http://www.faz.net/-gqz-75oau
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.01.2013, 10:54 Uhr

Pola Kinskis Erinnerungen Alles über meinen Vater

Vielen gilt Klaus Kinski als urgewaltiges Genie der Bühne und des Films. Das entspricht seiner Selbststilisierung. Das Buch seiner Tochter Pola erzählt eine andere Geschichte: die Geschichte eines Kinderschänders.

von
© dpa, Ulf Andersen/Gamma-Rapho/laif Kindermund tut Wahrheit kund: Pola Kinski und ihr Vater, Klaus Kinski (in einer Aufnahme von 1976)

Pola Kinski, die älteste Tochter des Schauspielers Klaus Kinski, hat ein Buch geschrieben. Vielleicht in sarkastischer Anlehnung an die frühen Erinnerungen ihres Vaters (“Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, 1975) hat sie es „Kindermund“ genannt, und es erscheint an diesem Samstag im Berliner Insel Verlag. „Kindermund“ ist das erschütternde Dokument einer Zerstörung - der Zerstörung einer Tochter durch ihren berühmten Vater. Es ist die Erzählung einer vollkommenen Enteignung, einer Kindheit und Jugend zwischen Ekel, Angst und Einkaufstouren. Es ist die Geschichte eines vierzehn Jahre lang missbrauchten Kindes.

Verena Lueken Folgen:

Pola ist die Tochter aus Kinskis erster Ehe mit Gislinde Kühbeck (die von 1952, dem Geburtsjahr Polas, bis 1955 dauerte), bei der das Mädchen aufwuchs. Klaus Kinski hat sich, so schreibt seine Tochter in diesem Buch, zum ersten Mal an ihr vergangen, als sie fünf war. Er befahl ihr zu schweigen. Von da an hat er sie vergewaltigt, wann auch immer sie sich sahen. Er ließ keine Gelegenheit aus, und er wusste, was er tat. Überall auf der Welt, so sagte er ihr, sei das, was sie täten, ganz normal. Nur im spießigen Deutschland nicht, da müsse er, wenn sie ihn verrate, ins Gefängnis. Polas Mutter, bald wieder verheiratet, bekommt einen Sohn und verliert das Interesse an der Tochter, die sich ausgeschlossen fühlt. Die Geschenke, die der Vater schickt, vor allem ein Fahrrad, machen sie glücklich. „Mein Vater liebt mich!“ Er haucht: „Mein Geliebtes, mein süßes Püppchen, mein Engelchen.“ Er ruft sie an und sagt: „Ich habe mich so unendlich nach dir gesehnt.“ Kein Mann außer ihm darf sie anfassen. Pola Kinski soll ihren Vater Babbo nennen. Er ist inzwischen ein internationaler Star.

Genie oder wehleidiger Feigling

Später sind es Kleider, Schuhe, Koffer, bunte Zigaretten, goldene Feuerzeuge, Handtaschen, Spitzenunterwäsche und Haufen von Geldscheinen, mit denen er, der erst in Wien, dann in Berlin, schließlich in Rom lebt, während sie mit ihrer Mutter und der neuen Familie in München in deutlich bescheideneren Verhältnissen wohnt, bei ihren Besuchen überschüttet. Sie bleibt oft wochenlang bei ihm. Seine Kontrolle über sie ist total. Kaum hat sie seine Wohnung betreten, packt er ihre Koffer aus und wirft alles in den Müll, was sie mitgebracht hat. Nichts ist schön genug, nichts gut genug für sie. Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Er überfällt sie nachts in ihrem Zimmer, während seine Frau schläft. Möglich, dass tatsächlich niemand etwas gemerkt hat. Aber unwahrscheinlich. Als Pola Kinski, da ist sie neunzehn, schließlich ihrer Mutter erzählt, was sie erlitten hat, sagt die: „Ich hab es mir ja schon immer gedacht. Du kamst jedes Mal so verstört aus Rom.“ Und als Klaus Kinski 1991 stirbt, sagt diese Mutter noch: „Ach, ich bin ihm nicht böse, er war schon ein toller Kopf.“

Ein toller Kopf! Ein Egomane von majestätischen Ausmaßen zwar, ein Schürzenjäger, wie man das damals nannte, ein oft unzurechnungsfähiges, brutales, zu Wutanfällen neigendes Ungeheuer, aber ein Genie. So sehen ihn viele bis heute, und zumindest was das Geniale angeht und seine sexuelle Potenz - so sah er sich selbst. In seiner weitgehend fiktiven und weitgehend pornographischen „Erdbeermund“-Fortsetzung „Ich brauche Liebe“ (die unter dem Titel „Kinski Uncut“ in den Vereinigten Staaten ein Bestseller der Trashliteratur war) besteigt er tausend Frauen, schweigt aber von der Tochter. Einer immerhin, Werner Herzog nämlich, der mit Kinski fünf große Filme gedreht hat und über diese Erfahrung die Dokumentation „Mein liebster Feind“, nennt ihn einen wehleidigen Feigling - und in dem Augenblick ist es auch mit dem Genie nicht mehr weit her.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tatort aus Köln Doppelmord im Reihenhaus

Zur Rückkehr des Tatorts aus der Sommerpause geben sich die Kölner Kommissare betulich. Dabei haben sie es mit einem schrecklichen Doppelmord zu tun. Der Absacker an der Currywurstbude muss trotzdem sein. Mehr Von Oliver Jungen

21.08.2016, 17:35 Uhr | Feuilleton
Den Haag Angeklagter gibt Beteiligung an Zerstörungen in Timbuktu zu

Ein ehemaliger Islamist aus Mali hat vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag seine Beteiligung an der Zerstörung von religiösen Stätten in Timbuktu gestanden. In diesem Verfahren wird erstmals die Zerstörung von Kulturgütern als Kriegsverbrechen verhandelt. Mehr

22.08.2016, 18:32 Uhr | Politik
Wahlkampf der AfD Erregungsabend in Schwarzrotgold

Die AfD empfängt den früheren tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Klaus in Schwerin. Sie will ihn im Wahlkampf vor ihren Karren spannen. Doch was passiert? Das Gegenteil. Mehr Von Paul Ingendaay

24.08.2016, 20:42 Uhr | Feuilleton
Mali Prozess um Zerstörungen in Timbuktu

In Den Haag beginnt am Montag der erste Prozess wegen Kriegsverbrechen während des Konflikts im westafrikanischen Mali. Der Islamist Ahmad Al Faqi Al Mahdi muss sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof für die Zerstörung von neun Mausoleen und einer Moschee in der Wüstenstadt Timbuktu verantworten. Er hat angekündigt, sich schuldig zu bekennen. Mehr

22.08.2016, 07:58 Uhr | Politik
Erdbeben in Italien Zehn Sekunden und danach ist alles eingestürzt

Um 3.35 Uhr beginnen in der italienischen Region Umbrien die Möbel umzufallen, die Wände bewegen sich, Häuser fallen in sich zusammen. Eine Großmutter rettet ihre Enkel in einem Versteck. Mindestens 73 Menschen sterben, immer wieder finden die Helfer Überlebende. Mehr Von Maria Wiesner

24.08.2016, 16:10 Uhr | Gesellschaft
Glosse

Gute Laune dank Kimflix

Von Dietmar Dath

Kim Jong-un ist immer für eine Überraschung gut: Jetzt will er einen Streaming-Dienst à la Netflix einrichten: „Manbang“ richtet sich an Nordkoreaner mit Vorliebe fürs Dokumentarische. Das kommt uns bekannt vor. Mehr 2 11

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“