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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Sloterdijks Notizbücher Kann man sich Hegel beim Fernsehen vorstellen?

 ·  Wenn sich das eigene Gehirn anfühlt wie das Zentralkomitee einer Partei, die zu lange an der Macht war: Der Philosoph Peter Sloterdijk öffnet mit „Zeilen und Tage“ seine Notizbücher.

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© dpa Der Autor als Kunstgegenstand: Margret Eichers Wandteppich „Peter Sloterdijk vor der heiligen Inquisition des Trivialgeschmacks“

Ursula anrufen.“ Dieser genügsame Fürsorgeimperativ steht ohne Befehlszeichen, aber mit dem Gewicht seiner schieren Evidenz ganz rührend und einsam im ersten Drittel des heute erscheinenden Tagebuchs, besser wohl: Journals oder Notizkonvoluts Peter Sloterdijks. Ein rätselhaft schlichter Findling, am 19. Mai 2009 zu New York in die Welt gesetzt, ragt einsam aus dem Meer tief gründender Absätze, Aphorismen und weitreichender Ausführungen. Warum überrascht uns der sonst überlegt ausführende und -deutende Autor mit einer uns Unbekannten, von der wir nun allein wissen, wie sie heißt und dass sie angerufen werden soll? Winkt er ihr aus zwanzigtausend Zeilen heimlich zu? Hat der Autor das Steinchen (als Lapidar oder Lapsus?) auf die Lesestrecke gekullert, den Leser zu verhaspeln, damit er verdutzt den unablässigen Geistreichtum um so mehr wertschätze? - Nein. Da hätte er mehr Ursulinen streuen müssen. Aber ihrer bedarf es nicht.

Das Buch sorgt selbst für Spannungswechsel und variablen Wellengang. Reflektiertes Erleben, Bonmots und Lektüreerträge fügen sich zu ungezählten Ansichten (im doppelten Sinne - und ähnlich und anders als die Georg Forsters vom Niederrhein); Ansichten, die zu verblüffen wissen, ein- und aufleuchten. Der Leser lustwandelt auf Kurzstrecken und stemmt Halbdistanzen; ein Tour-de-force-Buch über leichte und schwere Etappen.

Merkwürdig und amüsant

In solchen Büchern pflegt man kleine wie große Dinge zu erörtern - beides schwierig; die kleinen übersieht man leicht, die großen sieht man erst gar nicht. Also sagt der Diarist: Seht hin, die Dinge sind doch im Grunde so einfach (einfach so): „Der Raum ist nur ein Mittel, zu verhindern, dass sich alles an derselben Stelle befindet.“ - So ist es. Das Einfache freilich ist, wie wir von Clausewitz wissen, schwierig. Und diese der Einfachheit des Lebens, hier eines Philosophenlebens, sich zu verdankenden Schwierigkeiten - welche es auch sein mögen, der Autor muss sich ihrer nur angenommen haben - erörtert er leichtgängig, elegant, plausibel, fachgemäß. Man staunt über die Weite und das vielmals Treffliche seiner Sätze und Sentenzen. Da waltet freigiebige Findigkeit: Die Entdeckung, Lacans „Name des Vaters“ (Nom-du-Père) sei ja die den Sohn und den Heiligen Geist unterschlagende Dreifaltigkeitsformel, darf sein Finder fortan für sich verbuchen.

Sloterdijk bemerkt einführend, er habe die merkwürdigen und amüsanten seiner Notizen belassen (wenn auch abermals gestriegelt), die belanglosen und ganz peinlichen dagegen für den Druck getilgt; das Gestrichene überwiege drei zu eins - geblieben sind uns somit sechshundertvierzig Seiten von beinahe zweitausend. Schade. Denn der Leser (vulgo ich; der ja, so Heinz von Förster, die Bedeutung eines Textes bestimmt, ihm auch Wünsche anträgt) frohlockte immer gerade dann, wenn über den Zeilen der Sinnreichtum und Duft des Banalen und des Peinlichen aufbrach. Warum sonst liest alle Welt Samuel Pepys’ Belanglosigkeiten gern? Weil er uns damit in eine Welt führt und wir sie so noch heute zu schmecken und riechen meinen.

