11.05.2006 · Nachdem Peter Handke wegen seiner Teilnahme am Milosevic-Begräbnis vom Spielplan der „Comedie Francaise“ gestrichen worden war, blieb der Protest gering. Jetzt haben sogar mehr als hundert Intellektuelle den Akt der Zensur verteidigt.
Am vergangenen Sonntag wurden Peter Handke und sein Übersetzer vom französischen Kulturminister empfangen. Schon zuvor hatte Renaud Donnedieu de Vabres deutlich gemacht, daß er die Absetzung des Stücks „Spiel vom Fragen“ für falsch halte, und dies auch dem Leiter der „Comedie Francaise“, Marcel Bozonnet, mitgeteilt. Der Minister bot in einem Brief an, als Vermittler aufzutreten.
Lange hatte es gedauert, bis in Frankreich überhaupt bemerkt wurde, daß Handke am Begräbnis von Milosevic teilgenommen hatte. Erst eine kleine und späte Meldung in der Rubrik „Sifflets“ (Ausgepfiffen) des „Nouvel Observateur“, in der Handke als „Revisionist“ bezeichnet wurde, veranlaßte Bozonnet, Handke vom Spielplan zu streichen.
Gegen die Absetzung protestierten nur wenige
Die Antwort Handkes hat das Magazin nie veröffentlicht, vor ein paar Tagen interviewte ihn „Le Monde“, gestern druckte nun „Liberation“ seine Replik. Sie enthält nichts Neues und auch nichts Skandalöses. Handke kritisiert die historischen Gleichsetzungen mit Hitler und wehrt sich gegen den Vorwurf, die Verbrechen der Serben zu leugnen. Die französischen Intellektuellen verstärken derweil ihre Unterstützung für Bozonnet. Der bedeutende Dramatiker Olivier Py hat sich bereits für die Zensurmaßnahme ausgesprochen.
Am Mittwoch wurde in Paris eine Liste mit den Namen von mehr als hundert Intellektuellen veröffentlicht. „Das Recht, nein zu sagen“ ist sie betitelt - eine euphemistische Formulierung, die kaschieren soll, daß mit dem Aufruf ein Akt der Zensur gerechtfertigt wird. Theaterdirektoren, Festivalleiter, Dramatiker und Schriftsteller haben ihn unterschrieben: von Ariane Mnouchkine bis Helene Cixous. Auch der in Paris lebende chinesische Nobelpreisträger für Literatur, Gao Xinjang, ist vertreten. Gegen die Absetzung des „Spiels vom Fragen“ protestierten zuvor nur wenige: der Schweizer Paul Nizon, die ebenfalls in Frankreich lebende Schriftstellerin Anne Weber, der Franzose Patrick Modiano, ein Außenseiter der intellektuellen Szene, der sich kaum je in Debatten einmischt (siehe auch: Solidarität mit Peter Handke).
Die Reaktion der französischen Kulturschaffenden erweckt den Eindruck einer heiligen Allianz, die über alle Differenzen hinweg gebildet wird. Auch die sehr starke „proserbische Fraktion“, die wie Handke argumentiert, unterstützt ihn bislang überhaupt nicht. Daß die französische Kultur im Zweifelsfall so protektionistisch reagiert wie die Industrie in Übernahmeschlachten, ist nicht neu. Während der Karikaturen-Affäre wurde Voltaire mobilisiert und seine Kritik des Fanatismus und aller Religionen erwähnt. Daß der Aufklärer die Meinungsfreiheit auch für Andersdenkende forderte, hat im Zusammenhang mit der Handke-Affäre noch keiner gesagt.