweigen. Von da an hat er sie vergewaltigt, wann auch immer sie sich sahen. Er ließ keine Gelegenheit aus, und er wusste, was er tat. Überall auf der Welt, so sagte er ihr, sei das, was sie täten, ganz normal. Nur im spießigen Deutschland nicht, da müsse er, wenn sie ihn verrate, ins Gefängnis. Polas Mutter, bald wieder verheiratet, bekommt einen Sohn und verliert das Interesse an der Tochter, die sich ausgeschlossen fühlt. Die Geschenke, die der Vater schickt, vor allem ein Fahrrad, machen sie glücklich. „Mein Vater liebt mich!“ Er haucht: „Mein Geliebtes, mein süßes Püppchen, mein Engelchen.“ Er ruft sie an und sagt: „Ich habe mich so unendlich nach dir gesehnt.“ Kein Mann außer ihm darf sie anfassen. Pola Kinski soll ihren Vater Babbo nennen. Er ist inzwischen ein internationaler Star.
Genie oder wehleidiger Feigling
Später sind es Kleider, Schuhe, Koffer, bunte Zigaretten, goldene Feuerzeuge, Handtaschen, Spitzenunterwäsche und Haufen von Geldscheinen, mit denen er, der erst in Wien, dann in Berlin, schließlich in Rom lebt, während sie mit ihrer Mutter und der neuen Familie in München in deutlich bescheideneren Verhältnissen wohnt, bei ihren Besuchen überschüttet. Sie bleibt oft wochenlang bei ihm. Seine Kontrolle über sie ist total. Kaum hat sie seine Wohnung betreten, packt er ihre Koffer aus und wirft alles in den Müll, was sie mitgebracht hat. Nichts ist schön genug, nichts gut genug für sie. Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Er überfällt sie nachts in ihrem Zimmer, während seine Frau schläft. Möglich, dass tatsächlich niemand etwas gemerkt hat. Aber unwahrscheinlich. Als Pola Kinski, da ist sie neunzehn, schließlich ihrer Mutter erzählt, was sie erlitten hat, sagt die: „Ich hab es mir ja schon immer gedacht. Du kamst jedes Mal so verstört aus Rom.“ Und als Klaus Kinski 1991 stirbt, sagt diese Mutter noch: „Ach, ich bin ihm nicht böse, er war schon ein toller Kopf.“
Ein toller Kopf! Ein Egomane von majestätischen Ausmaßen zwar, ein Schürzenjäger, wie man das damals nannte, ein oft unzurechnungsfähiges, brutales, zu Wutanfällen neigendes Ungeheuer, aber ein Genie. So sehen ihn viele bis heute, und zumindest was das Geniale angeht und seine sexuelle Potenz - so sah er sich selbst. In seiner weitgehend fiktiven und weitgehend pornographischen „Erdbeermund“-Fortsetzung „Ich brauche Liebe“ (die unter dem Titel „Kinski Uncut“ in den Vereinigten Staaten ein Bestseller der Trashliteratur war) besteigt er tausend Frauen, schweigt aber von der Tochter. Einer immerhin, Werner Herzog nämlich, der mit Kinski fünf große Filme gedreht hat und über diese Erfahrung die Dokumentation „Mein liebster Feind“, nennt ihn einen wehleidigen Feigling - und in dem Augenblick ist es auch mit dem Genie nicht mehr weit her.
Die Kunst ist nichts angesichts zerstörter Leben
Denn Kinskis Genie braucht seine virile Selbststilisierung. Ohne sein eigenes Männlichkeitsgebrüll ist Kinski nur ein gewalttätiger Wicht. Im Buch seiner Tochter finden sich zahlreiche Stellen, die das belegen. Zum Beispiel nimmt der große Mann, als er Einbrecher im Haus zu hören meint, Frau und Tochter mit, um sie zu jagen. Kinski trägt das Gewehr, aber Pola schiebt er vor sich her. Er ist ein jämmerlicher Mann, der seine Tochter als Nutte verkleidet, um sie zu fotografieren, einer, der selbstmitleidig sabbert oder zornig brüllt, wenn sich die Aufmerksamkeit vorübergehend von ihm abwendet.
Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, an der Odenwaldschule, bei der BBC, sie müssen uns beschäftigen, auch, weil dort ganze Institutionen versagt, vertuscht und sich schuldig gemacht haben. Der Fall Roman Polanski muss uns interessieren, weil er rechtliche Konsequenzen hatte, deren Hintergrund immer noch nicht ganz durchschaubar ist. Aber schon bei Polanski (dem seit mehr als dreißig Jahren Sex mit einer Minderjährigen unter Drogeneinfluss zur Last gelegt wird und der sich dem Prozess damals durch Landesflucht entzogen hatte, bis er vor einigen Jahren von der Schweizer Polizei verhaftet und vorübergehend unter Hausarrest gestellt wurde) waren ein Teil der Öffentlichkeit und eine Handvoll berühmter Filmkollegen der Meinung, man solle nach so langer Zeit die Sache auf sich beruhen lassen. Was ja nur heißen kann, dass für Künstler eigene Gesetze gelten und wir nicht so genau hinschauen sollen - eine Haltung, die auch bei der Frage nach Päderastie in männerbündischen Ästhetenkreisen verbreitet ist. Doch angesichts zerstörter Leben ist die Kunst, ist das Kino nichts.
Am größten ist der Ekel
Und der Fall Kinski? Es gibt keinen Grund, an der Wahrhaftigkeit von Pola Kinskis Schilderungen zu zweifeln. Mehr als zwanzig Jahre nach Kinskis Tod können sie allerdings keine juristischen Folgen haben, und in „Kindermund“ gibt es keinen Hinweis darauf, dass außer der Mutter und den späteren Ehefrauen des Schauspielers irgendjemand auch nur geahnt und also gedeckt haben könnte, was geschah. Dennoch ist es ein wichtiges Buch, nicht nur für die Autorin. Denn sie beschreibt in einer bilderreichen, teilweise bestürzend drastischen Sprache die Mechanik, nach der aller Missbrauch vonstattengeht. Die Schmeicheleien, die bei dem Kind, das sich ungeliebt fühlt, auf eine Sehnsucht treffen, die dann ausgebeutet wird; der Pakt zur Verschwiegenheit; die Schuldgefühle, die durch diese vermeintliche Komplizenschaft beim Opfer ankommen, wo sie nachweislich nicht hingehören; die Drohungen. „Man sollte dich gegen die Wand knallen“, ist ein wiederkehrender Satz des Vaters. Die vollkommene Entfremdung vom eigenen Körper, die Taubheit, die Pola als Jugendliche überfällt. Wie sie sich tot stellt, wenn ihr Vater sie anfasst. Wie Selbsthass und Selbstzerstörung ihren Lauf nehmen.
Am größten ist der Ekel. Er ist eines der immer wiederkehrenden Gefühle Polas. Ekel vor den Tauben, die das neue Fahrrad bekacken, Ekel vor dem Alkoholdunst, der den Großvater umweht, vor dem Geruch nach Zigaretten und Parfüm, den der Vater verströmt, Ekel vor den Schaumklümpchen, die sich in Kinskis Mundwinkeln bilden, wenn er aufgeregt ist, Ekel vor Meeresfrüchten und Kaviar, die er ihr in den Mund schiebt, Ekel vor seinen Fingern, die sich in sie bohren, vor dem süßlichen Duft der Rosen, der die römische Wohnung des Vaters durchweht.
Er hätte ins Gefängnis gehört
Am Ende erlebt sie ihren Vater nur noch als eine „gefräßige Kröte“, „eine Fratze auf vier Beinen, mit vor Gier tränenden Augen“, als uralten Mann, der nach Sünde und Vernichtung riecht. Sie flieht. Sie spürt nichts mehr, in ihrem Kopf „ist immer nur Schlamm, grau, grün, trübe“, sie hat Todesangst, Angst, dass Gott sie töten wird. Da ist sie neunzehn, hat Panikanfälle im Flugzeug und im Zug, kann nicht allein sein und nicht unter Menschen.
Nastassja Kinski hat dieser Tage ihre Schwester eine „Heldin“ genannt. Auch sie zweifelt offenbar nicht daran, dass in „Kindermund“ die Wahrheit steht. Klaus Kinski hätte ins Gefängnis gehört. Und wir hätten dann ein paar Jahrzehnte früher angefangen, über den sexuellen Missbrauch von Kindern öffentlich zu sprechen.
Kinski hatte Erfolg! Und ein Geheimnis:
Bernd Schröder (du_Plessis)
- 13.01.2013, 20:02 Uhr
Ein Gift in unserer Gesellschaft
Thorsten Krach (sanctum.praeputium)
- 13.01.2013, 17:08 Uhr
Frage : Wen interessiert das ?
Mace McLain (GekkoDerGrosse)
- 13.01.2013, 16:34 Uhr
Ich kann nicht sagen, das Klaus Kinski seine Tochter anfasste, aber
Polas Buch schreibt das ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 13.01.2013, 11:11 Uhr
Widerwärtiger Psycho - und das in der Tat...
Mathilda Streif (mathildaX)
- 13.01.2013, 02:22 Uhr