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Plagiatsfall Helene Hegemann Germany’s Next Autoren-Topmodel

10.02.2010 ·  Hat Helene Hegemann selbst geschrieben oder nur selbst abgeschrieben? Ihr Roman „Axolotl Roadkill“ dokumentiert weit über Plagiatsfragen hinaus die Verkommenheit des Betriebs, der sie feiert.

Von Jürgen Kaube
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„Besonderen Dank an Kathy Acker.“ Als Kathy Acker starb, 1997, war die Autorin, die sich da bei ihr bedankt, fünf Jahre alt. Es ist also nicht nur ein posthumer, sondern ein auf Lektüre beruhender Dank, den Helene Hegemann am Ende ihres Buches „Axolotl Roadkill“ abgestattet hat. Er gilt einer Schriftstellerin, die nicht nur durch die Drastik ihrer sexuellen Darstellungen bekannt wurde, sondern auch durch ihr Plädoyer für ein ganz hemmungsloses Plagiieren als eigene Kunstform, eine Praxis, von der sie auch selbst Gebrauch machte und dafür vor Gericht gezogen wurde.

Inzwischen existiert eine Liste derjenigen Schriftsteller, bei denen sich Helene Hegemann erst einmal nicht dafür bedankt hat, wortwörtlich oder fast wortwörtlich auf deren Werke zugegriffen zu haben. Das geschieht, nachdem im Internet eine Quelle von „Axolotl Roadkill“ – das als originelles Wort der Jugend von heute, jedenfalls der vom Prenzlauer Berg, gefeiert wurde – nach der anderen benannt wird. Selbst für die Inspiration zum Titel hat sich in aller Form ein Blog, „Iguana/Roadkill“, gemeldet: Vom Leguan zum Schwanzlurch ist es nur ein Dichterschritt.

Die Liste reicht von Malcolm Lowry – für den ersten Satz des Buches – und David Foster Wallace über Rainald Goetz und den Blogger Airen bis zu Kathy Acker. Sie stammt von Hegemann selbst; der Ullstein Verlag, bei dem das Buch herausgekommen ist, will sie bald veröffentlichen. Wohl auch, um der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse entgegenzukommen, die am Donnerstag den ersten Kreis der Kandidaten verkünden will und noch unter gewissermaßen naiven Lektüreumständen beschlossen hatte, „Axolotl Roadkill“ in engste Erwägung zu ziehen.

Das „echte Leben“

Man muss solche Umstände erwähnen, um dem Phänomen näherzukommen, mit dem man es hier zu tun hat. Denn es handelt sich um ein Phänomen der Literatur vor allem insofern, als auch Literatur auf einen Markt kommt, Vorschüsse erzielt, der Reklame bedarf und zwar um so mehr, je schneller man mit ihr durch ist. Die größten Werbekampagnen finden oft für Bücher statt, die nicht als individuelle Hervorbringungen, sondern als Exemplare einer Gattung und als Erzeugnisse einer Industrie gelesen werden.

Hier aber soll es angeblich um ein Individuum gehen, um das Leben selber, das echte, das in Exzessen, Verzweiflungen, Euphorien und Zynismen eines Szene-Mädchens vermutet wird: Ich-Perspektive, Tagebuch, fürs Gerücht ausreichende Anlehnungen an die eigene Biographie und das Hintergrundwissen über das Alter der Autorin, die sich all die schalen Orgien ja nicht als neue Flaubertine über Jahre hinweg angelesen haben kann – weil sie ja noch nicht so lange liest. Und jetzt das! Das meiste nur aus zweiter Hand? Womöglich selbst die schlimmsten Stellen nur Literatur?

Ein neues Jugendurheberrecht?

Das macht die Frage, wieviel davon die Sätze welcher anderen Leute sind, zu einer zweitrangigen. Man kann getrost abwarten, wieviel die Philologie und weiteres Googlen herausfinden werden. An „Helene Hegemann“ – wir setzen sie in Anführungszeichen, weil es uns nicht um die Person geht, die wir ja auch gar nicht kennen, sondern um das Produkt selben Namens – ist vielmehr interessant, dass das Produkt seine eigene Werbung darstellt. Die Autorin ist ganz offenkundig auch als das Model eingesetzt worden, das die Kleider vorführt, die selbst geschneidert zu haben sie in ihren Erklärungen zur altmodischen Erwartung erklärt („Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess“). Zwar nicht so altmodisch als dass sie in ihre Danksagung von Anfang an all diejenigen eingeschlossen hätte, die am Produkt, doch bislang nicht an den Gewinnen beteiligt wurden. Aber das Mädchen ist siebzehn. Wie ernst will man nehmen, was sie so alles über ihre Epoche und die Kunst und das Leben und das Urheberrecht von sich gibt? Und wenn sie selbst geklaut hat, dann fällt das gewissermaßen unters Jugendurheberrecht.

Aber hat sie selbst geklaut? Soll man sie sich als die Täterin dieser wenig bemerkenswerten Tat vorstellen? Und brauchte es nicht auch ziemlich viel Unterlassen dazu? Nein, es ist nicht die Autorin, über die hier zu sprechen ist. In diesem Fall ist nur eine Person siebzehn, alle anderen Beteiligten, die als Täter und Unterlasser in Betracht kommen, sind deutlich älter: Verleger, Lektoren, Agenten, Freunde, Rezensenten, der Vater, bei dem sie sich ebenfalls bedankt. Sind es denn Siebzehnjährige, die planen, was sich so überdeutlich als die Planung eines echten Coups, das Vorzeigen eines volldurchtriebenen, traurigen, altklugen, durch alle möglichen Exzesse hindurchgegangenen oder sich hindurchphantasierenden Wunderkindes erweist?

„Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist“, heißt es an einer Stelle. Das kann man als einen Topos lesen, weil ja wenn die Seele spricht, ach, spätestens seit Schiller, schon die Seele nicht mehr spricht. Man kann es für eine überflüssige Mitteilung halten, weil es ja für Sprache ganz allgemein gilt, dass sie keine „eigene“ ist. Weshalb ja auch Plagiate möglich sind, ohne dass sofort der Sinn zerfällt.

Ich als aufgeklärter Mensch

Man kann darin aber auch den Ausdruck des Geständniszwanges einer Figur finden, die ein Erwachsenenprodukt ist, als komme sie direkt aus der Marktforschung von Verlagen. Sind es denn Jugendfantasien, dass die Jugend sich vorzugsweise in der Nähe von „Dark rooms“ aufhält, in die sie aber nicht hineinkommt, Drogen nimmt, möglichst oft „scheiß“ sagt und „abgefuckt“, möglichst früh gealtert sein muss und eine Szene-Altklugkeit nach außen stellen sollte? Oder kommt das nicht vielmehr, erfunden oder geklaut, einer auf möglichst exotische Begegnungen mit den eigenen Nachkommen scharfen Erwachsenenwelt zupass, die sich auch unter Marktgesichtspunkten die neuerliche verlorene Generation der heute Siebzehnjährigen so vorstellt? Vom spießigsten aller Sprüche, die Jugend verkomme, gibt es eine kulturell tiefergelegte Luxus-Version, die noch viel abgeschmackter und niedriger ist: die Jugend sei „ganz anders drauf“, hemmungslos, desillusioniert, mit Erfahrungen und Gedanken, von denen sich die Erwachsenen nichts träumen lassen.

Dabei ist es genau das: ein Traum und zwar ein bösartiger, von Erwachsenen, der hier geräumt wird, eine Art Vampirismus an einer Kunstfigur „Helene Hegemann“. die als zugleich Autorin wie Ich eines Romans echt gelebt haben soll, während andernorts nur Kultur inszeniert werde. Dass es solch ein Erwachsenentraum ist, geht aus all den hunderten von altklugen Wendungen des Buches hervor. Soeben noch wurde gefickt und gekotzt und geschimpft und „megahart“ agiert – und dann folgt die Funktionärsprosa „obwohl ich aufgeklärter Mensch die Hölle lange Zeit“ – schon vor den Schnullerjahren? – „als machtpolitisches Instrument gedeutet habe, glaube ich jetzt an sie“. Das soll dieselbe Person im Roman sagen, die einem – „ich soll den Teufel performen“ – in den ekelhaftesten Gewaltphantasien ergeht, um über die herzuziehen, die sie ekelhaft finden: „ich als aufgeklärter Mensch“? Das wirkt weit diesseits eines Plagiatsvorwurfs angelesen, x-ter Aufguss schwarzer Gesänge, jetzt-schock-ich-Euch-mal-Musterware.

Zwischen megahart und megaverblasen

Doch eine von der Angst bürgerlicher Blässe und des Altwirkens heimgesuchte Literaturkritik freut sich dann daran, dass das Leben die Hosen herunterlässt, die den Kritikern selbst nicht mehr passen, man feiert das junge Célinchen als görè fatale, obwohl sie selber eine Stubenhockerin ist, die Bücher und Webseiten ausgewertet hat. Und wenn es Discostuben sind und Clubstuben und WG-Stuben, sie sucht dort „eine Antwort auf alle Fragen, die in der absoluten Intensität meines nicht in einen konkreten Anspruch zu übersetzenden Begehrens lag“. Wenn ein Fünfzigjähriger so spricht, dann wissen wir, dass er gerade in Literaturwissenschaft habilitiert. Wenn eine Siebzehnjährige das geschrieben haben soll, dann jauchzt der Vertrieb, dies- wie jenseits der Verlagsgrenzen. Hätte ein Mann fortgeschrittenen Alters notiert, es bereite ihm keine Schwierigkeiten, bei der Vergewaltigung eines Sechsjährigen zuzuschauen, schützte ihn hoffentlich kein Hinweis auf Tagebuch-Poetik vor der moralischen Verachtung. Hier darf es ein Mädchen seine Ich-Darstellerin – „aus den Tiefen meines Unterbewusstseins“ – heraus sagen lassen, das den Text womöglich vor der Drucklegung seinem Vater gezeigt hat.

Ob er, der Dramaturg und Texte-Arrangeur der Berliner Volksbühne, Carl Hegemann, der nie Probleme mit dem Urheberrecht anderer Leute hatte, der Theorieschwadroneur, der seit jeher auf der Bühnen Körpersäfte und anschließend Theoriedarstellung lustig fand, so wie jetzt auch der Roman des Sprösslings auch zwischen megahart und megaverblasen pendelt, ob er ihr solche Stellen hineingeschrieben hat? Das wäre die naive Frage. Die viel näherliegende wäre, ob er oder sonst jemand aus dem Umkreis ihrer Schutzberechtigten denn überhaupt etwas herausgestrichen, von etwas abgeraten hat. Oder ob wir hier einfach nur eine teils zusammengeklaute, teil selbst hervorgebrachte Phantasie lesen, die gar kein Individuum zum Autor hat, sondern das Kulturestablishment selber, das sich so ein Wunderkind vorstellt und einer solchen Phantasie eventuell sogar ein tatsächliches Kind zum Opfer bringt.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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