Deutschland als Echokammer für Hysterie

Peter Sloterdijks Notizfülle dreier Jahre wäre ohne Streichung des peinvoll Alltäglichen zwar geschwollener, wohl aber kurzweiliger, vielleicht ertragreicher, womöglich begehbarer geworden? Nun, wir kennen diese Auslassungen (wieder im doppelten Sinne) nicht. Und dem Rezensenten muss ohnehin keiner folgen. Überdies und ohne Mäkelei: Der Autor Sloterdijk wollte eben kein Tagebuch aufgelegt wissen; „datierte Notizen“ sollten es sein, Cahiers, Pensées, Hypomnemata. Er ficht in diesem Sinne auch gleich eingangs wider die „Peinlichkeit des Ich-Sagens“; das hat gewiss respektable Gründe - freilich sind solche Vermeidrenkungen oft selbst peinlich. „Idiotisch bin ich, wenn ich heute festhalte, wie im Garten die Krokusse aufgehen.“ Da möchte der Leser behutsam einwenden: Nicht doch, selbst die Nachkommen werden einen Krokus zwischen all den Abstraktblüten süß duften sehen, unterdes kaum einen noch bewegen wird, dass heute ein Euro - und zu Goethes Zeiten ein Taler - scheiterte oder dass es einmal auch einen Karl-Theodor zu Guttenberg gab.

Je nun, wir leben und erleben heute, und wir bestaunen ein dieser Zeit verhaftetes Buch als Jetztsassen. Darum weiß der Einfall, Slavoj Zizek betreibe die „Aufhebung der Psychoanalyse ins Kabarett“, die Zeit- wie Geistgenossen zu entzücken. Und der Klartext: Der Königssohn Guttenberg habe „Kieselsteine gestohlen“ und solle büßen, „als seien es Juwelen gewesen“, rückt den Vorfall selbst auf den angemessenen Platz (ganz hinten), reißt aber einmal wenigstens „die intellektuelle Hetzmeute“ ins Licht; Deutschland sei, so Sloterdijk, eine „Echokammer für Hysterien und Vorwürfe“ und für „sinnlose Aufregung“.

Ein Buch voller gelungener Sätze

“Das Unglaubliche ist der einzige Maßstab, an den zu glauben immer richtig ist.“ Das steht trefflich und beständig da. „Großmutter und Enkel: nicht die tiefste, aber die schönste, die humanste Beziehung auf Erden.“ Solche Beobachtungen sind liebherzig und gut ausgelotet. Auch von den reich gestreuten Lesefrüchten Sloterdijks wissen viele zu verblüffen: Auf Suaheli seien Politiker „wabenzi“: Leute im Mercedes-Benz; der junge Freud habe als Physiologe über die Hoden des Aals (!) gearbeitet; die Futuristen, lesen wir, bekämpften die Nudel (“Antipasta“); und Napoleons Pferd, welches einst die Weltseele trug und Marengo hieß, starb wie Hegel im Jahre 1831. „Die Welt ist weiter auf Nudelkurs.“ Allein, der Leser zaudert: Muss man diese leichtgängige Art der Redegewandtheit nicht doch beargwöhnen? Und wie es Sloterdijk gelingt, alles und jedes immer recht apo-, jedenfalls benediktisch (wohlgesprochen) zu bedenken? Wohl nicht. Aber warum keimt überhaupt Misstrauen? Nun, zum einen verdankt es sich wohl der erwähnten Tilgung des aufschlussreich Unbedeutenden und der persönlichen Offenbarungen, die ihm die „Bild“-Zeitung im Interview doch abzuringen vermochte: „Ein Zuhörer wollte wissen, seit wann mein Friseur im Gefängnis sitzt. Seit 1968.“

