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Pola Kinskis Erinnerungen Alles über meinen Vater

Vielen gilt Klaus Kinski als urgewaltiges Genie der Bühne und des Films. Das entspricht seiner Selbststilisierung. Das Buch seiner Tochter Pola erzählt eine andere Geschichte: die Geschichte eines Kinderschänders.

© dpa, Ulf Andersen/Gamma-Rapho/laif Kindermund tut Wahrheit kund: Pola Kinski und ihr Vater, Klaus Kinski (in einer Aufnahme von 1976)

Pola Kinski, die älteste Tochter des Schauspielers Klaus Kinski, hat ein Buch geschrieben. Vielleicht in sarkastischer Anlehnung an die frühen Erinnerungen ihres Vaters (“Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, 1975) hat sie es „Kindermund“ genannt, und es erscheint an diesem Samstag im Berliner Insel Verlag. „Kindermund“ ist das erschütternde Dokument einer Zerstörung - der Zerstörung einer Tochter durch ihren berühmten Vater. Es ist die Erzählung einer vollkommenen Enteignung, einer Kindheit und Jugend zwischen Ekel, Angst und Einkaufstouren. Es ist die Geschichte eines vierzehn Jahre lang missbrauchten Kindes.

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Pola ist die Tochter aus Kinskis erster Ehe mit Gislinde Kühbeck (die von 1952, dem Geburtsjahr Polas, bis 1955 dauerte), bei der das Mädchen aufwuchs. Klaus Kinski hat sich, so schreibt seine Tochter in diesem Buch, zum ersten Mal an ihr vergangen, als sie fünf war. Er befahl ihr zu schweigen. Von da an hat er sie vergewaltigt, wann auch immer sie sich sahen. Er ließ keine Gelegenheit aus, und er wusste, was er tat. Überall auf der Welt, so sagte er ihr, sei das, was sie täten, ganz normal. Nur im spießigen Deutschland nicht, da müsse er, wenn sie ihn verrate, ins Gefängnis. Polas Mutter, bald wieder verheiratet, bekommt einen Sohn und verliert das Interesse an der Tochter, die sich ausgeschlossen fühlt. Die Geschenke, die der Vater schickt, vor allem ein Fahrrad, machen sie glücklich. „Mein Vater liebt mich!“ Er haucht: „Mein Geliebtes, mein süßes Püppchen, mein Engelchen.“ Er ruft sie an und sagt: „Ich habe mich so unendlich nach dir gesehnt.“ Kein Mann außer ihm darf sie anfassen. Pola Kinski soll ihren Vater Babbo nennen. Er ist inzwischen ein internationaler Star.

Genie oder wehleidiger Feigling

Später sind es Kleider, Schuhe, Koffer, bunte Zigaretten, goldene Feuerzeuge, Handtaschen, Spitzenunterwäsche und Haufen von Geldscheinen, mit denen er, der erst in Wien, dann in Berlin, schließlich in Rom lebt, während sie mit ihrer Mutter und der neuen Familie in München in deutlich bescheideneren Verhältnissen wohnt, bei ihren Besuchen überschüttet. Sie bleibt oft wochenlang bei ihm. Seine Kontrolle über sie ist total. Kaum hat sie seine Wohnung betreten, packt er ihre Koffer aus und wirft alles in den Müll, was sie mitgebracht hat. Nichts ist schön genug, nichts gut genug für sie. Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Er überfällt sie nachts in ihrem Zimmer, während seine Frau schläft. Möglich, dass tatsächlich niemand etwas gemerkt hat. Aber unwahrscheinlich. Als Pola Kinski, da ist sie neunzehn, schließlich ihrer Mutter erzählt, was sie erlitten hat, sagt die: „Ich hab es mir ja schon immer gedacht. Du kamst jedes Mal so verstört aus Rom.“ Und als Klaus Kinski 1991 stirbt, sagt diese Mutter noch: „Ach, ich bin ihm nicht böse, er war schon ein toller Kopf.“

Ein toller Kopf! Ein Egomane von majestätischen Ausmaßen zwar, ein Schürzenjäger, wie man das damals nannte, ein oft unzurechnungsfähiges, brutales, zu Wutanfällen neigendes Ungeheuer, aber ein Genie. So sehen ihn viele bis heute, und zumindest was das Geniale angeht und seine sexuelle Potenz - so sah er sich selbst. In seiner weitgehend fiktiven und weitgehend pornographischen „Erdbeermund“-Fortsetzung „Ich brauche Liebe“ (die unter dem Titel „Kinski Uncut“ in den Vereinigten Staaten ein Bestseller der Trashliteratur war) besteigt er tausend Frauen, schweigt aber von der Tochter. Einer immerhin, Werner Herzog nämlich, der mit Kinski fünf große Filme gedreht hat und über diese Erfahrung die Dokumentation „Mein liebster Feind“, nennt ihn einen wehleidigen Feigling - und in dem Augenblick ist es auch mit dem Genie nicht mehr weit her.

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