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Peter Körte Später Schrecken: „Die zwölf Brüder“

19.01.2006 ·  Zwölf Söhne sollen sterben für die eine Königstochter. Was von den Bildern des Märchens „Die zwölf Brüder“ ausgeht, das können auch all die Horrorfilme nicht dämpfen, die man gesehen hat.

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Wovor es einen mal gegruselt hat, davor ist man auch später nie sicher. Das ist bei Märchen so, und doch kann es passieren, daß man Jahrzehnte später staunt, was man überhört und deshalb auch übersehen hat, weil es nie zum Bild der Phantasie geworden ist.

Als Kind tat mir das Mädchen in den „Zwölf Brüdern“ einfach nur vage leid; mit Schaudern aber und befriedigt zugleich hörte ich, daß die böse Schwiegermutter in einem Faß mit siedendem Öl und giftigen Schlangen ihr Ende fand. Als Vorleser erschienen mir „Die zwölf Brüder“ wie eine Hardcore-Version der eigenen Erinnerung.

Zwölf Söhne sollen sterben für die eine Königstochter; sie kommen nur davon, weil die Mutter es nicht erträgt - und das unschuldige Mädchen muß es büßen. Wieder und wieder, mehr eigentlich, als ein Mensch ertragen kann. Es muß sieben Jahre schweigen, weil es zwölf Lilien abgebrochen hat - „das waren deine Brüder“, sagt die unvermeidliche alte Frau; es steht schon auf dem Scheiterhaufen, es muß dem Ehemann verzeihen, obwohl der sich von seiner Mutter hat aufhetzen lassen. Und kein Wort davon, daß sie am Ende dann alle, wie in „Die sieben Raben“, „fröhlich“ heimziehen.

Statt dessen stehen da, noch bevor das Mädchen geboren ist, schon zwölf Särge bereit, da werden noch nach mehr als einem Jahrzehnt die Hemden der Brüder gewaschen, und die Särge „mit den Hobelspänen und den Totenkißchen“ stehen noch immer in einem verschlossenen Zimmer. Was von diesen Bildern ausgeht, das können auch all die Horrorfilme nicht dämpfen, die man gesehen hat. Was ist dagegen schon eine in Öl gesottene böse Schwiegermutter? Ihr grausames Ende hat einen damals immerhin vor der grausameren Ahnung geschützt, daß es Dinge gibt, deren Schrecken jedes Happy-End überdauert.

Die Kinder- und Hausmärchen, versehen mit Anmerkungen der Brüder Grimm, gibt es im Reclam Verlag für 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 20.01.2006, Nr. 17 / Seite 34
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