Ohne Trivialitäten dämpft sich der Wellenschlag des täglichen Textes selbst und wird streckenlang zum datierten Essay, zum numerierten Fachaufsatz. Sloterdijks Satz über Goethe lässt sich in mancher Hinsicht auch gegen ihn selbst kehren: „Was ich an Goethe ebenso faszinierend wie entnervend finden kann, ist die Art und Weise, wie er sich ständig die Dinge zurechtlegt, um sie in seine unnachgiebig erbauliche Selbstfiktion zu integrieren.“ Darf man im folgenden Selbstzweifel erkennen? „Das eigene Gehirn ist wie das Zentralkomitee einer Partei, die zu lange an der Macht war.“ Das trifft auch andere Hirne. Hier jedenfalls reicht es nicht zum Einwand oder Misstrauensgrund wider ein Buch voller gelungener Sätze. Vielmehr erstaunt anderes: Zum einen das Lesepensum des Philosophen. Sloterdijk gräbt sich durch Textgebirge oder besser: delphiniert durch Textgewässer aller Art - seiner Berufung ist es zuträglich. Sein Schreibpensum macht ihn eher verdächtig.

Reisen, arbeiten, lesen

Wie schafft er das? Unterdes er diese Notizen schrieb und nebenan noch ein siebenhundertseitiges Buch (“Du musst dein Leben ändern“, 2010), arbeitete er beiläufig an weiteren, unterhielt eine Dozentenstelle und gab den philosophischen Fernsehmann und bespielte sonstwelche Nebenplätze. Ob er am „Herumspringen im europäischen Tagungszirkus“ teilnimmt, erschließt sich nicht - das Wort ist auf Flusser gemünzt.

Geht denn das? Und wie? Säße er in einer Klause, verstünde man seinen unabweisbaren Lese- und Schreibfleiß; der dort aber gewiss rasch versiegte, denn Sloterdijk braucht anscheinend und stemmt auch ein titanisches Reisepensum. Anstatt des benediktinischen Imperativs „ora et labora et lege“ waltet ein: „reise, arbeite, lies!“ Bisweilen hört man den Fahrenden innehalten, stöhnen; und schon ist er wieder unterwegs. Das Leid des Unentwegten gehört zum sinnierenden Nomaden; uns bleibt, diese Beweglichkeit als „Fitnessphänomen“ eines „Energiesubjekts“ (im Buch auf Napoleon gemünzt) zu bestaunen.

Nichts Unüberlegtes

Doch was kümmert uns das? Dem Autor will abermals - das allein zählt! - ein Buch gelingen. Und für den Leser bleibt etwas Bestrickendes über: Er nagt nicht nur am wortwaltenden, vielwissenden Genius, sondern verkehrt mit ihm in höheren Kreisen und kommt viel herum. Ein nobler Kreis der Geburtstagsgratulanten ruft den Philosophen im Mailänder Hotel an. Der Reihe nach: Peter Weibel, Ulla Berkéwicz, Raimund Fellinger, Hubert Burda, Prinz Max von Baden und Peter Handke. Hallo!

Überdies reist der Leser weltweit mit nach: Zürich, Appenzell, dreimal Wien, New York, zweimal St. Blasien, Weimar, Tübingen, Mailand, Stuttgart, Wolfsburg, Birmingham - alles in nur zwei Monaten des Jahres 2009! Unterdessen sprießen allerorten Apophthegmata: „Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum.“ Oder: „Die Gattung wird immer dicker. Die adipöse Dynamik der Menschheit ist ein Verfall, der als Zunahme erscheint.“ Oder: „Im Feuilleton turnen die abgeklärt aufgeklärten Äffchen und beweisen mit Kopfständen, Salti und munteren Rädern, dass der Islamismus im Grunde ganz gutartig sei.“

Keiner kann behaupten, solchen Beobachtungen hafte etwa Vielfahriges, Unüberlegtes an. Die Früchte sind gereift und schmackhaft. Ob man sich Hegel beim Fernsehen vorstellen könne, mit der Fernbedienung in der Hand?, fragt sich der Autor einmal zweifelnd. Oder telefonierend am Flughafen wartend?, fragen wir. Hegel nicht, Sloterdijk schon. Der Flughafen ist es, der als „Daseinsmodus“ heute den „Sturz nach oben“ bewirkt. Und lesen könnte man das ersprießliche Buch dort auch gut.

Peter Sloterdijk: „Zeilen und Tage“. Notizen 2008 bis 2011 Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 639 S., geb., 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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