War die Frau, die sich auf der Bühne der Queen Elizabeth Hall im Kulturzentrums am südlichen Themseufer so heiter, so gelöst, so selbstironisch und sympathisch zeigte, die Gleiche, die ihr öffentliches Image eisern zu kontrollieren versucht? Diese Frage stellte sich immer wieder bei der Plauderstunde mit J.K.Rowling am Tag der Veröffentlichung von ihrem ersten Erwachsenenroman, „A Casual Vacancy“.
Der Kreis von neunhundert Menschen wirke geradezu intim, sagte sie, gemessen an ihrem letzten Auftritt im Olympiastadion, als sie bei der Eröffnungsfeier vor achtzigtausend Zuschauern und einem weltweiten Fernsehpublikum aus „Peter Pan“ vorlas. J.K.Rowling gestand, sie habe sich nicht gleich von dem für dieses Spektakel verantwortlichen Danny Boyle überreden lassen, doch sei es eines der besten Dinge, die „ich je, je gemacht habe“.
Sie sei inzwischen abgebrüht gegen Harry-Potter-Bezüge, doch schilderte sie, wie es ihr kalt den Rücken runtergelaufen sei, als die achtzehn Meter hohe Figur des finstren Zauberers Lord Voldemort aus der Tiefe aufstieg. In einem nicht zu Ende gesprochene Nachsatz fügte sie hinzu: diese „auf einem Papierfetzen“ geborene Idee - als könne sie immer noch nicht fassen, wie die Figuren aus ihrer lebhaften Phantasie ihr über den Kopf gewachsen sind. Es war nicht das einzige Mal im Zuge des mehr als eine Stunde dauernden Gesprächs, dass J.K.Rowling die schwierige Vereinbarkeit der Eigenwahrnehmung mit der sich verselbständigten Welt ihrer Schöpfung durchblicken ließ.
Auf Abstand zur Kritik
Als sie jetzt in hochhackigen Schuhen auf die Bühne stöckelte, brandete ihr Jubel entgegen, wie beim Auftritt eines angehimmelten Popidols. Stehende Ovationen von der Generation, die mit Harry-Potter aufgewachsen und jetzt reif für den Erwachsenenroman ist, den ihre Heldin geschrieben hat. Jetzt können sie der Autorin aus der Fantasywelt nach Pagford folgen, dem fiktiven Handlungsort von „A Casual Vacancy“, wo Teenager nicht mit Zaubersprüchen, sondern mit der harten Realität ringen müssen.
J.K.Rowling machte es sich in einem Sessel bequem und gestand, sie habe sich den ganzen Tag bemüht, den Zeitungen aus dem Weg zu gehen. Rezensionen lesen sich besser mit zeitlichem Abstand und an einem Tag, an dem sie über ein Buch reden müsse, ziehe sie es vor, Kritiken zu meiden. Das sei ihr weithin gelungen, weil sie nach dem Flug aus Edinburgh mit ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter im Hotelzimmer die Komödie „Men in Black 3“ angeschaut habe.
Zwischen Selbstbewusstsein und Verletzbarkeit
Über einen Satz habe sie sich jedoch amüsiert: Es sei die Bezeichnung ihres Romans als „ein fünfhundert Seiten langes sozialistisches Manifest“ gewesen. Dieser Satz, den sie neben „Men in Black 3“ als Höhepunkt des Tages empfunden habe, stand in der „Daily Mail“, der Zeitung, die von Linksliberalen mit dem Teufel gleichgestellt wird. Für so Gesinnte verkörpert das konservative Boulevardblatt jene Gleichgültigkeit den weniger Bevorzugten gegenüber, die J.K.Rowling aus der Sicht ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Sozialstaat auch in ihrem neuen Roman anprangert. In Wirklichkeit war das Urteil der „Daily Mail“-Rezensentin noch viel schärfer ausgefallen. Sie hatte geschrieben, das Buch bestehe „aus mehr als fünfhundert Seiten eines unerbittlichen sozialistischen Manifests, das sich als Literatur ausgibt“.
Im Zuge des Gespräches über ihre selbst eingestandene Besessenheit vom Tod, über den schmerzvollen Prozess des Elternseins und die Verbesserungen, die sie gern bei Harry Potter vornehmen würde, zeigte die Autorin eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Verletzbarkeit, aus hochprofessioneller Distanz und entwaffnender Offenheit. Oft unterbrach sie eine spontane Antwort mit der Bemerkung, sie müsse sich vorsehen, da sie gelernt habe, dass jedes Wort von ihr lawinenartig anwachse. Und zum Schluss offenbarte sie, die eiserne Kontrolle bestimme nicht sie, sondern der Verlag: die Autorin in den Fängen ihres Erfolges.