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Philosoph und Zoologe : Tauchgänge mit Aristoteles

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Tintenfisch und Oktopus wurden bei Aristoteles klassifiziert. Bild: Science Photo Library

In seinem verlorengegangenen Anatomischen Atlas würde man heute gerne blättern: Der Biologe Armand Marie Leroi würdigt Aristoteles als ersten empirisch verfahrenden Zoologen.

          Ist von Aristoteles die Rede, denkt man meist an den princeps philosophorum, den Metaphysiker, den Erfinder der Logik und Begründer der Ethik. Die statistische Auswertung des Corpus Aristotelicum zeigt den Stagiriten in einem anderen Licht: Vierzig Prozent der erhaltenen Texte behandeln naturwissenschaftliche und hier vor allem zoologische Themen. Nüchtern betrachtet, war Aristoteles in erster Linie Biologe mit Spezialdisziplin Zoologie. Die biologischen Verdienste des Stagiriten sind unbestritten. Bei Darwin etwa heißt es, verglichen mit Aristoteles seien Cuvier und Linné „bloße Schuljungen“.

          Aristoteles’ Leistungen scheinen noch achtbarer, wenn man bedenkt, dass er erst im Alter von 37 Jahren seine biologische Forschung begann. Als Platon 347 v. Chr. starb, verließ Aristoteles Athen. In den folgenden dreizehn Jahren lebte er im nordöstlichen Ägäis-Raum. Auf Lesbos befreundete er sich mit Theophrast. Bald teilten sie sich die Arbeit: Aristoteles beackerte das Feld der Zoologie, Theophrast wurde zum Vater der Botanik. Als der schottische Gelehrte D’Arcy Wentworth Thompson 1910 die „Historia animalium“, Aristoteles’ zoologisches Hauptwerk, ins Englische übersetzte, bemerkte er, dass Aristoteles einen Großteil seiner meeresbiologischen Daten in der Lagune von Phyrra auf Lesbos gesammelt hatte. Dieser Lagune von Phyrra verdankt das Aristoteles-Buch von Marie Armand Leroi seinen Titel.

          Sepien seziert und Krebse klassifiziert

          Leroi studierte Mikrobiologie und lehrt heute Genetik am Imperial College in London. Um der aristotelischen „Erfindung der Naturwissenschaften“ zu folgen, reiste er für längere Aufenthalte nach Lesbos. Dem Leser begegnet er als Forscher, der nach Fischen taucht, Sepien seziert, Krebse, Seeigel und Muscheln klassifiziert oder vor Ort mit griechischen Fachkollegen diskutiert.

          Das antike Phyrra wurde etwa zur Zeitenwende durch ein Erdbeben zerstört. Die Lagune heißt Bucht von Kalloni. Auch sonst hat sich dort seit der Antike einiges verändert. In der Bucht leben heute keine Papageifische oder Dornhaie mehr. Dafür haben sich Kraken und Flamingos angesiedelt. Aristoteles erwähnt in seinem biologischen Œuvre etwa 500 Tierarten und 60 Pflanzenspezies. Er trug so ziemlich alle zoologischen Informationen zusammen, die er bekommen konnte. Er befragte Bauern, Fischer und Imker. Nur selten waren die Auskünfte zuverlässig. Wie Leroi am Beispiel der Fischer in Kalloni zeigt, steht es damit heute kaum besser. Hinsichtlich der afrikanischen und asiatischen Fauna ließ sich Aristoteles von Herodots „Historien“ und anderen Reiseberichten inspirieren. Wenn es möglich war, überprüfte und korrigierte er die Quellen. Herodots deskriptive Morphologie des Nilkrokodils widerlegte er via Sektion.

