25.01.2006 · Andersens Märchen vom häßlichen Entlein über die triumphale Umkehrung der Demütigung in einen Sieg offeriert eine satte Wunscherfüllungsphantasie, die weit über die Kindheit hinaus wirkt.
Und plötzlich wird unsere infantile Glückserwartung doch noch gestillt. Damit hatten wir nicht mehr gerechnet, nach all dem Spott und Hochmut, die dem „häßlichen Entlein“ widerfahren waren, nach der Schadenfreude, die auf das viel zu große, viel zu garstige, viel zu ungewöhnliche Wesen niedergeprasselt war.
Das Märchen von der triumphalen Umkehrung der Demütigung in einen Sieg offeriert eine satte Wunscherfüllungsphantasie, die weit über die Kindheit hinaus wirkt. Es schade nicht, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen habe, so der lakonische Bescheid des Erzählers, als sich das häßliche Entlein endlich in einen prächtigen Schwan verwandelt hatte und von seinesgleichen akzeptiert wurde: „Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.“
Wenn du nur weit fort wärst
Daß der dänische Schriftsteller im finalen Schlußbild eine pädagogische Botschaft verpackt hat - nicht zuletzt in eigener Sache -, kann uns dabei einerlei sein. Andersen selbst stammte aus einer verelendeten, verstörten Familie, die auf eklatante Weise unterprivilegiert war. Nur durch die Macht seiner Phantasie katapultierte er sich aus den mißlichen Verhältnissen und eroberte sich gesellschaftliche Reputation. Er wußte also, wovon er sprach, wenn die eingebildete Ente, angeblich eine vornehme Dame aus spanischem Geblüt, auf das Entlein mit dem kleinen Fehlerchen herabsieht. Und er wußte, wie es sich anfühlt, wenn der plumpe Truthahn sich wichtig aufplustert oder die Mutter sich ihres ungeratenen Kindes schämt: „Wenn du nur weit fort wärst.“
In meinem Märchenbuch wird der Lustgewinn noch gesteigert durch die satten Illustrationen von Svend Otto S. Wer sich die Unterwerfungsrituale des Lebens nicht selber ausdenken kann oder mag, bekommt hier visuellen Anschauungsunterricht. So deftig, so prall und saftig präsentiert er uns die geschwätzigen Hühner, die aufgeblasenen Truthähne, die durchtriebene Katze oder die strohdumme Henne, daß es zum Tränenlachen ist. Und das Allerschönste: Wir erkennen die Typen alle aus dem wahren Leben wieder.