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Plagiatsfall Helene Hegemann : Es wäre jetzt Zeit für einen Neuanfang

  • -Aktualisiert am

Zerrieben zwischen den Fronten des Literaturbetriebs: Helene Hegemann Bild: Julia Zimmermann

Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ und die anschließenden Plagiatsvorwürfe haben die Kritik überfordert. Hass, Häme und Verachtung trafen die Autorin und ihr Werk in einem Ausmaß, das jeden beschämen muss. Es wäre schön, wenn jetzt alle einfach noch mal von vorne anfangen könnten.

          Es wäre schön, wenn man jetzt einfach noch mal von vorne anfangen könnte. Mit einer jungen Autorin, die, als sie noch jünger war, einen beeindruckenden kurzen Film gedreht hat, dann in einem anderen, größeren Film einen bemerkenswerten Auftritt hatte, in Interviews, die sie daraufhin gab, sehr eigenwillig, altklug oder auch einfach nur klug daherredete. Eine junge Frau, die offenbar viel gelesen und noch viel mehr über Gelesenes gehört hatte und sich die Welt sehr selbstbewusst auf ihre eigene Weise neu zusammensetzte. Ein neuer Mensch mit einer neuen Sicht auf die Dinge. Das war Helene Hegemann, wie man sie kennen konnte, so von außen betrachtet, bevor vor zwei Wochen ihr erstes Buch erschien: „Axolotl Roadkill“.

          Dann wurde plötzlich alles anders. In unglaublich kurzer Zeit.

          Sie hat in ihrem Roman, den alle überregionalen Zeitungen emphatisch lobten, Passagen aus einem anderen Buch übernommen. Zum Teil unverändert, zum Teil nur leicht variiert. Sie hat darauf nicht hingewiesen. Als es bekannt wurde, hat sie sich bei Airen, dem anonymen Blogger, aus dessen Werk „Strobo“ sie Passagen übernommen hatte, entschuldigt. Airen erklärte gleichzeitig, wenn die Stellen gekennzeichnet würden, sei der Fall für ihn erledigt, und dass es ihn aber natürlich freuen würde, wenn sein Buch nun auch ein bisschen von dieser gigantischen Hegemann-Aufmerksamkeit abbekommen könnte.

          Die Wahrheit der Literatur hängt nicht am einzelnen Wort

          In der Woche, seit die Übernahme der Passagen bekannt wurde - auch aus der deutschen Drehbuchfassung einer Erzählung von Martin Page hat Hegemann Teile in ihren Roman eingebaut -, machte sich in den Veröffentlichungen ein neues Gefühl breit: Hass. Hass, Häme und Verachtung für die Autorin und ihr Werk in einem Ausmaß, das jeden beschämen muss, der den Ausgangspunkt der „Debatte“ kennt: den bemerkenswerten ersten Roman einer jungen Autorin.

          Im Internet, bei „twitter“, in den Leserrezensionen der Internetbuchhändler und in den Feuilletons wurde und wird nach wie vor schamlos gehasst und gewütet. Wie dumm sie ist, wie schamlos, wie verlogen, wie sie aussieht, dass sie das Sexobjekt geifernder Kritiker sei, dass ihr Vater, der das Buch vielleicht in Wahrheit geschrieben hat, seine pädophilen Neigungen in dem Roman an seiner Tochter auslebt. Ein Bewohner des Internets, der selbst allzu gerne im Feuilleton schreiben will, entschuldigt sich im Namen des deutschen Feuilletons beim Internet, dass man auf diese Frau hereingefallen sei. Ein Kritiker wirft Helene Hegemann vor, dass ihr Buch nicht das Leben abbilde, sondern eine Lüge. Und wenn der Rezensent dann im selben Satz zugeben muss, dass die Autorin selbst nie die Wahrheit oder das Leben zeigen wollte, dann fügt er einfach an, dass das Buch aber so tue, als wolle es das.

          Man muss nicht einmal mehr denken oder argumentieren, um der Autorin seine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Die „Süddeutsche Zeitung“ rief am Freitag die Kritiker, die das Buch zu Beginn gelobt hatten, zu einer Art Tribunal zusammen, um ihnen die Gelegenheit zum Widerruf zu geben. Einzig Georg Diez, der Autor des eigenen Blattes, reagierte angemessen empört und erklärte seiner Zeitung: „Literatur richtet sich nicht nach Zutaten. Die Wahrheit der Sprache hängt nicht an jedem einzelnen Wort.“

          Nochmal von vorn

          Helene Hegemann hat einen bemerkenswerten Roman geschrieben. Nichts daran soll das wahre Leben abbilden. Nicht einmal die aus „Strobo“ übernommenen Passagen. Es ist eine groteske Überzeichnung. Jeder, der das nicht beim Lesen erkennt, kann das sehen, wenn er sich einmal das Video bei Youtube ansieht, das zum Buchstart produziert wurde und in dem kleine reiche Kinder mit Perlenketten den Text in verteilten Rollen lesen. Das ist irre komisch und grotesk.

          Das Buch ist übrigens voller Stellen, die das Zusammenklauben fremder Stimmen und Texte thematisieren. Die das Zusammenschreiben zu einem konstituierenden Moment dieses Buches erklären. Als konstituierendes Element auch des Redens dieser unendlich traurigen, verzweifelten, zerrissenen Ich-Erzählerin Mifti.

          Ja, vielleicht ist das alles zu klug für eine Siebzehnjährige. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es zu dumm. Vielleicht zu verlogen, vielleicht zu wahr. Vielleicht ist die Autorin zu hässlich oder zu schön. Und vielleicht ist die Welt von Kälte, Bosheit und Obszönität, von der Hegemann erzählt, einfach too much als Rollenprosa eines Teenagers.

          Zu Beginn des Buches sagt eine Ophelia über die Dummheit der Kritiker: „Man macht ein Statement und das wird neutralisiert und entkräftet, indem es irgendwie, ich weiß auch nicht, pathologisiert wird oder psychologisiert oder als unbeabsichtigt abgestempelt, aus purer Faulheit.“

          Es wäre schön, wenn jetzt alle einfach noch mal von vorne anfangen könnten. Helene Hegemann. Aber auch die, die sich nach einem Rausch von Hohn und Spott und Bosheit vielleicht auch morgen noch im Spiegel ansehen wollen.

          Quelle: F.A.S.

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