          „Den Herzbeutel des Tintenfischs aber verwechselte er mit dessen Leber.“
          „Den Herzbeutel des Tintenfischs aber verwechselte er mit dessen Leber.“ : Bild: Konrad Theiss Verlag

          Leroi geht all dem mit großer Sachkenntnis nach: Aristoteles las in den „Indika“ des Ktesias von einem großen gefährlichen Tier, das die Inder martichoras nannten. Aristoteles bekam diesen „Menschenfresser“ (vermutlich ein Tiger) nie zu Gesicht. Dennoch kritisiert er Ktesias’ Ansicht, dieses Tier habe anders als alle bekannten lebendgebärenden Vierfüßer eine dreifache Zahnreihe. Lerois Untersuchungen zeigen akribisch, was Aristoteles sehen konnte und was nicht. Aristoteles entdeckte den plazentaähnlichen Dottersack des Grauen Glatthais (Mustelus mustelus), den Begattungsarm (Hectocotylus) des Octopus vulgaris und dessen Gehirn. Den Herzbeutel des Tintenfischs aber verwechselte er mit dessen Leber. Dass Tintenfische drei Herzen haben, konnte erst Jan Swammerdam im siebzehnten Jahrhundert unter dem Mikroskop sehen.

          Dunkel bleibt, wie Aristoteles schreiben konnte, Löwen hätten nur einen Halswirbel. Obwohl zu seiner Zeit in den makedonischen Tälern noch Löwen lebten, hat er wohl nie einen Löwen zu Gesicht bekommen. Seltsam ist auch die Behauptung, der Mensch habe acht Rippen. Manche anatomischen Fehler sind die Frucht falscher Analogien. Eingriffe in den menschlichen Körper oder die Sektion von Leichen waren in der Antike tabu, Erkenntnisse über die inneren Organe des Menschen gewann man im Analogieschluss.

          Dass viele der von Aristoteles sezierten Säugetiere eine paarige Gebärmutter haben, könnte erklären, warum er glaubte, die Gebärmutter sei auch beim Menschen paarig (ein Fehler, den noch Leonardo da Vinci wiederholt). Ausgiebig würdigt Leroi Aristoteles als Begründer der vergleichenden Anatomie. Lehrreich beschreibt er die Erfahrung eines anatomischen Laien: „Sezieren ist schwer. Wenn man eine Leiche öffnet, sieht man die Organe nicht ordentlich ausgerichtet, logisch verbunden und praktisch in Kontrastfarben ausgezeichnet, sondern einen Sumpf von kaum unterscheidbaren Röhren und Beuteln und Membranen, die in Lachen von Körperflüssigkeiten schwimmen. Was man in diesem Sumpf sieht, wird stark von dem geprägt, was man erwartet.“

          Es ging ihm um die tierischen Organe

          Aristoteles schilderte die innere Anatomie von etwa 110 Tieren; mehr als 60 Spezies sezierte er selbst. Die Sektionen fanden ihren Niederschlag in einem voluminösen, heute verlorenen Anatomischen Atlas. Als Aristoteles wieder nach Athen zurückkehrte, um am Lykeion zu lehren, benutzte er das Bildwerk im Unterricht. Leroi betont, dass Aristoteles nicht bei einer deskriptiven anatomischen Morphologie stehenblieb. Vielmehr ging es ihm, insbesondere in „De partibus animalium“, um die funktionale Kausalanalyse der tierischen Organe. Treffend demonstriert Leroi, dass der gern mit dem Klischee des Systematikers verknüpfte Aristoteles keine starre taxonomische Klassifikation, kein fixes zoologisches System anvisierte. Seine Zoologie war von verschiedenen Erklärungsabsichten geprägt. Im Einklang mit einigen modernen Interpreten begreift Leroi die aristotelische Schrift „De anima“ nicht als Psychologie moderner Provenienz, sondern als Grundlagentext zur Klärung der Frage, was Leben bedeutet. Im Rekurs auf wichtige Stellen der Metaphysik argumentiert er, der Ausdruck eidos entspreche in der aristotelischen Biologie dem Konzept der genetischen „Information“.

          Die Übersetzer haben Lerois glänzend geschriebenes Buch flüssig ins Deutsche gebracht; der Verlag hat es ansprechend gestaltet. Besonders wertvoll sind die Rekonstruktionen einiger aristotelischer Zeichnungen. Überdies enthält der Band nützliche Anhänge und Tabellen, so etwa ein informatives Glossar, das die von Aristoteles erwähnten griechischen Tiernamen mit der modernen wissenschaftlichen binären Nomenklatur abgleicht.

          Armand Marie Leroi: „Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand“. Aus dem Englischen von S. Schmidt-Wussow und M. Roth. Konrad Theiss Verlag WBG, Darmstadt 2017. 528 S., Abb., geb., 38,– €.

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